aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Dezember 2010
Christliche Mystik - Meister Eckhart und seine Predigten -
von Christian Salvesen


Nur selten wird in christlichen Kirchen von Mystik gesprochen, doch sie ist ein bedeutender Teil unserer abendländischen Kultur und stimmt im Kern überein mit den tiefsten religiösen Aussagen aller Religionen. Als bedeutendster Vertreter der christlichen Mystik gilt Meister Eckhart (1260-1328). Der Dominikanermönch machte in Paris seinen Magister (daher der Beiname „Meister“), lehrte in Paris und Köln, wurde Vorsteher („Provinzial“) seines Ordens in Deutschland, durch seine leidenschaftlichen Predigten berühmt und schließlich wegen Ketzerei angeklagt.

Stellen wir uns das einmal vor: Da steht jemand auf der Kanzel im Kölner Dom und sagt:
„Ich habe neulich darüber nachgedacht, ob ich wohl von Gott etwas annehmen oder begehren wollte: Ich möchte mir das gar sehr überlegen, weil ich da, wo ich der von Gott Empfangende wäre, unter ihm oder unterhalb seiner stünde, wie ein Diener oder Knecht; er selbst aber ein Herr wäre durch sein Geben; und so soll es mit uns nicht stehen im ewigen Leben.
Gott ist weder gut, noch besser, noch vollkommen. Wenn ich Gott gut nenne, so sage ich etwas ebenso Verkehrtes, als wenn ich das Weiße schwarz nennen würde.

Die nach nichts trachten, weder nach Ehren noch nach Nutzen noch nach innerer Hingabe noch nach Heiligkeit noch nach Belohnung noch nach dem Himmelreich, sondern auf dieses alles verzichtet haben, auch auf das, was das Ihrige ist, – in solchen Menschen wird Gott geehrt.

Alle Kreaturen sind ein reines Nichts: ich sage nicht, dass sie etwas Geringes oder überhaupt  irgend etwas sind, sondern dass sie ein reines Nichts sind.“
Diese Sätze gehören zu den 28 Sätzen Eckharts, die Papst Johannes XXII 1329 als häretisch erklärte. Tatsächlich sind alle Predigten von Meister Eckhart von derselben radikalen Einsicht durchzogen. Dementsprechend wurde jede weitere Veröffentlichung verboten. Die Predigten kursierten noch einige Zeit anonym. Eckarts Schüler Tauler und Seuse sorgten für einen kleinen Strom deutscher Mystik, der im Lauf der folgenden Jahrhunderte zunehmend versickerte. Erst im 19. Jahrhundert wurde Meister Eckhart wieder entdeckt.

Zu seiner Zeit waren die Menschen fasziniert von der kompromisslosen Wucht der Predigten. Das mag uns zu denken geben. Dieses Zeitalter war vielleicht nicht so dunkel, wie es seit der Epoche der Aufklärung dargestellt wird.
Im Folgenden möchte ich einige Auszüge aus Meister Eckharts Predigten bringen. Sie weisen alle auf jene „geistige Armut“, die Jesus in der Bergpredigt anspricht, auf das Loslassen von allem, was ich zu wissen glaube. Eckhart wusste sehr wohl, dass keine eigene Anstrengung, kein intellektuelles Verstehen zur höchsten Einsicht führen kann. Er predigte trotzdem. Die Gnade Gottes kann jederzeit wirken.

„Zum ersten heißt der ein armer Mensch, der nichts will. Diesen Sinn verstehen etliche Leute nicht recht. Sie meinen, der sei ein armer Mensch, der nichts will, als den allerliebsten Willen Gottes zu erfüllen. Ein solcher Mensch hat aber nicht die Armut, von der wir reden wollen: denn er hat noch einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genugtun will. Und das ist nicht das Rechte. Denn wenn der Mensch wirklich arm sein will, so soll er seines geschaffenen Willens also ledig sein, wie er war, da er nicht war. Und ich sage euch bei der Ewigen Wahrheit: Solange ihr diesen Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, und etwa nach der Ewigkeit und nach Gott selbst begehrt, solange seid ihr nicht recht arm. Nur der ist ein armer Mensch, der nichts will, noch erkennt, noch begehrt.“
„Denn wer seinen Willen und sich selbst lässt, der hat alle Dinge so wirklich gelassen, als wenn sie sein freies Eigentum gewesen wären und er sie besessen hätte mit voller Verfügungsgewalt. Denn was du nicht begehren willst, das hast du alles hingegeben und gelassen um Gottes willen. Darum sprach unser Herr: »Selig sind die Armen im Geist« <Matth. 5,3>, das heißt: an Willen. Und hieran soll niemand zweifeln: Gäb‘s irgendeine bessere Weise, unser Herr hätte sie genannt, wie er ja auch sagte: »Wer mir nachfolgen will, der verleugne zuerst sich selbst« <Matth. 16,24>; daran ist alles gelegen. Richte dein Augenmerk auf dich selbst, und wo du dich findest, da lass von dir ab; das ist das Allerbeste.“

„Man soll Gott nicht als außerhalb von einem selbst erfassen und ansehen, sondern als mein Eigen und als das, was in einem ist; zudem soll man nicht dienen noch wirken um irgendein Warum, weder um Gott noch um die eigene Ehre noch um irgendetwas. Manche einfältige Leute wähnen, sie sollten Gott [so] sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist nicht so. Gott und ich, wir sind eins. Durch das Erkennen nehme ich Gott in mich hinein; durch die Liebe hingegen gehe ich in Gott ein.“

„Und wenn Dionysius sagt: „Gott ist Nichts,“ so besagt das: irgend welche ‘Dinge’ gibt es bei ihm nicht! - Deshalb muss der Geist hinaus schreiten über die Dinge und alle Dinglichkeit, über die Gestaltungen und alle Gestaltigkeit, selbst über das Wesen in seiner Wesensgeartetheit: dann wird in ihm aufgehen die volle Wirklichkeit der Seligkeit—die als Wesensbesitz nur zukommt der Schaffenden Vernunft!“

„Besäße ein Mensch ein ganzes Königreich oder alles Gut der Erde und gäbe das lauterlich um Gottes willen hin und würde der ärmsten Menschen einer, der irgendwo auf Erden lebt, und gäbe ihm dann Gott soviel zu leiden, wie er je einem Menschen gab, und litte er alles dies bis an seinen Tod, und ließe ihn dann Gott einmal nur mit einem Blick schauen, wie er in dieser Kraft ist: - seine Freude würde so groß, dass es an allem diesem Leiden und an dieser Armut immer noch zu wenig gewesen wäre. Ja, selbst wenn Gott ihm nachher nimmermehr das Himmelreich gäbe, er hätte dennoch allzu großen Lohn empfangen für alles, was er je erlitt; denn Gott ist in dieser Kraft wie in dem ewigen Nun. Wäre der Geist allzeit mit Gott in dieser Kraft vereint, der Mensch könnte nicht altern; denn das Nun, darin Gott den ersten Menschen schuf, und das Nun, darin der letzte Mensch vergehen wird, und das Nun, darin ich spreche, die sind gleich in Gott und sind nichts als ein Nun. Nun seht, dieser Mensch wohnt in einem Lichte mit Gott; darum ist in ihm weder Leiden noch Zeitfolge, sondern eine gleich bleibende Ewigkeit. Diesem Menschen ist in Wahrheit alles Verwundern abgenommen, und alle Dinge stehen wesenhaft in ihm. Darum empfängt er nichts Neues von künftigen Dingen noch von irgendeinem »Zufall«, denn er wohnt in einem Nun, allzeit neu, ohne Unterlass.“

Der Autor Christian Salvesen lebt als freier Autor mit seiner Familie im Süden Deutschlands. Mehr über ihn auf seiner Seite www.christian-salvesen.de
Buchtipps:
Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate,
Diogenes München 1963
Christian Salvesen: Liebe – Herz aller Weltreligionen.
O. W. Barth


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.