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Ausgabe Juni 2011
Pranayama, Das Tor zur inneren Stille; Interview mit Dr. Shrikrishna Bhushan Tengshe

Dr. Shrikrishna Bhushan Tengshe hat als Mediziner und Yogatherapeut in Mumbai jahrzehntelang eines der größten Yoga-Gesundheitszentren Indiens geleitet. Er gilt als Spezialist für Pranayama, einer besonderen Yoga-Atemtechnik. Wir sprachen mit ihm über die Essenz seiner Seminare, die er am idyllisch gelegenen Rosenwaldhof gibt.

KGS: Dr. Shrikrishna, im Yoga heißt es, der Geist sei der Herr über die Sinne und die Atmung der Herr über den Geist. Wie lässt sich dies erleben?

Dr. Shrikrishna: Atmen und Pranayama ist ein Prozess, um das Tor zur Innere Stille zu öffnen. Wir können dadurch in den Zustand der Mediation gelangen. Dabei ist man nicht es selbst, der atmet, sondern Atmung unterliegt einem inneren System. Diesen Prozess gilt es bewusst zu erleben. Lassen wir den Atem einfach geschehen und fließen, so wird er ruhig. Wir beherrschen ihn nicht, sondern werden ein Freund mit ihm und tanzen eher. Dies ist prakrit pranayama, die erste Stufe der Praxis, der Atmen der natürlich fließt. Dann können wir auch anfangen in verschieden Weisen zu tanzen, durch achtsame, der natürlichen Atemregulation nicht zuwiderlaufende Techniken und eine Verlangsamung der Atemaktivität. Dies ist vaikrit pranayama. Damit einhergehend kommt es zu einer Beruhigung der gewohnheitsmäßigen Denktätigkeit des Geistes, so dass eine tiefe innere Stille eintreten kann und eine Weitung des Bewusstseins erlebbar wird. Diese dritte Stufe des Pranayama, der stille, wache und offene Geist und die ruhige, ungestört und sanft fließende Atmung wird traditionell mit dem Begriff kevala pranayama bezeichnet. Ich lasse es also zunächst fließen, dann modifiziere ich es, bis schließlich der Atem, meine Gedanken und ich ganz ruhig werden – bis hin zu einem Punkt, wo man gar nicht mehr sagen kann, ob sich etwas bewegt, da es so subtil und fein ist. Dann bin ich in Meditation, ohne Anstrengung und Kraft.


Im spirituellen Sinne beschreiben viele diese Erfahrung als Gotteserfahrung.Wie ist Ihre Formulierung dafür?

Wir sprechen nicht von Gott. Wir sprechen von der Verbindung mit unserem Selbst und von der Verbindung unseres Selbst zu dem, was außerhalb davon ist. Durch diesen Prozess kommen wir voran. Nehmen wir zum Beispiel unsere alltäglichen Ansichten und Glaubenssätze. Sie sind einerseits ganz hilfreich. Andererseits: Kannst du auch ohne diese Ansichten und Meinungen sein?
Es ist ganz wichtig, um sich zu entwickeln und Neues kennenzulernen. Du darfst nicht von einer Erwartung ausgehen und sagen, das will ich sehen – sei es Gott oder der Heilige Geist. Du musst vielmehr offen sein und einfach schauen: Was begegnet mir, was ist meine Erfahrung? Denn du bist der Entdecker und der ganze Prozess der Entwicklung ist ein eigenes Ent- und Aufdecken deiner Realität. Was ist da? Es ist keine kreierte Imagination.
Und dann kann ich mich auch fragen, wer ist dieses Ich in der Meditation? Dieser Zustand kann jedoch nicht in Worten erklärt werden. Finde es selbst heraus!


Hier scheiden sich die Geister in den verschiedenen spirituellen Strömungen. Einige haben eine genaue Vorstellung von dem, was sie erwarten könnte, andere wollen genau diese Vorstellung vermeiden.

Bildimagination beziehungsweise Bilder können helfen als auch hinderlich sein. Es heißt zum Beispiel „am Anfang stand das Wort“. Bilder sind somit eine Notwendigkeit und helfen uns. Doch zugleich können sie blockieren. Anders gesagt, einerseits können Bilder uns mit dem verbinden, was jenseits liegt; anderseits, wenn man sie als bildliche Beschreibung und Schilderung vom Jenseits nimmt, hindern sie uns daran, das, was wirklich ist, wahrzunehmen.


Ein anderer wichtiger Aspekt jeder Entwicklung ist der feste Wille nach Veränderung und neuer Erfahrung. Was sagen die alten indischen Schriften dazu?

Patanjali sagt: Je stärker dein Wunsch ist, desto freier wirst du von dem, was dich beschränkt und in deiner Entwicklung eingrenzt. Doch was kommt, wenn ich frei von diesen Begrenzungen bin? Finde es raus. Mit deinem Wunsch, doch eben nicht mit einem Bild von dem, was da sein soll. Und der Wunsch darf dabei zugleich niemals aus Angst entstehen. Dies wäre dann ein Wunsch, der allein dazu dient, die Begrenzung aufrechtzuerhalten.
Spiritualität ist dabei zugleich überall und jenseits der Mauer in mir. Spiritualität bedeutet somit, sich seiner eigenen Natur bewusst zu sein. Doch normalerweise bin ich begrenzt und blind, da meine Augen fokussiert auf meine eigenen Interessen sind. Meine Ängste, mein Zorn, meine Bedürfnisse, mein Verstehen.


Ist diese Subjektivität der Grund, warum wir einen Meister bzw. Guru brauchen?

In unserer indischen Tradition gibt es verschiedene Ebenen der Bedeutung. In der heutigen Verwendung meint Guru, dass es eine Autorität gibt, der ich folge – blind. Das Vertrauen in den Guru resultiert dabei gewissermaßen in einem unveränderbaren Glauben, in das, was der Guru sagt. Es kann so auch eine Sackgasse sein, mit vielen weiteren Problemen. Am offensichtlichsten ist dabei: Der Blinde leitet die Blinden. Dann ist der Guru eine Gefahr, da er nicht das lehrt, was wirklich ist.
Auf der anderen Hand kann ich in bestimmten Situationen, gerade wenn ich beginne nach und nach mich selbst zu entdecken, jemanden benötigen, der etwas über mich sagt. In der indischen Tradition hat somit der Guru eine gewisse Rolle: Er soll mich „nur“ leiten – ganz so wie an einem gefährlichen Berg, wo er mir den sichersten Weg zum Besteigen zeigt. Aber es ist meine Motivation, mein Mut, meine Bereitschaft und physische Stärke, die mich zur Spitze bringt. So gibt es auch verschiedene Gurus in verschiedenen Lebensabschnitten und jeder kann mein Lehrer sein. Es ist wie mit einem Laternenmast. Er kann mir Licht geben, aber ein anderer Laternenmast ebenfalls.


Interessieren sich darum immer mehr Menschen in Deutschland für Yoga? Fehlt es vielen an Orientierung in ihrem Leben?

Die demographische Entwicklung der letzten Jahrzehnte führte dazu, dass die meisten Menschen als Singles leben. Selbst wenn sie mit jemanden zusammen wohnen, so ist es ein Unterschied zu einer Ehe beziehungsweise dem einstigen Modell von mehreren Generationen unter einem Dach, mit Großeltern und Enkeln. Dies hat Auswirkungen auf uns Menschen. Die tieferen Bedürfnisse verändern sich. Die Menschen fühlen sich zunehmend allein, nicht miteinander verbunden und dafür mit sich selbst beschäftigt. Was fehlt, ist dabei nicht der Kontakt mit der äußeren Welt, sondern gerade der mit der eigenen inneren. Das Denken wird zur alleinigen Definition von Leben, doch das ist nicht real. Yoga gibt somit den Menschen einen Weg, moderne Probleme des urbanen Großstadtmenschen zu begegnen. Gerade auch da erkannt wird, dass materieller Wohlstand keine Garantie ist, sich frei zu fühlen. Im Gegenteil, es beengt, da man sich Sorgen macht.


Vielen Dank für das Gespräch.

Bewusstseinsübung für Körper und Atmung nach Dr. Shrikrishna Bhushan Tengshe

Ich setzte mich gerade hin und spüre meinen Körper. Ich gehe zunächst durch jede Region und bin mir dann aller Teile meines Körpers gleichzeitig bewusst. Meiner Vorder- und meiner Rückseite zur gleichen Zeit. Der rechten und der linken Seite zur gleichen Zeit. Eine ganz vollständige, einheitliche Erfahrung. In der gleichen Weise nehme ich auch meine Umgebung wahr. Die Umgebung umgibt mich, sie ist außerhalb meiner selbst. Aber das, was sich in meinem Inneren befindet, und das, was in meiner Umwelt existiert, ist zur gleichen Zeit da. Meine Körperoberfläche, meine Haut ist keine Grenze oder Trennlinie, sondern eine Art Brücke zwischen dem, was im Inneren ist, und dem, was im Äußeren sich befindet. Solange ich existiere, existiere ich niemals nur als Körper, da ist immer auch eine Umgebung, die mich umgibt. Die Dinge in meiner Umgebung oder auch die Menschen, das mag sich verändern, aber die Umgebung als solche ist immer da. Das heißt, ich nehme beides gleichzeitig wahr, das, was Außen ist, und das, was im Innern ist, so wie die zwei Seiten einer Medaille. Das ist eine Realität.

Wenn man bei der Atmung ist, wird man besonders an die Tatsache erinnert, dass das Äußere und das Innere stets zusammengehören. Atmung bedeutet den ständigen Luftstrom von Außen nach Innen und von Innen nach Außen. Ich kann den sanften Kontakt mit diesem Strom spüren, wenn er in meine Nasenlöcher eintritt. Ich spüre ihn auch im Inneren der Kehle, wenn er in den Brustkorb hineinströmt. Ich spüre auch, wie meine Atmung sich im Brustraum bewegt. Ich spüre diesen sanften, leichten Kontakt, wenn der Luftstrom die Luftwege entlang streicht, sich von Außen nach Innen bewegt beziehungsweise von Innen nach Außen. Gleichzeitig werde ich mir auch der Bewegungen bewusst, die im Brustraum stattfinden, im Bereich von Zwerchfell und Bauchwänden. Der Rest des Körpers ist vollkommen frei von jeglicher Bewegung. Das sind die einzigen drei Regionen, die direkt mit der Atemaktion beschäftigt sind.

Falls die Atemaktivität im Moment ganz sanft, ganz sacht verläuft, dann werde ich spüren, dass im Brustraum keine allzu große Bewegung da ist. Es wird sich im Wesentlichen um die Bewegung des Zwerchfells handeln. Diese spiegelt sich in der Bewegung der Bauchwände wider. Ich kann mir die Bewegungen all dieser Regionen ganz leicht bewusst machen. Wenn ich die Empfindungen, die der Luftstrom auslöst, während er die Luftwege entlang strömt und die Bewegungen der Muskulatur, die an der Atmung beteiligt sind, in diesen drei Regionen miteinander kombiniere, dann weiß ich insgesamt wie die Atmung geschieht. Ich spüre, dass die Atmung ganz ruhig strömt. Dafür muss ich mich auch nicht allzu sehr anstrengen. Die Atmung scheint von selbst zu fließen. Da geschieht etwas auf eine ganz natürliche Weise. Ich muss keine Kraft anwenden, ich muss nicht hart darum kämpfen, ich brauche mich überhaupt nicht irgendwie darum zu bemühen, dass ich atme. Das scheint irgendwie zu funktionieren, ohne dass ich mich in irgendeiner Weise darum bemühe.


Und nun stelle ich mir folgende Fragen:
Woher weiß ich, dass es das ist, was vor sich geht?
Muss ich irgendjemanden fragen?
Wie kann mir irgendjemand von Außen sagen, was in meinem Inneren vor sich geht?
Ich allein weiß, was ich spüre, was ich erlebe.
Was spüre ich gerade?
Ist meine Atmung wirklich tief?
Ist sie langsam?
Das Wichtigste: Geht sie mühelos vor sich?


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