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Ausgabe Juni 2009
Der gefesselte Schamane

Ein Erfahrungsbericht von Katja Neumann (Berlin)

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Während meines schamanischen Ausbildungsprogramms gab es eine Übung, an die sich alle Teilnehmer mit Faszination, Dankbarkeit und ein bisschen Grauen erinnern: Nach längeren Vorbereitungen praktischer, ritueller und seelischer Natur wurden wir gefesselt bzw. wir haben uns selbst gegenseitig gefesselt: kniend, die Hände hinter der Rücken und die Füße extra verschnürt und, als ob das nicht reichen würde, mit einer Decke über den Körper nochmals geschnürt wie ein Päckchen.
Da knieten wir dann, wir Gefesselten im Stockdunkeln, während die anderen „Glücklichen“, die sich ihrer Hände noch bedienen konnten, getrommelt haben, als gäbe es keinen Morgen danach. Und tatsächlich: Nichts als unsere anfangs panischen, später inständigen, Gebete, unsere Demut und die Bereitschaft zu leiden, hat uns ohne menschliche Hilfe die Knoten gelöst und das Seil heruntergleiten lassen. Von Geister Hand - im wahrsten Sinne des Wortes. Wahrhaftig. Ich war ja dabei. Ich habe sie gespürt und ich habe sie gesehen, mit aufgerissenen Augen ins Schwarze starrend, waren sie überall um uns herum. Nicht greifbar, aber so dicht, dass man die Luft hätte schneiden können. Manche haben ihren Atem gespürt, andere den Luftzug im Genick, mir haben sie ins Gesicht gelacht. Es war der Moment, in dem ich Wunder einen festen Platz in meinem Leben eingeräumt habe, der mich demütig und mutig gemacht hat in meiner Arbeit.


Versucht nicht, alles zu erklären

Selbst wenn es eine „normale“ oder wissenschaftliche Erklärung dafür geben würde, wollte ich sie nicht hören. Ich fand dieses Gefühl von Ohnmacht, keine Wahl haben, vielleicht auch die Qualen des Egos bei der Vorstellung, das Licht im Raum geht an - und ich bin die Einzige, die nicht entfesselt wurde… Wie furchtbar! Hätte ich versagt? Würde das die guten von den schlechten Schamanen trennen wie Spreu vom Weizen? Nein, natürlich nicht! Aber auch das schoss mir in den ersten gefesselten Sekunden und auch schon vorher, während der endlosen Momente des Gefesselt werdens - alleine das ist schon ein Ritual und eine Erfahrung wert - durch den Kopf. Essentielle Urängste werden wachgerüttelt in diesem ausgelieferten Zustand. Wie oft sind wir in unseren Gastspielen hier auf Erden wohl schon gefesselt worden und es ging nicht gut für uns aus. Alle diese Informationen sind in unseren Zellen abgespeichert und werden durch diese Ausnahmesituation wachgerüttelt.
Diese Herausforderung anzunehmen, noch mal „light“ durch diese jahrhundertealten Themen durchzugehen, mit allen Konsequenzen und möglichen Folgen und das Erstaunen, dass wir nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen haben, gleicht einem Initiierungs-Prozess oder ist vielleicht auch einer. Die Seele erklimmt mit Sicherheit eine nächste Wachstumsstufe. Man ist hinterher immer noch der gleiche Mensch und man ist es doch nicht - sondern größer, weiter, weicher und dankbarer. Nur das Ego, das schrumpft. Was für ein großartiges Gefühl! Auf einmal scheint alles möglich. Die Dankbarkeit dafür umgab uns mehrere Wochen und viele Außenstehende haben gesagt: „Du siehst so anders aus! Was ist passiert? - Und: Kann ich das auch haben?“


Warum macht man so was?

Es ist ein sehr alter Brauch und Weg der Schamanen seit Jahrhunderten, durch das Leid, das sie auf sich nehmen, die Geister - oder sagen wir der Klarheit halber - die mitfühlenden Spirits milde zu stimmen und sie dazu zu bewegen, Heilung zu unterstützen bzw. Blockaden, Flüche, Besetzungen usw. zu lösen. Schon aus ihrer Sicht standen hinter einer physischen Erkrankung größere Zusammenhänge. Unser Vorteil zu früher ist vielleicht, dass die Opfer, die wir bringen, keine lebenden Wesen sein müssen, wir uns nicht mehr abhängig von der Angst machen vor der Macht und der Wut der Götter, weil wir uns wieder daran erinnern, dass wir es selber sind. Wir sind die Götter unserer kleinen Welten und wir haben die Macht. Was wir opfern ist die Angst, klein zu sein, ungenügend und nichts tun zu können. Die Spirits honorieren die Arbeit umso mehr, je mehr Ego und Eigennutz wir „opfern“. Anders gesagt: wenn ich für andere arbeite, schamanisch reise, ist es weit intensiver und wirkungsvoller, als wenn ich es (nur) für mich selbst tue. Schamanisiere ich für andere Menschen, kann ich für mich selbst nur gewinnen.
Das Seil liegt bis heute in meiner Praxis im Regal, meist unsichtbar für den Besucher, oft auch für mich.Aber manchmal fällt mein Blick wie gelenkt darauf und erinnert mich an diese Gefühl von Demut, Leid und Leidenschaft zugleich und von … Wunder.
Katja Neumann, geb. 1972, Heilpraktikerin und CSC (Certified Shamanic Counselor nach M. Harner) arbeitet mit Erwachsenen, Kindern, Tieren und Orten nach altem schamanischen Heilweisen, nach Bedarf auch mit craniosacralen Berührungen und Didgeridoo.



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