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Ausgabe September 2006
Reisen in die nichtalltägliche Wirklichkeit

Katja Neumann begleitet Menschen trommelnd auf Reisen in die nichtalltägliche Wirklichkeit. Haidrun
Schäfer hat es ausprobiert.

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Alle zwei Wochen bietet Katja Neumann für zwei Stunden die Möglichkeit, selber auf Reisen in die nichtalltägliche Wirklichkeit zu gehen. Ich komme an einem Freitag Abend und erhalte vorher als Anfängerin eine kleine Einführung, was man wissen sollte. Die Reisen finden in der Regel auf dem Rücken liegend statt und dauern jeweils meist eine Viertelstunde. Dann kommt das Rückholsignal. Um loszugehen, ist es praktisch, eine Tür zu durchqueren, um einfach den physischen Körper und die Alltagsgedanken zurückzulassen. Dann begibt man sich an einen individuellen Startplatz: Das ist oft ein Ort in der Natur, quasi als Zwischenebene zwischen hier und der nichtalltäglichen Wirklichkeit. Es sollte ein Ort sein, den man kennt und mag. Wie er aussieht, ist so vielfältig wie es Individuen gibt: ein Ort am Meer, ein Wasserfall, ein Baum oder der eigene Garten.



Untere und obere Welt

An einem Abend gibt es drei Reisen. Für unseren Orientierungssinn ist es hilfreich, in eine untere, mittlere und obere Welt zu unterscheiden. Als dreidimensionale Wesen können wir nicht im Kreis denken. In der unteren Welt findet man die Krafttiere. Wenn man seins gefunden hat, kann man es überall mitnehmen, dann ist es quasi in mir drin. Um in diese untere Welt zu kommen, gibt es viele Möglichkeiten: das kann eine Höhle sein, ein Teich oder man rutscht eine Rutsche runter. Auf jeden Fall braucht man ein Schlupfloch in der alltäglichen Wirklichkeit, um dann irgendwo in dieser anderen Welt herauszukommen. Die kann auch sehr unterschiedlich aussehen – meist ist sie üppig mit Wäldern und Flüssen und Tieren. Manchmal sieht man aber auch keine Lebewesen, sondern hört sie nur. Die obere Welt ist die feinstoffliche, ätherische Ebene. Dort trifft man Lehrer, Göttinnen, Elfen, Geistführer, Erzengel und noch viele mehr. Die Spirits der unteren und oberen Welt sind uns sehr wohlgesonnen und freuen sich, wenn man kommt. Ein Grundgesetz ist sowieso: Es soll einem gut gehen. Um in die beiden anderen Welten zu kommen, ist alles erlaubt. Für die obere gibt es Strickleitern, Baumkronen, Dachluken, Vögel, Berge oder das klassische schamanische Hilfsmittel: der Rauch.



Das Ziel

Bevor es losgeht, sollte man sich überlegen, was man will und sich ein Ziel setzen. Es ist so wie in der alltäglichen Wirklichkeit, wenn ich jemanden treffen will: Auch hier sollte ich ihn davon in Kenntnis setzen. Wenn man nach unten reist, könnte das Ziel heißen: Ich möchte mein Krafttier treffen. Wenn es nach oben geht: Ich möchte meinen Lehrer treffen. Dieser Lehrer ist oft keine konkrete Person, sondern zeigt sich eher als Schatten oder durch Umrisse ohne klares Gesicht. Manchmal sieht man auch nichts, sondern hört oder spürt lediglich eine Präsenz.



Erste Reise

Es geht los. Die erste Reise soll in die untere Welt gehen und ich möchte den Tiger treffen, den Katja bei ihrer Reise für mich als mein Krafttier kennen gelernt hatte. Katja trommelt auf ihrer eigens für sie hergestellten Trommel und ich verlasse den Raum durch die Tür. Auf einer Wiese gehe ich auf einen großen, imposanten Baum zu. Nachdem ich ihn umkreist habe, schlüpfe ich durch die Öffnung und begebe mich in das großzügige Innere. Ich wollte Stufen hinuntergehen, aber die Treppen verwandeln sich in einen glitzernden blauen Schlauch, durch den ich nach unten rutsche. Ich rutsche und rutsche und nichts passiert. Aus dem Blau wird grau und schon hat mein Verstand den Fuß in der Tür und schaltet sich ein: Was ist, wenn ich gar nichts sehe? Und in der Tat passiert nichts und ich finde mich immer blöder. Weiterhin große Leere auf dem Bildschirm. Ich versuche, noch mal von vorne anzufangen und die ersten Stufen im Baum runterzugehen. Geht nicht. Heute Abend würde ich gerne TV glotzen – das ist nicht so anstrengend. Ödes Tümpeln im bildlosen Raum. Dann ein Hauch einer Assoziation von Flügeln. Aber ich soll doch in die untere Welt – Zweifel, aber... alles ist erlaubt. Zaghaft folge ich dem Hauch eines Schmetterlingsflügels und schwebe einen Moment. Das fühlt sich gut an, aber von Elfen oder gar Geistführern keine Spur. Das Rückholsignal ertönt und ich trotte enttäuscht aus dem Baum und komme wieder in diesen Raum.

Was gut war: Ich habe eine Ahnung, wie sich so eine Reise für mich anfühlen könnte. Ich bin dann nicht “verstandeslos” in einer anderen Welt unterwegs, sondern besuche in meiner Fantasie Orte, die ich mit meinem physischen Körper nicht betreten kann. Dabei bleibe ich immer klar hier liegen und höre Katjas Trommel. Normalerweise bewege ich mich relativ eingleisig durch die alltägliche Realität. Jetzt erlebe ich eine Art Zweigleisigkeit. Ich bin hier und gleichzeitig kann ich in meiner Fantasie reisen. Ich glaube, ich hatte Angst vor der Ansage, dass man nicht mehr zurückkommen möchte – quasi den Verstand abgegeben hat. Aber es geht hier nicht um Trance oder Hypnose – das wurde mir jetzt klarer.

Nach jeder Reise berichten die Teilnehmer kurz von ihren Erlebnissen, was sich als hilfreich erwiesen hat, um die Eindrücke hier in die reale Welt mitzunehmen. Danach beginnt die zweite Reise – diesmal in die obere Welt.


Zweite Reise

Ich gehe wieder zu meinem Baum. Er steht auf einer Lichtung auf der Pfaueninsel. Um den Baum herrscht eine festliche Stimmung. Lauter Elfen tanzen in wallenden Gewändern um ihn herum – ein fröhlicher Reigen. Als ich näher komme, ziehen sie mich in ihren Bann, binden mich ein in ihren Tanz und ich schwinge an einer Lichtsäule wie an einem Seil immer weiter nach oben: Ich kreise in die Lüfte.

Die Erde wird immer kleiner, was meiner Höhenangst keinen Auslöser zu Panik zu geben scheint. Ich steige immer höher, komme in Sphären, die heiter, weit und endlos scheinen. Inzwischen befinde ich mich in einem schwebenden Zustand, völlig körperlos, aber präsent – die Stimmung ist froh und leicht. Aber es passiert nix.

Und schon dröhnt der Verstand, meldet sich, will mitreden, gibt Kommentare. Ja, ja – sei so gut und lass mich noch einen Moment schweben. Ich hänge mich an die Lichtsäule und drehe mich wieder weiter runter. Auf einmal wird es ganz bunt, voller Geräusche. Ich schwinge weiter abwärts und dann wird alles blau. Delfine um mich herum, wieder eine Atmosphäre von Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Freude. Weiter unten treffe ich eine bunte Welt voller Schmetterlinge. Auf einmal mischen sich fratzenartige Wesen ein. Die will ich aber nicht sehen, also drehe ich weiter nach unten – alles ist erlaubt – und komme wieder am Baum vorbei, drehe mich in die Erde, immer weiter.

Auf einmal weißes Licht, ganz klar, wie Diamanten, und ein weißes Einhorn erscheint. Ich folge ihm, frage, ob ich auf ihm reiten darf: Ja. Es ist herrlich, auf seinem Rücken durch den Raum zu schweben – vielleicht sollte ich doch wieder reiten – schwups ist der Verstand wieder da. Ja, ja, ich weiß, dass es dich gibt – ich möchte aber noch weiterschweben.

Dann kommt das Rückholsignal. Wir drehen um, düsen den Weg zurück und ich stehe sehr schnell wieder vor dem elfenumschwebten Baum. Ich bedanke mich bei den Elfen und verabschiede mich, nehme die Fähre zum Festland und komme wieder durch die Tür.

Das war eindeutig besser als der erste Versuch. Die anderen Teilnehmer sind schon öfter gereist und erzählen von den unterschiedlichsten Erlebnissen. Das Reisen muss man üben, so wie man alles üben sollte, was man können möchte.


Dritte Reise

Eine letzte dritte Reise geht noch einmal in die untere Welt. Ich sage leise und deutlich, dass ich meinen Tiger treffen möchte. Wieder gehe ich zu meinem Baum, trete in die Öffnung und diesmal gibt es Stufen, die ich hinuntergehen kann. Nach einer Weile komme ich in einen großen Gang, der in einem riesigen Raum endet. Und dort sitzt wirklich ein gigantisch großer Tiger mit weiß-gelbem üppigen Fell. Ich gehe zu ihm hin und werde von seinem langen Fell regelrecht eingehüllt. Irgendwie lande ich auf seinem Rücken und er läuft mit mir durch einen anderen Gang, springt durch einen Wasserfall und wir sind in einer Dschungellandschaft. “Wie im Bilderbuch”, zweifelt mein Verstand. Selbst wenn ich mir das alles nur einbilde, ist mir das im Moment egal. Dieses Gefühl, die geballte, unglaubliche Kraft des Tigers zwischen meinen Beinen zu haben, ist einfach geil. Ich konzentriere mich so auf dieses beeindruckende Gefühl, dass mir die Umgebung fast egal ist. Dann lade ich meinen Verstand ein, mir klar zu machen, dass ich dieses Gefühl mit in die andere Welt nehmen kann – die Kraft des Tigers gehört zu mir. Genial. Das sind fast orgiastische Wellen, auf denen ich dann ganz langsam durch den Dschungel schaukel. Ich bin richtig glücklich. “Und wie sieht’s um dich rum aus?”, will der Verstand wissen. Immer noch bunt, lauter Tiere, irgendwo brennt ein Feuer mit einer geraden Rauchsäule. Ich konzentriere mich einen Moment auf Katjas Trommel und dann stehen wir vor einem See. Auf einmal taucht das Einhorn auf. Seine Ausstrahlung ist ganz anders als die des Tigers. Auch imposant, aber graziler. Ich lasse mich in das Wasser gleiten und staune über die samtige Konsistenz. Als das Rückholsignal erklingt, fliege ich auf dem Tiger den Weg zurück und lande mit einem Sprung vor meinem Baum auf der Pfaueninsel.

Welch ein Unterschied zu dem zaghaften ersten Versuch... Die Lehrer haben Recht: Übung macht den Meister.





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