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Ausgabe August 2007
Die Blanke Helle


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Durch ein eiszeitliches Strudelloch ins Reich der Frau Holle
Geomythologische Betrachtungen zur Blanken Helle am Alboinplatz in Berlin-Tempelhof - von der Geowissenschaftlerin Stefanie Harwart.

Frau Holle oder Göttin Hel
Die eigentliche Heimat von Frau Holle der Gebrüder Grimm soll am Hohen Meissner in Nordhessen sein. Mit seinen zahlreichen Quellen und dem Basaltvorkommen, das Zeuge früherer Lavaströme ist, wird der 650 m hohe Berg der Beschreibung aus den Sagen gerecht. Hier wird die Heimat von Frau Holle als Feuerberg beschrieben, in dem die Seelen der Verstorbenen durch regenerierendes Feuer und Leben spendendes Wasser geleitet werden. In vielen Kulturen liegt die Welt von Holle, auch Hel genannt, tief unter der Erde an einem unterirdischen Wasserlauf. Sie wird deshalb auch als Erdenmutter bezeichnet. Beliebte Zugänge sind Quellen, Brunnen und Seen.
Forscht man in alten Stadtplänen von Berlin, fällt die Bezeichnung Blanke Helle oder Helpfuhl am Alboinplatz in Tempelhof auf. Es ist eine mit Wasser gefüllte Senke mit relativ steil einfallenden Hängen. Früher war hier ein großer See umgeben von Wald. Nach der Germanischen Sage soll das Totenreich der Hel am Grunde des Sees bzw. der See selbst der Zugang zum Helreich sein.

Geschichtliche Daten
Entstanden ist die Senke in einer Zeit als die globalen Durchschnittstemperaturen etwa 5-6 °C niedriger als heute waren. Noch vor ca. 21000 Jahren bestimmten weitreichende Vergletscherungen und Kaltwüsten den Brandenburgischen Bereich. Paradox ist, dass die heutige Zeit, in der heftig über die globale Klimaerwärmung und deren Folgen diskutiert wird, dem letzten Eiszeitalter, dem Quartär, zuzuordnen ist. Nur dem Fakt, dass wir uns innerhalb einer Warmzeit innerhalb des Quartärs, dem Holozän, befinden, ist es zu verdanken, dass der Berliner Raum eisfrei ist und das bereits seit rund 16.000 Jahren.
Wie die Spree, die große Schmelzwasserrinnen der Gletscher (Berliner Urstromtal) als Flussbett nutzt, oder die Barnimer und Teltower Hochplateaus (Gletschermoränen), ist der kleine Pfuhl am Alboin-platz in Berlin Tempelhof einer der zahlreichen Zeugen einer weitreichenden Vereisung im Berliner Raum. Entstanden scheint er zu sein durch ein Strudelloch innerhalb eines Schmelzwassersystems unterhalb der Gletscher. Dem selben System wird ein kleiner See auf dem nahegelegenen Friedhofsgelände an der Eythstraße und der Weiher auf dem Gelände der Lindenhofsiedlung zugeordnet.

Der germanische Priester und die Göttin Hel
Mit der germanischen Besiedlung, zwischen dem 6. Jahrhundert v. Chr. und dem 4./5. Jahrhundert n. Chr., halten heidnische Riten ihren Einzug in den Berliner Raum. Nach den Überlieferungen hütete ein germanischer Priester einen Opferstein für die Göttin Hel am See des heutigen Alboinplatzes. Die Göttin Hel hatte am Grunde des Sees ihr Reich und schickte dem Priester regelmäßig schwarze Stiere aus dem Wasser. Diese pflügten für ihn eine Lichtung, so dass das Korn dort besonders schnell und reich wuchs. Danach gingen die Tiere ins Wasser zurück. Die Saat, die der Priester nun am Ufer aussäte, ging in kurzer Zeit auf und er hatte ein ganzes Jahr gut zu essen. Eine Handvoll der Ernte legte der Priester auf einen Opferstein, entzündete ein Feuer und dankte der Göttin Hel für ihre Hilfe.
Eines Tages verirrte sich ein christlicher Mönch an den See. Der Priester nahm ihn freundlich auf, denn er deutete sein Erscheinen als ein Zeichen von Hel, dass er bald sterben werde. Er bat den Mönch die Opferstätte weiterhin zu hüten. Als er starb, hielt der Mönch jedoch an seinem christlichen Glauben fest und übernahm nicht die Rituale für die Göttin Hel. Ihm schickte die Göttin die schwarzen Stiere nicht und schließlich schäumte das Wasser auf. Hel holte sich Opferstein, Heiligtum, den verstorbenen Priester und den christlichen Mönch in ihr Reich. Da sie nun keine freiwilligen Opfer mehr erhält, holt sie sich selbst ihre Opfer. Bis ins 20. Jahrhundert berichteten die Menschen von Leuten, die im Weiher ertrunken sind.

Germanische Mythologie
Nach der germanische Mythologie ist Hel das Totenreich bzw. der Ort der Ahnen, in das diejenigen kommen, die an Krankheit oder Altersschwäche sterben. Hier verbringen Menschen die Zeit zwischen zwei Leben, damit beschäftigt, ihr altes Leben aufzuarbeiten und sich auf das Neue vorzubereiten. Hel ist außerdem eine Göttin, gekleidet in ein Gewand mit schwarzer linker und weißer rechter Hälfte, die die hellen und dunklen Aspekte in sich trägt. Als Seelenhüterin ist Hel die schwarze Erdgöttin, die Göttin des Todes. Gleichzeitig ist Hel ein Symbol der Geburt und Neuentstehung, eine weiße Licht- und Fruchtbarkeisgöttin.

Die Templer in Tempelhof
Der in der Sage erwähnte christliche Mönch erinnert an die Christianisierung Anfang des 2. Jahrtausend n. Chr. In dieser Zeit lebten auch die Tempelritter im Bereich des heutigen Tempelhofs. Der Tempelorden verwaltete um die 9.000 über ganz Europa verstreute Besitzungen. Eine der bekanntesten Siedlungen war Tempelhove, heute bekannt als Berlin-Tempelhof. Das letzte Überbleibsel der alten Templer-Siedlung ist der Friedhof im Alten Park ca. 2 km nordöstlich des Alboinplatzes.

Der heutige Alboinplatz
Heute kann am Rande der “Blanken Helle” ein 9 m langer und 7 m hoher Stier aus Stein bewundert werden, der an die alten Germanen und ihre Riten erinnert. Die mächtige Skulptur wurde aus hellem Kalkstein aus dem Steinbruch in Rüdersdorf im Zeitraum von 1934-36 errichtet. Der dichte Wald um den See ist lange verschwunden und an den steilen Hängen des kleinen Weihers wachsen heute Birken, Buchen, Eiben und der Holunder. Obwohl der Alboinplatz heute von einer zweispurigen Straße umschlossen wird, lädt er zum Verweilen ein und der sensitive Besucher spürt vielleicht die alte Kraft, die von diesem Ort ausgeht. Intuitiv wird er die Bereiche entdecken, die für ihn gut sind und aus denen er Kraft schöpfen kann. Hier kann er verweilen und erhält eine Ahnung über eine andere Welt, die Welt der Erdenmutter, die für die alten Germanen so selbstverständlich war.
Stefanie Harwart ist promovierte Geowissenschaftlerin und ist seit 1999 in der Akademie House of Shaman im Bereich Schamanismus und Energiearbeit tätig. Als Dozentin der Radiästhesie verbindet sie naturwissenschaftliches Wissen und intuitives Wahrnehmen von Mutter Erde.



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