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Ausgabe Februar 2011
Schamanische Einweihung - Eine Reise zu den Schamanen Sibiriens
ein Bericht von Petra Hinze


Die Trommelschläge lassen mich aufblicken. Mir schießen tausend Gedanken durch den Kopf, was wird danach anders sein? Werde ich geliebte Dinge, Menschen Umstände loslassen müssen, weil es einfach so sein wird? Was mache ich hier mitten in Sibirien sitzend auf einem Stuhl in einer Holzhütte? Vor mir der liebevoll gedeckte Tisch. Schälchen mit Süßigkeiten, herzig dekoriert mit einer Haube Butter. Andere Schalen gefüllt mit Milch, Wodka, selbsthergestellte Kerzen aus Ghee - als Ehrung für meine Vorfahren. Meine Schamanenutensilien sehe ich direkt vor mir. Neben mir sitzt einer der höchsten Schamanen aus der Baikalregion - Bair Shambalowitsch.

Er leitet den Schamanenverein der Tengeri, dem etwa 100 Schamanen angehören. Er trommelt und nimmt den Kontakt zu seinen Vorfahren und seinem Ongone, Geist, auf. Heute werde ich als Schamanin geweiht. Eine der ersten aus Westeuropa. Vieles ist mir vertraut und auch fremd. Ich werde nun mit einheimischen Kräutern geräuchert. Mein wunderschöner Schamanenmantel, der mich schützen soll und mich vom Außen trennt, wird mir umgelegt. Meine Mütze wird mir aufgesetzt. Ich erhalte meine Utensilien: Glocke, Schamanenstab… Achtung und Respekt erfüllen mich. Ich höre noch die Worte eines Freundes: Du kannst jederzeit aufhören.
Meine Gedanken kreisen wild durcheinander: Bin ich dem wirklich gewachsen? Bilder aus meiner Kindheit tauchen auf.

Meine medizinische Ausbildung vertiefte ich durch verschiedenste Fortbildungen. Sie gibt mir heute meine Basis. So begegnete ich dem Schamanismus vor Jahren und bekam für die Dinge, die ich erlebte und spürte einen Namen. Ich erweiterte mein Wissen und lies mich viele Jahre im keltischen Schamanismus ausbilden. Auf dem Kongress „Ärzte und Heiler im Dialog“ hielt ich einen Vortrag über den Schamanismus und begegnete Marina Schötschel. Sie stellte mir den Kontakt zu Bair – einem Schamanen aus Sibirien – her. Nach einer Sitzung mit ihm war ich klarer, erkannte noch mehr Zusammenhänge. Viele Fragen stiegen in mir auf. Ich war weder krank noch hatte ich ein Leiden – doch Fragen, Fragen über Fragen! Meine Erwartungen wurden zunächst nicht erfüllt. Stattdessen erzählte er mir meine Lebensgeschichte! Ich hörte über die Entwicklung meiner Gaben und Fähigkeiten, dass ich im Alter von 14 Jahren an einer Schamanenkrankheit litt. Ich war tief beeindruckt. Auf die Frage, was ich tun könne, lud er mich zum Baikalsee ein, zu einer Reinigung und einer Einweihung zur Schamanin, um meine Verbindung zu den Ahnen stärken zu können, um zu entfalten, was in mir steckt.

Zum Baikalsee nach Sibirien! Meine Überraschung hätte nicht größer sein können. Ich erinnerte mich, vor vielen Jahren einmal dort gewesen zu sein. Die Entscheidung hinzureisen, beruhte auf einer außerordentlichen Auseinandersetzung in mir, mit mir und dem Erlebten.
So stieg ich im August letzten Jahres ins Flugzeug und wurde in Irkutsk empfangen. Mit mir reiste ein Schamane und so wurde jeder heilige Ort mit Wodka geehrt. Die Fahrt vom Flughafen zu unserem Ort am Baikalsee dauerte über 7 Stunden. Schon in diesen Momenten hatte sich die Reise gelohnt. Endlich angekommen, begegnete mir ein Ort umrahmt von der Schönheit des Baikalsees und den Bergen. 10 russische Holzhäuser schmücken diesen Ort. Am folgenden Tag soll hier ein großes Ritual in der Nähe des heiligen Schamanenfelsens stattfinden. Über 20 Schamanen wohnen diesem Ritual bei - alle in ihrer Schamanentracht im festlichen blau: TENGERI - Himmel. Birken wurden am Vortag ausgewählt und an einem besonderen Ort platziert. Man schmückt sie mit roten, gelben, blauen und weißen Stoffbändern. Die Birken, etwa 15 an der Zahl, stehen gesondert am Ort der Geister und Ahnen. Das gesamte Ritual dauert 8 Stunden. Trommeln und Gebete begleiten es die ganze Zeit und tauchen es in einen mystischen Rahmen. Besonders, wenn die Schamanen sich in Trance trommeln, die Geister ihrer Vorfahren in sich einladen, bis sie eins werden. Der Geist spricht durch den Schamanen, auch sein Verhalten ändert sich. Sich ganz dafür zu öffnen, sich dem Moment hinzugeben. Eine Hingabe, ein Zustand, welcher von den anderen geachtet und begleitet wird. Wenn der Geist da ist, folgt die Begrüßung. Man reicht ihm Tee oder Wodka je nach seinen Wünschen. Sie sind anerkannt und so gehen viele Menschen zu ihnen und stellen Fragen: was in nächster Zeit zu tun sei, was geschehen wird… Oft ist ein Übersetzter erforderlich, da der Vorfahre eventuell eine andere Sprache spricht.

Es ist das Alte, was ich spüre, noch während meine Gedanken kreisen. Dass es mehr gibt, als das, was für uns sichtbar ist.
An diesem Tag werden meine Halswirbelsäule und die Kiefergelenke eingerenkt, ein Seelenanteil zurückgeholt und ich werde mit geweihtem Wasser und Birkenzweigen gereinigt. Nun sitze ich auf meinem Stuhl. Die Gedanken lassen nach und ich lasse mich ein. Mir wird ein Schälchen Milch gereicht. Ich trage es nach draußen und ehre den weißen Weisen. In dieser Himmelsrichtung ist es etwas wolkenfrei. Die ganzen letzten Tage war es nur verregnet und dichter Himmel. Wirklich ein Zeichen? Viele kleine Zeremonien folgen. Ich werde mit geweihtem Wasser gereinigt. Ich sehe die geschmückten Birken in voller Pracht.

Meine Aufgabe ist es nun, über 30 Mal mit meiner gesamten Schamanenausrüstung um dieses besondere Wäldchen in einem bestimmten Rhythmus und einem Mantra zu laufen. Das muss für die anderen so lustig aussehen und ich denke wieder, was mach ich denn hier eigentlich. Ich schwitze. Bair, der Schamane, fand meine Runden nicht ausreichend. Ich solle nun über 100-mal herumlaufen. Wir einigen uns auf eine andere Zahl und ich war dankbar und erschöpft. Ich folgte den Anweisungen, mit einem Gebet und Mantra, in Trance zugehen, um meine Ahnin in mich einladen zu können. Das erlebte ich schon zuvor beim großen Ritual der Schamanen. Das Erlebnis einer solchen Einladung ist mir nicht fremd. Bair wusste von meinen Erfahrungen, Geister in mich aufnehmen zu können. Er sagte, wenn man sie nicht ruft und sie kommen von alleine, können sie Verletzungen hinterlassen. Sie sollen kommen, wenn man sie ruft. Es dauert, wie soll ich das machen, bewusst loslassen, mit dem Mantra. Ich werde liebevoll von allen unterstützt. Diese Herzlichkeit und Wärme… Ich höre das Mantra von Boris, die Aufforderung von Marina: Du kannst auch wütend oder traurig sein! Das hilft - ich kann loslassen und spüre wie die Tränen über meine Wangen rinnen und ich mich in einer anderen Sprache artikuliere. Insgesamt gehe ich 3 Mal in Trance und spüre, wie sich mein Gesicht, mein Ausdruck und Verhalten ändert, dass jemand anderes spricht. Es ist spät in der Nacht. Anschließend in der Holzhütte übermittelt mir Bair, dass ich nun eine Schamanin sei. Ich strahle ihn an, was für ein Tag! Der Himmel ist klar, die Sterne leuchten und es ist kalt. Seit wann gibt es den Schamanismus? Seit Menschen zwischen Himmel und Erde existieren.

Die Autorin Petra Hinze ist zahnmed. Prophylaxeassistentin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Schamanin.
Weitere Information auf www.petra-hinze.de


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