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Ausgabe November 2010
Der Ruf des Leibes - von Andreas Krüger

Die begriffliche, sprachliche Unterscheidung von Leib und Körper fällt uns heute nicht immer leicht. Eine Erklärung dazu von Andreas Krüger.

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Ich möchte, um den Impulsgeber für unsere Leibarbeit an der Samuel-Hahnemann-Schule zu ehren, Karlfried Graf Dürckheim, den großen, weisen Mann aus dem Schwarzwald zitieren. Karlfried Graf Dürckheim formulierte den Kern von Leibarbeit und Leibtherapie folgendermaßen: "Ich habe einen Körper und ich bin Leib."

So wie ich ihn verstehe und so wie die Leibarbeit an der Samuel-Hahnemann-Schule betrieben wird, sich zeigt und sich mitteilt, kann man Bezug nehmend auf diesen Satz sagen: Ich habe einen Körper, der besteht aus Knochen, aus Muskeln, aus Haut, aus Fett, aus physischer Materie und dann habe ich einen geistig, seelischen, ätherischen Körper, der mit diesem physischen Körper verbunden ist, in Interaktion tritt. Diese Ganzheit aus physischen, aus ätherischen Körper, aus seelischen Körper und aus Geistkörper, diese Ganzheit, das ist im leibtherapeutischen Terminus der Leib.

Das heißt in der Leibarbeit wird nicht nur der Körper behandelt, auch, aber nicht nur, sondern in jeder Begegnung kommt es immer zum Austausch, zu einer Kommunikation, zu einer Behandlung und Heilung des gesamten Menschen.

Der Leibtherapeut, der Leibarbeiter, der Leibbegegner geht nicht mit einer Technik an den Leib, sondern der Leibtherapeut unserer Couleur (Leibarbeit nach René Bugnot/Reinhold Tögel/Andreas Krüger) darf keine Technik haben. Eine Technik würde aus der Leibtherapie schon wieder eine Körper- oder Psychotherapie machen.

Das Typische ist also, dass wir keine Technik haben, sondern tiefst demokratisch vom Patienten hören, wo sein Anliegen ist und dann in eine Haltung der größtmöglichen Leere gehen, in der jede Beurteilung unsererseits schweigt. Man kann hier im Grunde sehr schön Bert Hellingers Worte anführen: "Eine Haltung, gesammelt in einer leeren Mitte" oder wie Freud so schön sagt: "Uns förmlich aus uns selber denken, eine Schale, ein Gefäß werden, in die die Seele, der Geist des Patienten hineinfließen kann, um sich selbst zu schauen."

In dieser Haltung hören wir auf den Ruf des Leibes. Der Leibtherapeut muss eigentlich ein Hellhöriger sein, denn er hört den Ruf des Leibes, wie er diesen Ruf hört, kann vielfältig sein und diesem Ruf folgt er. Wenn er dann dem Ruf folgend etwas macht, was aussieht wie eine Technik, dann ist es trotzdem Leibtherapie, weil er hört in tiefster demokratischer Gesinnung dem Ruf des Leibes und folgt diesem und gibt dem Leib, der Ganzheit des Klienten, das - handauflegend, bepustend, besingend, bedrückend, vielleicht manchmal auch massierend - was dieser Leib von ihm verlangt.


Der Körper ist die Summe unserer materiellen Anteile und der Leib ist die Summe unserer materiellen Anteile plus Ätherleib plus Seelenleib plus Geistleib. Ich persönlich bin, was die Körperdefinitionen angeht, sehr beeinflusst von Rudolf Steiner, der ja ganz klar einen physischen Leib, einen Ätherleib, einen Seelenleib und einen Geistleib definiert. Der Seelenleib ist demnach die Summe unserer Gefühle, auch die unserer Triebe und ist letztendlich nur noch dem Geistleib unterstellt, der ja im Grunde die Summe unserer denkerischen, schöpferischen und kreativen Fähigkeiten ist. Alle diese Leiber werden in der Leibtherapie berührt, behandelt und geheilt.

Allerdings wird diese Trennung in der Leibarbeit ja nicht vorgenommen, da der Leibbegriff an sich die Integration und Einheit all dieser verschiedenen Leiber von physisch bis geistig beinhaltet.

Der Leibtherapeut wird sich nie darum kümmern, welchen Leib er behandelt, denn er behandelt ja den Leib als Ganzes und das ist der zentrale Unterschied.
In der Ausbildung zum Leibtherapeuten kommt der Übende durch das Horchen in einen tiefen Prozess von Selbstwahrnehmung, Selbsterfahrung, wirklicher Hellhörigkeit und Hellfühligkeit.

Der Leibtherapeut wird zum Leibtherapeut durch seine Haltung, des Nicht-Wissen, des Nicht-Beurteilens, des Nicht-formatisch-Denkens, des reinen Horchens und des dann bedingungslos dem Ruf des Souveräns "Leib" folgen.


Der Autor Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin. Er vertritt dort Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst.
Weitere Information: www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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