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Ausgabe April 2007
Der Buddha vor Buddha

Christoph Poche, Bön-Praktizierender, gibt hier einen kurzen Einblick in Ursprung und Lehre der Bön-Religion.

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Vor 18.023 Jahren inkarnierte sich der Buddha Tönpa Shenrab Miwoche und begründete damit den Yungdrung-Bön.


Im Jahre 1956 jährte sich die Geburt von Buddha Shakyamuni zum 2.500sten Mal. Seine Lehren, Buddha-Dharma genannt, werden in vielen Staaten Ostasiens bis heute intensiv praktiziert und auch bei uns im Westen, in Europa und in den USA, gewinnen sie zunehmend an Bedeutung - nicht zuletzt auf Grund des Wirkens solch großer Lehrer wie Thich Nhat Hanh für den Theravada-Buddhismus, Shunryu Suzuki für den Zen und S. H. des Dalai Lama für den tantrischen Buddhismus Tibets. Dass sich in Tibet jedoch eine spirituelle Schule erhalten hat, die ihre Lehren und Praktiken auf einen vorhistorischen Buddha zurückführt, der viele tausend Jahre vor Buddha Shakyamuni gelehrt hat, ist weitgehend unbekannt. Der Name dieses Buddha lautet Tönpa Shenrab Miwoche, seine Lehren sind die des Yungdrung-Bön.



Buddha-Dharma: Ewige Wahrheit - zeitlos und universell
Nach den Lehren des Bön repräsentiert der Buddha-Dharma eine zeitlose, universelle Wahrheit. Deshalb bezeichnen ihn seine Anhänger als "yungdrung", was soviel wie "ewig, unzerstörbar" bedeutet. Diese Wahrheit ist kein exklusives Privileg des Planeten Erde oder der Menschheit oder gar einer einzelnen, historischen Gestalt - diese Lehre hat es in der Vergangenheit, in den verschiedensten Universen unter den verschiedensten Arten von intelligenten Wesen immer wieder gegeben - und das wird auch in Zukunft immer wieder so sein. Denn, wo auch immer Lebewesen existieren - die grundlegende Qualität ihrer Existenz ist stets die gleiche: Sie ist samsarisch. Das bedeutet: mit Leiden durchtränkt, vergänglich, den Gesetzen von Ursache und Wirkung unterworfen. Und vor allem: Sie beruht stets auf einem ganz grundsätzlichen, dualistischen Mißverständnis der Wirklichkeit. Deswegen ist auch die Essens des Dharma immer gleich: Seine Grundlage besteht in der einzig angemessene Sichtweise der Wirklichkeit, der Sicht frei von Dualität. Dharma löst das Leiden auf und führt die Wesen heraus aus dem Kreislauf ewiger, leidhafter Wiederkehr in Samsara, hin zu vollkommener Buddhaschaft. Gleichzeitig entwickelt der Dharma stets eine Vielfalt von Methoden, um den unterschiedlichen Voraussetzungen und Kapazitäten der Wesen gerecht zu werden. Und stets wird er von einem Buddha, dem jeweiligen Weltenlehrer, eingeführt und von ihm und seinen zahlreichen Emanationen gelehrt.



Buddha Tönpa Shenrab Miwoche inkarnierte sich im Bereich der Erde im Jahre 16.016 vor Christus, also heute vor 18.023 Jahren. Er verbrachte jedoch die meiste Zeit seines Lebens in dem mystischen Land Olmo Lungring. Dieses Land entspricht dem buddhistischen Shambhala. Es ist für die Augen gewöhnlicher Sterblicher völlig unsichtbar, seine Materie ist feiner als die sichtbare Materie, und auch die Menschen, die dieses Land bevölkern, verfügen über einen verfeinerten Körper und verfeinerten Geist. Von hier aus lehrte und wirkte Tönpa Shenrab 82 Shen-Jahre lang - das entspricht 8200 gewöhnlichen Menschenjahren - bis er sein Leben mit dem Eintritt ins Parinirvana beendete.

Nur einmal begab Tönpa Shenrab sich selber auf die grobstoffliche Ebene unserer Erde. Dies geschah, als er einen dämonischen Prinz, der sein ständiger Widersacher war, bis nach Osttibet verfolgte, wo er ihn unterwarf und bekehrte. Der Legende nach entstand im Zuge dieser Auseinandersetzung der Bon-ri-Berg in Kongpo, der seither von den Anhängern des Bön als heiliger Ort verehrt wird.
Bei dieser Gelegenheit belehrte Tönpa Shenrab die Bewohner Tibets auch direkt. Da sie jedoch weitgehend unter dem Einfluß von blutrünstigen Dämonen standen, lehrte er sie zunächst nur, negative, dämonische Einflüsse abzuwehren und positive, göttliche Energien anzurufen sowie die Kunst des Heilens und des Wahrsagens. Doch prophezeite er, dass die höheren, spirituellen Lehren des Yungdrung-Bön zu einem späteren Zeitpunkt Tibet erreichen würden, wenn die Menschen dort bereit für sie wären.



Die Verbreitung des Yungdrung-Bön

Auf der materiellen Ebene unserer Erde wurden die Lehren Tönpa Shenrabs durch zahlreiche seiner Emanationen verbreitet, die er zu diesem Zwecke aussandte, und zwar zunächst im Land Tazig in Zentralasien. Das Land Tazig erstreckte sich über ein Gebiet, das vom heutigen Iran über Teile Afghanistans und Uzbekistans bis nach Tajikistan reichte. Wenn der Bön auch in vielen anderen Ländern Fuß faßte, blieb Tazig doch zunächst sein Zentrum. Dieses verschob sich dann später auf das Himalaya-Königreich Zhang-Zhung westlich von Zentral-Tibet, mit dem Berg Kailash als Mittelpunkt und der Hauptstadt mit dem "Silberpalst im Garuda-Tal" westlich vom Kailash. Von dort gelangte der Yungdrung-Bön schließlich auch nach Zentral- und Ost-Tibet, wo er zur Kultivierung der immer noch weitgehend ungezähmten Bevölkerung beitrug, die bis dahin nach wie vor einem primitiven Animismus ergeben war.


In Zhang-Zhung blühte der Yungdrung-Bön unter der Patronage der Zhang-Zhung-Könige viele hundert Jahre lang. Dies blieb so, bis im 7. Jhd. nach Christi der erste buddhistische König Tibets, Songtsan Gampo, einen ersten Versuch unternahm, Zhang-Zhung zu erobern, was schließlich ca. 100 Jahre später im 8. Jh. dem tibetischen Dharma-König Trisong Detsen mit Hilfe einer List gelang. Zhang-Zhung wurde Tibet eingegliedert, seine Religion, der Yungdrung-Bön, verboten und verfolgt, die Kultur Zhang-Zhungs versank in Vergessenheit. Lediglich einer magischen Auseinandersetzung zwischen dem machtvollen Bon-Yogi Gyerpungpa und dem König Trisong Detsen ist es zu verdanken, dass das Verbot des Yungdrung-Bön nach einer gewissen Zeit wieder gelockert wurde und seither Buddhismus indischer Herkunft und Yungdrung-Bön in Tibet koexistieren.



Die Essenz des Yungdrung-Bön

Auf die Frage, was die Essenz der Lehren des Buddha Tönpa Shenrab sei, antwortete Lopon Tenzin Namdak Rinpoche, einer der führenden, lebenden Meister des Yungdrung-Bön, mit einem Vierzeiler:

"I. Ergreife die höchste Sicht.

II. Steige schrittweise auf im Verhalten.

III. Mache Mitgefühl zur Basis von allem.

IV. Übe stets die 10 Paramitas."

Hierzu einige kurze Erläuterungen:

I. Die höchste Sicht ist nach dem Yungdrung-Bön die des Dzogchen, die nichts anderes beinhaltet als den Eintritt des Bewusstseins in die Ebene des Absoluten, jenseits von Sprache und Dualität.

II. Das Aufsteigen im Verhalten ist sehr einfach zu verstehen: Vermeide negative Handlungen, die anderen schaden. Kultiviere positive Handlungen, die anderen nutzen.

III. Mitgefühl als Basis zu nehmen bedeutet, allumfassende Empathie zu entwickeln und den Wunsch, anderen zu helfen, zum Hauptmotiv des Handelns zu machen.

IV. Die 10 Paramitas schließlich sind die Handlungsweisen, die unseren Wunsch zu helfen, umsetzen und uns auf dem Weg zur Buddhaschaft vorwärts schreiten lassen. Es sind im einzelnen das Ausüben von Großzügigkeit, von Disziplin, von Geduld, von Entschlossenheit und von meditativer Kontemplation, des weiteren die Entwicklung von Energie sowie von Mitgefühl und das Durchführen von Gebeten und Widmungen - und als 10. die Entfaltung von Weisheit, was wiederum der Sicht des Dzogchen entspricht.



Klassifikationssysteme des Yungdrung-Bön

Ausgearbeitet sind die Lehren des Yungdrung-Bön allerdings sehr komplex. Klassifiziert werden sie entweder in "die vier Tore und den Schatz, der das Fünfte ist", oder in "die neun Wege des Yungdrung-Bön". Dabei bilden die unteren vier Wege die "Ursachen-Fahrzeuge", in denen Heilen, Wahrsagen und Prophezeien, Rituale zum Anrufen von positiven Energien und Rituale zum Abwehren von negativen Energien gelehrt werden. Diese Lehren sollen helfen, die aktuellen Lebensbedingungen der Praktizierenden zu verbessern. Die oberen fünf Wege, die "Fahrzeuge der Frucht", zielen hingegen auf das höchste, spirituelle Ziel, nämlich letztendliche Erleuchtung und Buddhaschaft. Dabei ist in den zwei Sutra-Fahrzeugen Entsagung die wichtigste Methode. In den zwei Tantra-Fahrzeugen ist es die Transformation, und im neunten und höchsten Fahrzeug, im Dzogchen, die Selbstbefreiung.



Yungdrung-Bön und Buddhismus im Vergleich

Dass es zwischen dem Dharma Buddha Shakyamunis und dem Dharma Tönpa Shenrab Miwoches viele Parallelen gibt, ist für Bönpos nicht verwunderlich. Beide Weltenlehrer waren nämlich im höchsten himmlischen Bereich von Akanishtha vor ihrer Inkarnation auf Erden als Lehrer und Schüler miteinander verbunden. Beide tauchen daher in den Übertragungslinien einiger der höchsten Bön-Tantras und Dzogchen-Zyklen unmittelbar hintereinander auf, und zwar unter den Namen Chimed Tsugphud und Sangwa Dupa. Tönpa Shenrab selber in seiner Gestalt als Chimed Tsugphud beauftragte Sangwa Dupa, einige tausend Jahre nach ihm auf der Erde zu inkarnieren, um in Indien den ewigen Dharma zu lehren.

Im Yungdrung-Bön hat sich bis heute eine uralte, spirituelle Energie erhalten, deren transformative Kraft ungeschmälert ist. Die imaginierten Gottheiten im Tantra des Bön sind von anderer Gestalt als im jüngeren Budhhismus und die nach wie vor wirksamen Rituale und Mantren zur Arbeit mit Energie gehen auf vorbuddhistische Zeiten zurück. In der Praxis gibt es im Detail viele kleine Unterschiede zwischen Buddhismus und Bön. Selbst dort, wo Methoden und Sichtweisen zwischen den beiden Systemen fast völlig übereinstimmen, im Dzogchen nämlich, gibt es immer noch den Unterschied der Linien der voraufgegangenen Meister, die die Lehren verwirklichten und übertrugen. Im letztendlichen Ziel jedoch, nämlich Buddhaschaft erreichen zu wollen für sämtliche fühlenden Wesen ohne Ausnahme, stimmen Buddhismus und Yungdrung-Bön vollkommen miteinander überein.



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