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Ausgabe März 2010
Yoga ein moderner Entwicklungsweg
von Friedel Marksteiner


„Ganz wird der Mensch nicht, indem er etwas erwirbt, sondern indem er sich von all seinen Projektionen, Vorurteilen und Begierden freimacht.“

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Im Unterschied zum westlichen, anthropozentrischen und materialistischen Weltbild kann das indische Weltbild, auf dem der Yoga aufsetzt, als theozentrisch bezeichnet werden. Alles wird vom Göttlichen her gedacht, der gesamte Weltablauf wird als vom Göttlichen bestimmt angesehen. Gott gilt als das Absolute, Höchste, Wirkliche - da Unveränderliche. Gott ist das höchste Geistige, aber nicht Denk- oder Benennbare. Als real wird also nicht das angesehen, was mit den Sinnen erfasst, sondern das höchste Geistige, Göttliche, das in seinem Sosein unveränderlich ist. Indische Philosophie versucht jedoch nicht, Gott logisch, mit den Mitteln der Vernunft, zu beschreiben oder zu definieren. Sie entwickelte früh den sehr reifen Gedanken, dass jeder Versuch, sich eine Vorstellung von Gott zu machen, eine unzulässige Verengung und Einschränkung des Wesens des Göttlichen wäre.
Der Gott indischer Philosophie steht also jenseits jeglicher Personalisierung. Das Göttliche wird allerdings als erfahrbar angenommen, da jeder Mensch, alle manifestierten Wesen an ihm Anteil haben. Der Ort der Erfahrung liegt in unserem Herzen. Die Annahme einer je eigenen Gotteserfahrung für alle Menschen ist die zentrale Botschaft des Yoga. Der göttliche Kern in uns muss allerdings bewusst gemacht und freigelegt werden. Die Arbeit daran ist Gegenstand des Yogawegs. Ziel des Yoga ist es, das Göttliche unverstellt im eigenen Innen zu erfahren. Verwirklichung heißt somit für den Yoga, in den Zustand des Göttlichen einzutreten. Das bedeutet, gleichzeitig höchster Seinserfahrung, höchster Erkenntnis und größter Glückseligkeit teilhaftig zu werden (Sat-Chit-Ananda in der Terminologie des Yoga).
Indische Philosophie nähert sich Gott auf dem Weg der eigenen fühlenden Erfahrung, der liebenden Verehrung (Bhakti) an. Sie geht also direkt auf das reine Bewusstsein zu, das sich aus dem inneren Zustand ergibt.


Prinzipien indischer Welterkundung

Dass Indien schon immer Weltzentrum der Spiritualität war, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass schon sehr früh differenzierte Konzepte zu Psychologie und Philosophie entworfen und erprobt und Vorstellungen zur kosmischen und menschlichen Evolution entwickelt wurden, die für uns eine erstaunliche Aktualität besitzen. Diese Vorstellungen basieren jedoch auf einer Ontologie oder Lehre von den Grundstrukturen der Wirklichkeit, die sich von der unseren unterscheidet. Insbesondere die Unterscheidung von Geist und Materie ist anders als in unserer Kultur.
Es sind also gerade die wissenschaftlichen Entdeckungen, vor allem in der Quantenphysik, in der Biologie, in den Neurowissenschaften, in der Psychologie, die uns diesen grundlegenden Aspekt des Yoga erschließen können: nämlich das Verständnis von Geist und Materie. Und während unsere westliche Wissenschaft diese Themen in der objektivierenden Außensicht erschließt, wendet sich der Yoga denselben Themen aus der Innensicht der eigenen Erfahrung zu. Man kann durchaus davon sprechen, dass es auf diese Weise zu einer Annäherung der dem Yoga zugrunde liegenden Philosophie mit westlicher Wissenschaft kommt. Damit ist erstmals die Möglichkeit eröffnet, den geistigen Yoga für den Westen vollends zu erschließen.
Da alle Wesen Anteil am Göttlichen haben, geht der Yoga davon aus, dass wir mit allen Wesen verbunden, in Resonanz sind. Indische Philosophie und Religion betonen in allem das Verbindende, die Harmonie, die Liebe. In allen Wesen wird der gemeinsame Kern, der unzerstörbare Anteil am Göttlichen gesehen. Nicht zuletzt darin wurzelt die Toleranz indischer Kultur anderen Vorstellungen und Gedankengebäuden gegenüber und die Gelassenheit, die indischen Menschen zu eigen ist.


Integrale Prinzipien des Yoga

Der Yoga ist durch und durch energetisch gedacht - und auch deshalb ganzheitlich und modern. Die energetische Sicht des Yoga kann in der modernen westlichen Wissenschaft wiedergefunden werden, in der Quantenphysik mit ihrem Konzept des Quantenfelds und mit den Vorstellungen über die kleinsten Elementarteilchen - denen geistige Qualitäten zu eigen sind, aber auch in den Konzepten der Thermodynamik - etwa im Satz von der Erhaltung der Energie, oder in der Idee von übergreifenden formgebenden Feldern, die von Rupert Sheldrake als so genannte morphogenetische Felder postuliert werden.
Das Geistige im Menschen wird im Yoga in einer großen Tiefe und Vielfalt kultiviert. Das betrifft zunächst den kognitiven Bereich, wo immer schon im Yoga das Vor- und Unbewusste wahrgenommen und in seiner Bedeutung für die Urteilsbildung und Entscheidung gesehen wurde. Das betrifft auch das Wahrnehmen der verursachenden Rolle des Geistigen für alles, was uns im Leben zustößt. Schließlich betrifft es das Wahrnehmen des Geistigen als Ausgangspunkt kreativer Prozesse. Und natürlich betrifft es das Höchste Geistige, Göttliche, auf das im Yoga alles ausgerichtet ist.

Für die Bereiche Kreativität/Intuition, Ich-Instanz oder Instanz der Identifikation und der Bereich der Gedanken und Gefühle werden jeweils adäquate Wandlungs- und Entwicklungsstrategien aufgezeigt. Intuition und Kreativität werden durch Meditation und Innenschau entwickelt, die Ich-Instanz kann durch die Übung der Loslösung von ihrer Egozentrik befreit werden, Gedanken und Gefühle werden durch Meditation und durch die Arbeit an den Prägungen oder Samskaras - also durch die Beseitigung der Hindernisse im eigenen Inneren - so modifiziert und gelenkt, dass das Ziel des Yoga erreicht werden kann.
Ganz wird der Mensch also nicht, indem er etwas erwirbt, sondern indem er sich von all seinen Projektionen, Vorurteilen und Begierden freimacht. Erst dann kann die göttliche Energie ungehindert durch ihn hindurchfließen - wieder steht ein energetisches Prinzip im Zentrum des Yoga. Ganzheitlich ist auch das Prinzip, in allem Streben von der Erfahrung und Verantwortung des eigenen Inneren auszugehen. Ganzheitlich und energetisch ist auch die Einstellung, Unerwünschtes, Schlechtes nicht zu bekämpfen, sondern das Ganze durch Hinzufügung von Gutem, Erwünschtem ins Gleichgewicht zu bringen. Die Schulung und Bildung des Charakters kann nur in einer Entwicklung aller geistigen Bereiche und durch wiederholte Übung erreicht werden, wie dies etwa neuerdings die positive Psychologie feststellt. Intellektuelle Einsicht allein reicht dafür nicht aus.


Skizze eines geistigen Yoga für den Westen

Die im Yoga angewendeten Methoden haben sich im Lauf seiner langen Tradition gewandelt und modernen Lebensumständen angepasst. Seine Prinzipien sind freilich die gleichen geblieben. Aus der Tradition der Bhagavad Gita hat sich so etwas wie ein ‚mittlerer Weg' herausgebildet, dem viele der neuen Schulen und Systeme des Yoga folgen. Mittlerer Weg heißt etwa, dass die Menschen - wie dies schon Vivekananda gefordert hat - in Gesellschaft und Familie ihren Aufgaben mit Verantwortung nachkommen, während sie dem Yogaweg folgen.
Der mittlere Weg bezeichnet eine Gleichwertigkeit und Ausgewogenheit der verschiedenen Praktiken des Yogawegs. Liebe, Erkenntnis und Handeln - also Bhakti, Jnana und Karma in der Terminologie des Yoga - können zur Gottesverwirklichung führen. Jeder Mensch wird innerhalb der verschiedenen Formen des Yoga für sich das rechte Maß finden. Der Eine wird mehr zum Handeln neigen, der andere zum Erkenntnisweg, wieder ein anderer zur reinen Gottesverehrung. Krishna gibt in der Gita allerdings deutliche Hinweise darauf, dass Bhakti - der liebevollen Gottesverehrung - der höchste Rang zukommt. Extreme der Lebensführung sind freilich zu meiden.

Die Elemente des geistigen Yogawegs im engeren Sinn, also die konkret zu praktizierenden Übungen, sind in Anbetracht der Universalität der Bemühung vergleichsweise einfach:
Da ist zum Einen die Meditation: Hier lernen wir, uns so anzunehmen, wie wir sind. Wir nehmen Fühlung auf mit der höheren Ordnung, dem Höchsten Geistigen und üben uns darin, uns beständig darauf auszurichten. Hinzu kommt die Arbeit an unserem Schatten, an unseren Projektionen: Dies erfolgt duch konkrete Reinigungsübungen und durch Charakterarbeit im Sinne der Prinzipien und Lebensregeln des Yoga. Man kann es so formulieren: Die Meditation schafft die Voraussetzung für die Entwicklung, die Entwicklung selbst müssen wir tun, durch die Charakterarbeit, durch das Wahrnehmen unserer Verantwortung in der Gesellschaft. Das alles in der eigenen freien Verantwortung.
Wenn wir uns also auf diese Universalität des Geistigen einlassen, kann uns die Lebensform des Yoga - philosophisch gesprochen - aus der Überbetonung des Verstandesmäßigen und Materiellen, aus der Fixierung auf das Ich befreien und in eine integrale Zukunft führen - jenseits der Schranken der Subjektivität. Damit wird die Lebensform des Yoga für uns überaus aktuell. Sie verspricht inneren Frieden und Harmonie in einer Welt, die immer schnelllebiger und chaotischer wird. Sie erfüllt die Sehnsucht nach Transzendenz in einer Form, die in ihrer inneren Ausrichtung verbindlich und dennoch frei ist von äußeren Vorschriften und Geboten.

Friedel Marksteiner, geboren 1943 in Wien, kaufmännisches Studium, seit 38 Jahren in München, verheiratet, 2 erwachsene Töchter. Berufliche Tätigkeit vor allem im IT-Bereich: in Vertrieb, Beratung, Realisierung und Projektmanagement, davon 25 Jahre als selbstständiger IT-Berater; seit 5 Jahren im Ruhestand. 26 Jahren Praxis des Raja-Yoga, seit 21 Jahren zertifizierter Lehrer des Raja-Yoga. Weitere Information über marksteine@gmail.com


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