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Ausgabe Mai 2006
Schön, dass du wieder da bist

Katja Neumann geht auf Reisen in die nichtalltägliche Wirklichkeit. Haidrun Schäfer hat sich mit ihr unterhalten und sich auf die Reise begeben.

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Katja Neumann reist schamanisch in die nichtalltägliche Wirklichkeit. Das kann sie zum einen für sich selbst tun, um dort ihre Lehrer und Krafttiere zu treffen. Sie kann aber auch für andere reisen, nach ihren Krafttieren fragen und verlorene Seelenanteile zurückholen. Außerdem kann sie auch andere Menschen anleiten, auf Reisen zu gehen und einen Kontakt mit dem eigenen Krafttier herzustellen. Ich bin hier, um eine Einzelberatung wahrzunehmen, bei der Katja für mich auf die Reise geht, nach meinem Krafttier fragt und schaut, ob sie verlorene Seelenanteile von mir in der anderen Welt trifft, die sie dann zurückgeleiten kann – wenn sie mit ihr mitwollen...

Was heißt Schamanismus bzw. schamanisch reisen?
Schamane heißt übersetzt “der mit dem Herzen sieht” oder “der zwischen den Welten vermittelt”. Die Krafttiere und Spirits sind ja die ganze Zeit anwesend, nur haben wir begrenzte Möglichkeiten, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Ich kann in ihre Welt gehen und als Bote fungieren, d.h. ich arbeite schamanisch, aber ich würde mich nie als Schamanin bezeichnen. Für mich ist einer der wichtigsten Bestandteile, verlorene Seelenanteile aus der nichtalltäglichen Wirklichkeit zurückzuholen.

Fehlen jedem Menschen Seelenanteile?
Ich denke, es gibt niemanden, dem nicht Seelenanteile fehlen. Wir haben alle unsere Dramen erlebt und manchmal spalten sich halt Seelenanteile ab, sozusagen als Überlebensstrategie, um den Schmerz auszuhalten. Um wieder zurückzufinden, brauchen sie Geleit. Es geht natürlich auch ohne die Anteile, aber dann bleibt immer das Gefühl, da fehlt etwas, was bis hin zu depressiven Stimmungen führen kann. Es ist wie der berühmte Sprung in der Schüssel, der die Gefahr zu zerbrechen erhöht, je größer er ist.

Sammelst du alle verlorenen Anteile in einer Sitzung ein?
Es sind mit Sicherheit nicht alle, aber für heute sind es die Seelenanteile, die du jetzt brauchst. Es kann sein, dass du in drei Monaten das Gefühl hast, es kann noch weiter gehen. Wenn man öfter reist, wird es auch ein Stück weit unspektakulärer. Es passiert nicht jedes Mal, dass drei Seelenanteile wiedergefunden werden. Für eine erste Reise ist es schon normal, dass ich zwei bis drei Seelenanteile finde, aber in den folgenden wird es ruhiger. Meine Vermutung ist auch, dass man über die zurückgeholten Seelenanteile andere von sich aus motiviert, zurückzukommen – der Weg ist einfach geöffnet. Wenn jemand die Absichtserklärung, heil werden zu wollen, ausgesprochen hat, wirkt sie wie ein Sog. In dem Moment kann man den Prozess nicht mehr stoppen.

Was sind deine Hilfsmittel?
In erster Linie natürlich die Trommel. Diese hier habe ich erst seit einem halben Jahr. Sie ist extra für mich angefertigt. Die Haut ist von einem sieben Monate alten, weiblichen Kalb. Für diese Trommel habe ich eine Reise gemacht, um mich bei allen Beteiligten zu bedanken und besonders bei dem Kalb, dass es dafür gestorben ist und den Job dadurch angenommen hat. Inzwischen ist die Trommel wie ein Partner oder wie ein Kind – wenn ich mit ihr unterwegs bin, habe ich immer Sorge, dass ihr etwas passiert. Dann habe ich zwei Rasseln – eine weibliche und eine männliche – und auch Steine. Bergkristalle sind z.B. zentrale Steine bei schamanischen Reisen. So wie hier die materiellen Dinge immer mehr werden, kommen auch in der nichtalltäglichen Wirklichkeit mehr und mehr Helfer. Inzwischen habe ich sechs immer anwesende Krafttiere.

Haben die Krafttiere aus der nichtalltäglichen Wirklichkeit mal hier auf der Erde gelebt?
Wahrscheinlich. Ich denke auch, dass wir Tiere absolut unterschätzen. Gerade bei Vögeln glaube ich, dass sie hin- und herreisen können. Außerdem ist es extrem vermessen, Tieren eine verminderte Intelligenz zuzusprechen. Eigentlich sind wir armselig, dass wir die Sprache und Schrift als Hilfsmittel gebrauchen – das haben Tiere nicht nötig.

Warum helfen die Spirits?
Ich bin davon überzeugt, dass es letztendlich um eine größere Sache geht. Jedes bisschen, das wir an uns selber heilen, dient dem Großen und Ganzen. Es geht um die Heilung der Erde und da haben die Spirits ein großes Anliegen.

Die Sitzung
Die Sitzung beginnt mit der Ziehung von Karten, denn nach Katjas Erfahrung versteht die Seele einfach Bilder besser als Worte. Dafür hat sie ein besonderes Kartenset ausgewählt, die OH-Karten: Sie bestehen zum einen aus Wortkarten und zum anderen aus Bildkarten, wobei die Bildkarten kleiner sind und genau in das innere, freie Feld der Wortkarten passen – durch die jeweils ca. 100 Karten gibt es also sehr viele Kombinationsmöglichkeiten. In den letzten Jahren hat sie vier Standardfragen entwickelt, zu denen man jeweils zwei Karten zieht: Was ist das Thema? Wo ist die Wurzel oder was ist die Ursache? Was ist meine Selbstsabotage? Was kann ich tun? Nachdem wir über eine Stunde über ein persönliches Anliegen von mir gesprochen haben, kommen wir zum zweiten Teil der Sitzung, der Reise.

Die Reise
Üblicherweise dauert eine Reise eine Viertelstunde. Dazu legt sie sich neben die Person und lässt eine CD mit Trommelmusik laufen. Manchmal kann es passieren, dass sie sich während des Reisens aufsetzt, um aus dem Energiekörper zu entfernen, was man im Schamanismus Extraktion nennt. Wenn sie zurückkommt, haucht sie das, was sie mitgebracht hat, demjenigen über das Herz- und Scheitelchakra ein. Außerdem hat sie während der Reise einen kleinen Rosenquarz in der Hand, den sie danach verschenkt – quasi als Knoten im Taschentuch, um sich daran zu erinnern.
Ich lege mich auf die Reisestätte, zugedeckt und bequem, während Katja sich vorbereitet: Räucherkerze, Rasseln, Gesang, Steine und Begleiter auf dem Weg in die nichtalltägliche Wirklichkeit. Für die Reise lässt sie eine CD mit Trommeln laufen, legt sich neben mich und es geht los. Ich versuche, auch etwas zu sehen oder ein Zeichen zu erhaschen, ob mein Krafttier Flügel oder Hufe hat – nix. Später versuche ich den Trick mit der Tür, die in die andere Welt führt. Dazu schlüpfe ich in einen Baum, gehe einen Gang entlang, komme tatsächlich zu einer Tür und mache sie auf: Licht und Farben und Wärme und Klänge erfüllen einen weiten Raum – heiter, sorglos, lebendig. Aus welchen Gründen auch immer bleibe ich mit der Türklinke in der Hand stehen, schließe nicht die Tür hinter mir, sondern verharre auf der Schwelle. Und dann bin ich auch schnell wieder im tatsächlichen Raum, nehme andere Trommelrhythmen wahr, die das Rückkehrzeichen für Katja sind, wie sie später erklärt. Zum Schluss haucht sie mir ihre Fundstücke in Herz und Scheitel, legt mir einen kleinen Rosenquarz in die Hand und wir sind wieder am Prenzlauer Berg. Sie erzählt, was sie erlebt hat: Mein Krafttier ist ein Tiger, groß, stattlich, fast weiß – wow, ich habe auf jeden Fall eine Affinität zu Raubkatzen, die sich im Alltag im Zusammenleben mit einem Stubentiger äußert. Katja ist auf dem Tiger geritten und fand insgesamt drei verlorene Seelenanteile aus verschiedenen Kindheitsjahren: etwa drei, fünf und dreizehn. Zu jeder Jahreszahl fällt mir ein einschneidendes Erlebnis ein. Alle drei Teile kommen mit ihr mit. Auch einen geklauten Seelenanteil hat sie wieder zu mir zurück geholt und demjenigen eine Lichtkugel dagelassen. In dem folgenden Nachgespräch werden die Karten und die Reiseerlebnisse miteinander verbunden. Mein Rosenquarz hat die Form von Korsika, meiner Lieblingsinsel mit ihrem faszinierenden Geruch – sie hatte den Stein vor der Reise noch einmal umgetauscht, weil der vorher vorgesehene ihrer Meinung nach doch nicht richtig gepasst hat – über den “Zufall” brauchen wir hier nicht mehr zu reden.

Nachklang
Anschließend laufe ich zu Hause um den Lietzensee und lasse das Erlebte auf mich wirken. Eine große Freude füllt mich aus: Das kleine Mädchen ist wieder bei mir! In der letzten Zeit gab es immer mal wieder einen starken Kinderwunsch nach einem Mädchen – jetzt fühlt es sich so an, als wenn es die Sehnsucht nach einem Teil von mir selbst gewesen ist. Später gibt es wieder einen Moment der Ruhe und als ich in mich reinhorche, fühlt es sich so an, als wäre die Familie komplett. Die Familie bin ich oder ich bin eine Familie und bestehe aus verschiedenen Anteilen. Jetzt sind alle da und ich fühle mich rund – kein Sprung in der Schüssel, alles dran. Auch auf dem Weg nach Hause hatte ich das Gefühl, mir kann jetzt gar nichts Unangenehmes zustoßen – da gibt es nix, wo das andocken könnte. Im Gegenteil, ich bewege mich wie ein blank geputzter Rolls Royce durch die Straßen – oder halt wie ein königlicher Tiger, dem kann auch keiner was. Die Assoziationen kamen, weil ich an ein Gedicht denken musste, als ein tiefes Baugrubenloch mitten auf dem Gehweg auftauchte.
Wozu ich auf jeden Fall Lust habe, ist eine angeleitete Reise von Katja mitzumachen, bei der man selber in die nichtalltägliche Wirklichkeit reist und seine eigenen Krafttiere kennen lernt. Jetzt weiß ich, dass ein Tiger mit mir in Kontakt steht, aber ihn zu sehen, ist sicher noch was anderes und bestimmt sehr ergreifend.


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