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Ausgabe September 2006
Das Leben endet nie - Wozu heute noch Religion?

Der Benediktiner, Zen-Meister und Priester Willigis Jäger kommt nach Berlin. Wir drucken einen Auszug aus seinem Buch “Das Leben endet nie” mit freundl. Genehmigung des Theseus Verlages.

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Willigis Jäger richtet sein Augenmerk immer wieder auf die für uns Menschen existenziellen Fragen: Gibt es hinter allem Sichtbaren und Vergänglichen etwas, das bleibt? Können wir ein neues Verständnis von Alter, Krankheit und Tod entwickeln, von Auferstehung oder Wiedergeburt? Welchen Sinn, welche Bedeutung haben die Religionen in unserem postmodernen Zeitalter? Tief in der mystischen Tradition des Christentums und den Lehren des Zen verwurzelt, zeigt Willigis Jäger neue Horizonte und Wege auf für all jene, die in den traditionellen Vorstellungen und Konzepten der Religionen keine überzeugenden Antworten mehr finden. Ihm geht es um eine neue, integrale Spiritualität, die vor den vielfältigen Problemen unserer Zeit nicht die Augen verschließt, sondern sie als Herausforderungen begreift, Spiritualität neu zu denken.




Wie Gott das nur zulassen kann

Der Schüler fragte den Meister: “Wenn Kommen und Gehen sich endlos dahinziehen, was ist dann?” Der Meister schrie den Schüler an: “Wer/was kommt und geht denn?” Der Schüler war nicht zufrieden und ging zum nächsten Meister: “Wenn Kommen und Gehen sich endlos dahinziehen, was ist dann?” Der Meister antwortete: “Wessen Kommen und Gehen ist es denn?”

Der Schrei des Meisters offenbarte es, aber der Schüler erkannte es nicht. Was wir Gott nennen, vollzieht sich als Kommen und Gehen, als Schrei des Meisters, als unser Arbeiten, Planen, Sorgen und Leiden. Es gibt noch etwas hinter dem Kommen und Gehen, etwas, wo Kommen und Gehen entstehen. Es ist rational nicht zu begreifen, es offenbart sich als Kommen und Gehen, als Geborenwerden und Sterben. Was wir Gott nennen, das Unbegreifbare, wird als Kommen und Gehen greifbar. Und da ist nichts ausgenommen, auch nicht ein Erdbeben und auch nicht eine Wasserflut.

Wasserfluten gab es schon oft. Vor 65 Millionen Jahren starben in einer Flut und deren Folgen die Saurier aus. Es ist ziemlich sicher, dass es eine Hochkultur gab, die vor 11 000 Jahren in einer Flutwelle weggespült wurde. – Sind wir Zufallsprodukte?

Was ist der Sinn der paar Jahrzehnte, die wir auf diesem absolut unbedeutenden Staubkorn am Rande eines ungeheuer großen Weltalls herumlaufen? Was ist der Sinn der kleinen Kinder, die in der Flutwelle starben? Steht dahinter nicht doch ein stümperhafter Schöpfer, der von Zeit zu Zeit die Erde beben lässt, eine Flutwelle oder einen Asteroiden schickt und Menschen und Tiere einen jämmerlichen Tod erleiden lässt?

Der Spieler des Universums sitzt nicht draußen und zieht Figuren wie bei einem Schachspiel. ER/ES entfaltet sich als Spiel, ER/ES kreiert sich als Spiel. ER/ES spielt sich selbst. Die Spielregeln entwickeln sich immer neu im Fortgang des Spiels. Es gibt keinen Punkt Omega. Es gibt nur das zeitlose Jetzt.

Wo war Gott, als die Flut kam? Sie kam nicht, weil der Mensch böse war, wie uns die biblische Sintflut sagt. ER/ES geht unter, und ER/ES geht nicht unter. ER/ES ist der Weltuntergang. ER/ES geht unter als Weltuntergang und manifestiert sich als ein neuer Urknall, falls es ihn geben sollte. Nein, der Spieler des Universums sitzt nicht irgendwo außerhalb, lässt die Erde beben und vernichtende Fluten kommen. Das ist eine kindliche Religiosität. In der Flut in Asien offenbarte Gott sich als Flut und als Untergang vieler Menschen. Gott selber starb in den vielen Menschen, die umkamen.

Wo gingen die Menschen hin, als sie starben? Wo gehen die Wellen hin, wenn sie in den Ozean zurückkehren? Sie kehren zurück in den “Ozean Gott”. Unser Ich hat vor diesem Zurückkehren Angst, aber unsere wahre Identität ist das Weltmeer, nicht die Welle. Ob und wie die Welle weiterlebt, wenn sie in den “Ozean Gott” zurückkehrt, wissen wir nicht. Es ist eine Geburt in ein größeres Leben, in eine Fülle, von der wir keine Ahnung haben können, weil unsere Ratio zu eng ist. Es öffnet sich ein Tor. Es schließt sich nicht ein Tor, wenn wir sterben.






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