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Ausgabe Februar 2007
Erfahrbarer Schamanismus - Rückkehr zum Herzen der Arbeit

Alexander Alich, Direktor des FoxFire Institute, möchte zurückkehren zum Kern der schamanischen Arbeit - übersetzt von Ute Alich.

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Als ich 1993 zum erstem Mal nach Berlin kam, war der Bereich des Schamanismus so gut wie unbekannt. Wenige Bücher versuchten sich dem Thema zu nähern und die Menschen, die ich traf, waren mehr daran interessiert, etwas zu erfahren, als zu diskutieren. Für einige war es eine aufregende Zeit des Lernens und Erwachens. Seitdem ist viel passiert. Traurigerweise hat sich die Auffassung davon, was Schamanismus zu sein hat, zu etwas entwickelt, das Stereotypen in sich birgt, die Menschen verwirrt und verhaftet macht. Der Spirit dieser Arbeit erfordert jedoch, dass wir offen und flexibel bleiben, um ihn durch Erforschung und Problemlösung lebendig zu erhalten. Ich möchte ein bisschen meiner Arbeit mit euch teilen, in der Hoffnung, dass wir alle zum Kern und der Schönheit dieses Weges der Heilung zurückfinden.



Was ist erfahrbarer Schamanismus?

Erfahrbarer Schamanismus ist eine lebendige Arbeit, weil sie nicht von dem, dem sie dienen soll, getrennt werden kann. Schamanismus verändert sich in demselben Maße wie sich unsere Umwelt und die Menschen darin verändern. Er ist ein an sich schwer zu definierender Begriff, daher sollten wir uns zunächst ansehen, was ihn von anderen Arbeitsfeldern abgrenzt. Schamanisch Praktizierende arbeiten mit dem Spirit – dieser Lebenskraft, die uns mit allem verbindet und vor allem mit etwas, was größer ist als wir selbst. Alles, was wir auf dieser Erde finden, ist von einem Spirit belebt. Obwohl der Spirit normalerweise stark und belastbar ist, kann er durch Krankheit, Nachlässigkeit oder ein Trauma verletzt werden. Die Behandlung und Heilung dieser speziellen Kraft ist die Spezialität der schamanisch Praktizierenden. Da sie sich dazu jeweils den größeren Zusammenhang ansehen, arbeiten sie nicht nur mit dem Individuum, sondern auch mit seiner Gemeinschaft und seinem Umfeld. Hier sehen sie sich genauer an, was außer Balance geraten ist. Ihre Aufgabe ist es, mit ihren Helfer-Spirits und anderen beteiligten Spirits wie z.B. des Landes oder der Elemente zu kommunizieren. Sie wollen herausfinden, wie das Ungleichgewicht entstanden ist und dann Wege finden, Frieden und Stabilität wiederherzustellen. So abstrakt das Ganze zunächst klingen mag, kann es auf Situationen angewandt werden, in denen z.B. ein Mensch an einer nicht diagnostizierbaren Erkrankung leidet oder bei Orten, die ihre Besucher krank und instabil machen.

Um diese Kommunikation mit dem Spirit leisten zu können, muss sich der Praktizierende in einen Trancezustand begeben. Dies ermöglicht ihm, den Bereich des Alltäglichen zu verlassen und ansonsten unzugängliche Informationen einzuholen. Diese Kunst des Wechsels der Bewusstseinszustände erfordert Jahre oder auch Jahrzehnte des Lernens. Ein Grund für diese lange Lehrzeit ist der Bedarf an intensiver persönlicher Arbeit und Heilung, um die Stärke und Fähigkeit zu erlangen, die erforderlich ist, um während des ganzen Prozesses bewusst zu bleiben. Es ist wichtig zu wissen, dass diese Übung immer eine klare Absicht voraussetzt und dass es immer einen Weg geben muss, ins Alltägliche zurückzukehren. Trancezustände sollen nie leichtfertig herbeigeführt werden, um Neugierde zu stillen, da es ernste Konsequenzen mit sich führen kann.


Die Bedeutung der Gemeinschaft und der Begabung

Traditionelle Praktizierende dienten einer Gruppe oder Gemeinschaft – ohne diese gab es keinen Bedarf für sie. Wenn ein neuer Schüler mit mir arbeiten möchte, frage ich möglicherweise: “Was ist deine Gemeinschaft und wie willst du ihr dienen?” Wir alle sind Teil von Gemeinschaften – z.B. unserer Kollegen, Klienten, Patienten, Freunde. Um einer Gemeinschaft dienen zu können, müssen wir unsere Begabung oder Berufung kennen.

Jeder ist mit einer Gabe oder einem Lebenszweck geboren. Diese Gabe ist nicht unbedingt das, was du tust, sondern das Einzigartige deines Spirits, was du mitbringst, um es zu teilen. Diese Gabe zu erkennen und eine bewusste Entscheidung zu treffen und mit ihr zu arbeiten, ist eine große Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen, um einen Weg zu finden, dieser Gabe eine Form zu geben.



Stereotypen und Missverständnisse


Drogen

Schamanismus wird heutzutage schnell mit der Einnahme von Drogen assoziiert. Über dieses Phänomen bin ich persönlich sehr traurig. Sicher gibt es einige indigene Völker, die “teacher plants” benutzen, um sich in Ekstase zu versetzen. In unserer westlichen Kultur gibt es dafür jedoch seit langem keine Grundlage und keinen Rahmen mehr. Hier haben wir viele andere Wege, um in Trance zu arbeiten, z.B. durch trommeln, tanzen, singen.



Schamanismus ist nur für dich

Während wir ständig an uns selber arbeiten, um zu wachsen und zu heilen, bleibt der Zweck und das Ziel der schamanischen Arbeit jedoch immer auf die Gemeinschaft gerichtet und nicht auf den Praktizierenden selbst.



Verlasse dein Land, um spirituell zu sein

Viele Menschen glauben, sie müssten Deutschland verlassen, um zu lernen und zu arbeiten. Es scheint, als hätten die anderen Kulturen alle Antworten. Dies ist nicht unbedingt wahr. Ein Vorteil des Lernens in einem anderen kulturellen Kontext kann sein, dass man besser sieht, was in der eigenen Kultur fehlt. Die Herausforderung, wenn man zurückkommt, ist jedoch, einen Weg zu finden, das Gelernte im hiesigen kulturellen Kontext anzuwenden und herauszufinden, wie es diesem Land, seinen Menschen und Spirits hier dienen kann.

Vergiss nie, das die tägliche spirituelle Arbeit immer eine Herausforderung ist – egal wo du lebst.
Letztendlich erfordert erfahrbarer Schamanismus, durch eigene Erfahrung von etwas zu lernen, das größer ist als wir selbst. Ein idealer Lehrer wird ein Lernumfeld und -situationen schaffen, die dich zum wachsen und heilen herausfordern, damit du über dich selbst hinauswachsen kannst. Das sind meist sehr unbequeme Situationen und sie bringen dich zeitweise an deine Grenzen. Darüber hinaus wirst du lernen, das Gelernte anzuwenden, um der Erde und allem, was darauf lebt, zu dienen. Schließlich ist wichtig, sich stets bewusst zu bleiben, dass erfahrbarer Schamanismus keinen Selbstzweck hat, sondern eine Lebensart ist.



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