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Ausgabe Oktober 2008
Im Mekka der Düfte

Eine Oase der Düfte in Berlin-Charlottenburg

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Seit 1982 existiert in Berlin-Charlottenburg eine Oase der Düfte. Zwei Brüder ließen sich von ihren Reisen in den Orient inspirieren, um in der Betonwüste Berlin diesen Ort zu schaffen. Angeboten werden über 150 Düfte von reinen ätherischen Ölen bis hin zu eigenständig entwickelten Creationen. Wer möchte, kann sich auch ein persönliches Parfüm herstellen lassen. Haidrun Schäfer stattete den Besitzern einen Besuch ab.

Die Wiege um den Kult der Düfte liegt im Orient. Wie kam es zu der Verbreitung?

Mohammed Nissen: Die wörtliche Übersetzung von Islam bedeutet „Hingabe an Gott“. Der Prophet Mohammed s.a. empfahl damals den Menschen, Parfüm zu benutzen, um diese Hingabe im Gebet zu erreichen. Dank seiner Empfehlung ist der Beruf des Parfümeurs öffentlich geworden. Es war Napoleon, der die Sinnesdüfte nach Europa brachte. Er ist bei seinen Feldzügen in Ägypten mit dieser Kultur in Berührung gekommen und wurde ein begeisterter Liebhaber der Düfte. Die Wiege der Parfüme für Europa liegt also in Frankreich und fand eine relativ rasche Verbreitung.

Darf ich ein paar Düfte kennen lernen?

Selbstverständlich! Es ist ja noch früh am Morgen und wir fangen mit zwei frischen Düften an: Grapefruit und Bergamotte. Hier haben wir ein kaltgepresstes Grapefruitöl, bei dem mit dem ersten Atemzug der Mund voll wird und der Eindruck unser gesamtes Sein durcheilt: weich und rund. Wäre das Öl heiß ausgezogen, wäre der Geruch eher spitz und so wie der Geschmack von Grapefruit. An dieser weichen Rundung kann man erkennen, dass das Öl kaltgepresst wurde. Wir haben ca. 10 Millionen (!) Riechzellen, die an das limbische System gekoppelt sind – eines unserer beiden Gehirnzentren. Dieses Zentrum übersetzt schneller als Lichtgeschwindigkeit an den ganzen Körper, was uns gerade über die Atemluft erreicht. Egal, ob etwas Schönes die Zellmembrane öffnet oder etwas Giftiges die Zellen verschließt.

Was bewirkt der zweite Geruch der Bergamotte?

Dieses Öl stammt von der Stiefelspitze Italiens in Kalabrien. Es macht wunderschön wach, denn es arbeitet mit dem physischen und dem feinstofflichen Licht: Es regt alle feinstofflichen Zentren an und verstärkt die innere Aufmerksamkeit. Es ist ein wunderbarer Morgenduft. Man könnte sagen, Grapefruit ist wie der Champagner unter den Düften, denn es macht eine leichte Atmosphäre, wogegen Bergamotte eine ganz andere Ebene berührt. Die beiden zusammen reisen in die intimsten Winkeln der Seele. Auf der körperlichen Ebene werden alle Zellmembrane geöffnet und gleichzeitig kommt man in einen entspannten Zustand. Unser Körper ist eine komplizierte Maschine, die über Botenstoffe ausgesteuert wird. Über Hormonausschüttungen kommt es zu Zuständen, in denen sich der Mensch sicher fühlt. Auf dieser Ebene funktionieren Duftlampen. Selbst in einer sauberen Wohnung haben wir in der Heizungsperiode 10.000 Mikroben pro Kubikmeter Luft. Das ist noch nicht gesundheitsschädlich, aber es führt auch nicht zu Entspannung. Als Städter befindet sich der Körper die meiste Zeit des Tages in einer Verteidigungsposition. Deshalb ist es sinnvoll, zu Hause eine Atmosphäre zu schaffen, wo der Körper zur Ruhe kommen kann. Wenige Tropfen einer Essenz reichen. Die Duftlampe hier besteht aus Alabaster – einem Halbedelstein aus voll auskristallisiertem Gips – und hat eine kleine Birne von 15 Watt, damit sich das Duftschälchen auf 50-55° C erwärmt. Das ist wichtig, denn schon bei 65° C verringert sich die Heilwirkung. Dadurch, dass die Hitze nicht so groß ist, kann man einen Raum so beduften, dass die Feinheit eines Duftorchesters die Sinne stimuliert, aber nicht lahm legt.

Machen Sie auch selber Parfümmischungen?

Selbstverständlich. Wir importieren qualitativ sehr hochwertige Öle, die wir sowohl als reine Essenzen anbieten wie auch zu unterschiedlichen Parfums und Körperölen verarbeiten. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass jeder seine individuellen Wünsche äußert. Mit meiner Erfahrung kann ich aus Vorlieben meiner Kunden Kompositionen herstellen, die dann auch wirklich gut riechen. Das geht soweit, dass ich mit astrologischen Informationen individuelle Düfte für Menschen herstelle, die ich gar nicht kenne.

Was ist ein klassisches Beispiel für eine gute Kombination?

Rose und Zeder! Als Gott sein Licht von sich selbst abgetrennt hat, stand das Licht zwischen seinen Händen, während er die Seele der Prophetenschaft schuf und das Licht fing an zu schwitzen: Der erste Schweißtropfen war der Duft der Rose und der zweite der Duft der Zeder – erst das weibliche und dann das männliche Prinzip.

Lassen Rose und Zeder noch Platz für andere Größen?

Jasmin: der König der Düfte, dem Jupiter zugeordnet wird. Achteinhalb Millionen Blüten werden für ein Kilo Essenz gesammelt. Jasmin hat eine Eintrittskarte für Endorphine, die man sonst erst nach einem halben Stadtmarathon oder vier Tafeln Schokolade erreicht – die setzen sich nicht so einfach frei. Bei diesem Geruch kommt man in Kontakt mit seiner seelischen Größe und verliert den begrenzenden Blick, den wir oft auf uns selber haben. Wir sind größer als unser Körper, denn wir besitzen eine Aura. Dieser Lichtkörper ist der göttliche Bereich der Seele und mit jedem Atemzug Jasmin kommen wir mit dieser Größe in Kontakt. Dieser Duft ist schlicht und ergreifend überwältigend. Es gab keine epochemachendes Parfüm, was auf Jasmin hätte verzichten können.

Wenn Jasmin der König der Düfte ist, wer ist die Königin?

Die Rose. Der Rosenduft hat eine Eintrittskarte für das spirituelle Herz. Eigentlich muss man dort anklopfen, aber für Düfte gilt diese Regel nicht. Deshalb spielten in sämtlichen Hochkulturen Düfte immer eine große Rolle. Wo menschliche Leistungsfähigkeit die schönsten Ergebnisse gezeigt hat, gehörten Düfte immer dazu – zumindest in Form von wunderbaren Parks. Wenn Sie an dieser Flasche riechen, atmen Sie den Duft von einer halben Millionen Rosen gleichzeitig ein... Beobachten Sie, wie das Herz warm wird. Im feinsten Kapillarbereich des Herzens öffnen sich jetzt alle Blutbahnen. Alle ätherischen Öle sind immer auch ein Medikament und die Rose wirkt auf der körperlichen Ebene auf das Herz. Mit ein bisschen Geduld fühlt man die Grenzenlosigkeit des spirituellen Herzens.

Etwas Besonderes ist sicher der Duft von Weihrauch?

Selbstverständlich. Zur Zeit macht Weihrauch mal wieder Karriere, denn er zentriert den Verstand, so dass man sehr schnell arbeiten kann. Der liebe Gott hat uns im Oberstübchen mit 2.500 qm Fläche und 550 Milliarden Synapsen ausgestattet – also Verständnismöglichkeiten im Quadrat. Bekanntermaßen nutzen wir mit unserem Bewusstsein nur einen sehr kleinen Teil. Unterbewusst steuert das Gehirn alle Vorgänge und repariert jede Nacht die angefallenen Schäden. Wenn Sie jetzt an dem Weihrauch riechen, können Sie vielleicht wahrnehmen, wie der Geruch durch die Nase ins Gehirn gelangt und dort erst in das vordere Gehirnzentrum, das limbische System, eindringt. Jetzt zeige ich Ihnen noch ein ganz romantisches Parfüm: „Salua“. Das habe ich mal gemacht, um die Romantik des Abends einzufangen. Am Abend schließen viele Blumen ihre Blüten und verströmen noch einmal einen letzten intensiven Duft, der sich mit dem Duft der untergehenden Sonne kombiniert.

Wie viel Düfte haben Sie da kombiniert?

Etwa 30. Da sind alle Kostbarkeiten aus der Welt der Wohlgerüche enthalten. Die Düfte sind Bestandteil der göttlichen Wirklichkeit und damit verbinden wir uns mit den Funken der höchsten Seinsebene.
Ich danke Ihnen für diesen Spalt, den ich meine Türe in die Welt der Düfte öffnen durfte.
Und ich danke für das offene Ohr.

Nachtrag
Es war mehr als ein Bad, dieser Aufenthalt bei Mohammed. Ich bin in die Welt der Düfte so tief eingetaucht, dass mir ganz schwindelig wurde. Es war eindeutig körperlich zu spüren, ob ein Duft das Herz oder den Kopf ansprach. Und mit unseren Millionen von Riechzellen ist auch nicht nach drei Düften die Nase zu, sondern sie öffnet sich immer weiter, trägt den Wohlgeruch zu den entsprechenden Zellen und öffnet sie für das Licht. Ich kann nur jedem empfehlen, nach einem Besuch in diesem Laden keinen wichtigen „irdischen“ Termin anzuberaumen, sondern bestenfalls weiterhin auf Wolke 7 weiterzuschweben zu können. Ein Zitat von Goethe bringt es auf den Punkt: „Kein Genuss ist vorübergehend, denn der Eindruck, den er zurücklässt, ist bleibend.“


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