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Ausgabe April 2010
Mut zur Wahrheit!
Mit Existenz- und Bindungsängsten in Beziehungen leben lernen, von Dr. phil. Jochen Meyer


Es gehört zum Wesen von Liebesbeziehungen, dass sie uns mit unseren Ängsten in Verbindung bringen. Gerade dann, wenn die Liebe zwischen zwei Partnern sehr groß ist, können in der Tiefe schlummernde Ängste hochkommen und die Beziehung belasten. Wollen wir

In stabilen Paarbeziehungen können solche Ängste durchlebt und auf gesunde Weise integriert werden: zum Beispiel Ängste vor Ich-Auflösung in Momenten ekstatischer Verschmelzung; oder Ängste vor Kontroll- und Machtverlust, wenn wir unser Herz öffnen und ganz verletzlich sind. Auch Ängste vor Zurückweisung oder Ablehnung, Nichtgesehenwerden, Bevormundung, Abwertung oder emotionaler Überflutung können dazugehören – je nach unserer persönlichen Lebensgeschichte. Auf einer noch tieferen Ebene werden wir durch unsere Partner in Kontakt mit unseren Existenzängsten gebracht – und dies kann vor allem für Menschen mit unsicheren Bindungserfahrungen zum Problem werden.

Je nachdem, wie verunsichernd diese Erfahrungen in der frühen Kindheit waren, fehlt das Gefühl, auf der Welt willkommen zu sein, vom Leben und von anderen geliebt zu werden. Das Urvertrauen ist gestört. Manche spüren dieses "ich bin nicht willkommen" ganz direkt, andere erleben es wie ein "es ist niemals gut genug – ich bekomme nicht, was ich brauche". Andere wiederum versuchen dies durch Schein-Autonomie zu überspielen: "danke, ich komme schon klar, ich brauche nicht soviel". Oft kommen noch andere Grundgefühle hinzu wie: "ich bin Schuld, dass alles schiefgeht" oder "ich muss immer die Kontrolle behalten und auf der Hut sein vor anderen" (Abwehr eigener Ohnmachtsgefühle). Wohlgemerkt, hier handelt es sich um Daseinsgefühle, die unser Sein in der Welt betreffen und unser ganzes Leben prägen, nicht um vorübergehende Selbstzweifel, wie wir sie alle manchmal haben. Sind solche Daseinsgefühle in Form von Grundüberzeugungen verinnerlicht – das heisst, wir können das Leben gar nicht anders wahrnehmen als latent bedrohlich, mangelbehaftet, überfordernd usw. – dann projizieren wir dies auch auf unsere Beziehungen. Wir fühlen uns nicht sicher und können unseren Partnern nicht vertrauen.

Ja, wir vertrauen letztlich nicht einmal der Liebe als solcher. Zu einem geliebten Menschen "Ja" zu sagen fällt uns schwer. Immer bleibt ein Rest Misstrauen. In der Tiefe spüren wir nicht Vertrauen, Liebe und Selbstsicherheit, sondern Angst.

Menschen, die nicht über ein sicheres Bindungsverhalten verfügen, fehlt es an Bindungssicherheit. Nähe kann dann nicht als etwas Verlässliches oder Stabiles erlebt werden. Manche Menschen pendeln in ihren Liebesbeziehungen zwischen Nähe und Zurückweisung, ohne eine gesunde Mitte zu finden. Andere können Liebe nur in Kombination mit Schmerz erfahren oder das Glück nährender Liebe nicht halten. Wenn Menschen sich immer wieder an emotional unzugängliche Partner binden, sich innerlich oder äußerlich abwesende Partner suchen (Distanz- und Fernbeziehungen), Beziehungen überstürzt abbrechen oder die Liebe ungewollt auf mehrere Partner verteilen, kann Bindungsangst die Ursache sein.
Dank der modernen Bindungsforschung sind wir heute in der Lage, verschiedene Bindungsstile zu unterscheiden und wirksame Wege der Heilung anzubieten. Menschen mit stabilen Bindungserfahrungen verfügen über einen sicheren Bindungsstil: Sie können nahe Paarbeziehungen ohne größere Probleme eingehen, sind emotional offen, einfühlsam und aufgeschlossen. Menschen ohne sichere Bindungserfahrungen – und das sind in unserer westlichen Gesellschaft immerhin etwa 50 % der Bevölkerung – beschreiben die Bindungsforscher mit Hilfe der drei Kategorien der unsicheren Bindungsstile: vermeidend, ängstlich-ambivalent und desorganisiert. Menschen mit vermeidendem Bindungsstil scheuen Nähe und lassen sich nur schwer auf engere Beziehungen ein. Sie sind emotional unzugänglich, verschlossen und abweisend. Menschen mit ängstlich-ambivalentem Bindungsverhalten pendeln zwischen Phasen der Annäherung und denen des Rückzugs. Sie sind nur bedingt einfühlsam und offen, verhalten sich besorgt oder verstrickt in Beziehung. Menschen mit desorganisiertem Bindungsverhalten legen ein nicht berechenbares Verhalten an den Tag und verunsichern ihre Partner durch Übergriffe und unvorhersehbare Gefühlsausbrüche. Sie wirken verängstigt, verwirrend und beunruhigend. Nicht verarbeitete Traumatisierungen wirken im Untergrund.
Die gute Nachricht für Menschen mit schwierigen Bindungserfahrungen ist: Bindungssicherheit kann erworben werden! Wir können unsere Bindungsfähigkeit entwickeln und unseren Bindungsstil verändern. Entscheidend ist nicht, was wir in der Vergangenheit erlebt, sondern wie wir es verarbeitet haben. Hier setzen die aktuellen, auf die Erkenntnisse der Neurowissenschaften gestützten Therapieansätze an: Wir können unsere Interpretations- und Verarbeitungsmuster, durch die wir unsere Lebensrealität prägen, transformieren und gleichsam neu schreiben. Ein von unbewusster Existenzangst gespeistes Daseinsgefühl wie: "Ich bin nicht willkommen" kann transformiert werden in: "Ich freue mich, hier zu sein!"
Ein Ablehnungstrauma kann umgewandelt werden in "ich fühle mich geliebt und angenommen!" Vertrauen kann gestärkt und die Selbststabilisierung innerlich soweit begründet werden, dass die Flucht vor der Nähe nicht mehr nötig ist. Fehlende Bindungserfahrungen können nachgeholt werden: Heilsame Erfahrungen in den gegenwärtigen Beziehungen – seien es freundschaftliche oder therapeutische – unterstützen die Entfaltung von mehr Bindungssicherheit. Immer wieder erlebe ich in meiner Arbeit mit Einzelklienten und Paaren, wie Menschen im geschützen Raum der Therapie neue Erfahrungen mit Nähe machen und wie sich dies positiv auf ihre Beziehungen auswirkt. Auf einmal stellen sich vollkommen neue Formen des Miteinanders ein. Leichte Kontaktübungen, in denen wir den Umgang mit Grenzen bewusst und sehr behutsam erforschen, verändern die mit Nähe verbundenen Gefühle: Nähe wird allmählich als etwas Schönes, Verbindendes erlebt und entsprechend den eigenen Bedürfnissen und Wünschen gestaltet. Achtsamkeit, Präsenz und Sanftheit sind hier entscheidend – der Klient beziehungsweise die Klientin entscheidet selbst, was er oder sie braucht und in welchem Tempo es vorangeht.

Auch bei Bindungsängsten beginnt die Arbeit bei uns selbst: Wir können nur soviel Nähe zu anderen zulassen, wie wir uns selber nah sind. Und das können wir üben – ob allein oder in einer Beziehung. Zunächst erscheint dies paradox: uns nahe zu sein mit unseren Ängsten, uns also mit dem anzunehmen, was wir partout nicht haben wollen! Indem wir aber unsere Ängste wahrnehmen, ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken und aufhören, gegen sie anzukämpfen, können wir lernen, mit ihnen umzugehen. Oft verlieren sie dann das, was sich so bedrohlich anfühlt, und es ist gar nicht mehr nötig, sie "loszuwerden".

Bindungs- und Existenzängste vollständig auflösen zu wollen, ist meines Erachtens eine wenig realistische Vorstellung. Sie gehören wohl in einem gewissen Grad zum menschlichen Leben dazu. Es ist aber ein Unterschied, ob ich meine Ängste kenne und bewusst mit ihnen umgehe, oder ob sie mein Unterbewusstes regieren und mein Beziehungsverhalten dominieren. Wer sich auf den Weg der Selbsterforschung und Bewusstwerdung einlässt, kann die mit Nähe verbundenen Ängste mit der Zeit immer mehr integrieren. Ein neues Daseinsgefühl ensteht und stabilere Beziehungen sind die Folge.

Ich bewundere den Mut, den alle Menschen aufbringen, die ihre Ängste nicht länger verleugnen oder bekämpfen, sondern an ihnen arbeiten und so die Basis für neue, heilsamere Beziehungen schaffen. Das "Ja" zur Liebe, das so möglich wird, verdankt sich ihrer Bereitschaft, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und bei sich selbst mit der Heilung eines der großen Beziehungsthemen unserer Zeit zu beginnen.

Der Autor Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und -Therapeut.
Weitere Infos unter www.jochen-meyer-coaching.de


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