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Ausgabe Oktober 2006
Existenzangst Vampirismus unserer Zeit

Irma Dilba-Burnautzki über alte und neue Visionen der Angst.

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Angst vor Vampiren damals...

Für uns sind Stories über Vampire erfundene Geschichten, mit denen wir durch Filme oder andere Medien unterhalten werden. Es ist ja auch kaum zu glauben, dass Menschen früher tatsächlich von Vampiren geplagt worden sein sollen und daran starben, wie es etwa aus der Gegend des heutigen Ungarn, Rumänien und der Türkei berichtet wird. War es eine Einbildung, die sich kollektiv verbreitete und Menschen mit einer Angst leben ließ, die es in unseren Breiten so nicht gab? Allerdings leben auch wir mit Illusionen, die nur in unserer Vorstellung existieren, die es in Wirklichkeit nicht gibt.



... und Angst heute

Unter welcher Angst leiden Menschen heute? Arbeitslosigkeit, drohende Armut, Trennung, physische und psychische Schmerzen. Ist das alles nur Einbildung? Natürlich gibt es diese Ursachen. Sie können großes Leid hervorrufen oder uns herausfordern, umzudenken und neue Wege zu gehen. Das Leiden begleitete die Menschheit schon immer – es ist ein Phänomen, das von unserem Unterbewusstsein gesteuert wird. Wir haben einen Leidenspegel entwickelt und diesen halten wir unbewusst aufrecht. Aus dem Leid versuchen wir, uns manchmal zu befreien. So trennen wir uns von einem Menschen, unter dem wir leiden und stellen nach einer gewissen Zeit fest, dass wir schon wieder unter etwas anderem leiden. ”Hello darkness my old friend” heißt ein Lied von Simon und Garfunkel. Ironisch wertschätzen sie das Leiden und begrüßen es als einen alten Bekannten, ja Freund. Aber hinter jedem Spaß steckt auch Ernst. Seinem Leiden gibt sich jeder Mensch leidenschaftlich hin und trägt es wie etwas Wertvolles mit sich herum. Es wird an das, was leiden lässt, viel gedacht: Man möchte darüber sprechen, es aufschreiben, mit dieser Problematik im Mittelpunkt stehen, man sucht einen Therapeuten auf, fährt zur Kur oder an Kraftorte und und und … . Wenn wir leiden, sind wir wichtig und werden ernst genommen. Hochbezahlte Fachleute widmen sich unserem Leid. Was zum Leiden hinzukommt, ist die Angst, die es im Schlepptau hat. Angst, es könnte noch schlimmer kommen.



Aberglaube

Das Leiden unter Vampiren hatte unterschiedliche Auswirkungen. Vampirismus hat die Menschen vernichtet. Entweder sind die Menschen am Biss der Vampire gestorben oder sie wurden selbst zu Vampiren. Andere Phänomene ähnlich dem Vampirismus sind letztendlich in der ganzen Welt verbreitet. Wir nennen es heute in unserer modernen Welt Aberglaube. Oder denken wir wirklich, dass wir die einzigen Menschen sind ohne Aberglaube? Das wäre wirklich arrogant von uns. Wir glauben an die Technologie, an die Wissenschaft und unsere Politiker. Wir lesen unsere Zeitung, mit der wir uns identifizieren können, unser Wirtschaftsblatt, das wir abonniert haben und wir glauben das, was da steht. Wir sind in einem kollektiven Denksystem gefangen, so wie die Menschen vor 200 Jahren in dem Glauben an Vampire. Wir stecken in unserem kollektiven Denksystem fest. Das ist unser Aberglaube. Denken wir einmal zurück: 1968 war der Kommunismus eine Utopie und eine Ideologie. Heute ist er überholt. War das nicht ein Aberglaube? Ein Mensch in Afrika würde sagen, das sei unser Aberglaube gewesen. Wir haben in der ersten Welt so viel Wohlstand, von dem der durchschnittliche Mensch in Afrika nicht zu träumen wagt. Aber in Afrika bringt sich kaum ein Mensch selbst um. Bei uns sind Depression und Selbstmord ein wichtiges Thema. Wer ist abergläubisch: der Mensch in Afrika oder der Mensch in Deutschland? Wir glauben an unser Leid und an unsere Angst. Aber genau das, wovor wir Angst haben, das kommt zwangsläufig auf uns zu, weil wir es unbewusst heraufbeschwören und ihm zu viel Aufmerksamkeit geben.





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