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Ausgabe Mai 2005
Gefühle sind wichtig

Irma Dilba-Burnautzki über die hemmende Wirkung von Schuldgefühlen und wie wichtig es ist, unsere Gefühle wahrzunehmen und vor allem, sie ernst zu nehmen.

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Schuldgefühle hemmen Lebenslust
Beziehungsunfähigkeit, Erfolglosigkeit im Beruf, scheinbar grundlose Depressionen, Lustlosigkeit – vieles ist oft auf verborgene Schuldgefühle zurückzuführen. In der Kindheit verinnerlicht und dann vergessen oder verdrängt, hemmen sie unsere Lebensfreude. Oft geht die Wirkung von Schuldgefühlen sogar so weit, dass wir nicht mehr in der Lage sind, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen. Die andere Seite ist die Lust: die Lust am Leben, am Erfolg, an der Liebe, an den Menschen – die Lust, auf der Welt zu sein. Lust und Schuldgefühle sind fundamentale Empfindungen, die eng zusammenhängen. Wann immer wir anfangen, uns zurückzunehmen oder unsere Bedürfnisse zu verleugnen, bleibt die Lust auf der Strecke. Entweder leben die Menschen ihre Lust aus und haben keine oder kaum Schuldgefühle oder sie werden von Schuldgefühlen beherrscht und haben wenig Lust am Leben.

Verdrängte Aggressionen
Schuldgefühle sind destruktiv, denn es sind gegen sich selbst gerichtete Aggressionen. Wer sich selbst mit Schuldgefühlen belastet, gibt auch anderen die Schuld. Menschen, die Aggressivität negativ bewerten und zurückhalten, neigen dazu, andere anzuklagen und zu verurteilen. Dann liegt die Schuld beim anderen und nicht mehr bei sich selbst.

Menschliche Grundgefühle
Von Schuldgefühlen können wir uns lösen, indem wir lernen, unsere Gefühle ernst zu nehmen. Unsere Grundgefühle sind Angst, Aggressionen, Schmerz, Freude und Liebe. Verbieten wir uns, nur eines dieser Gefühle zu leben, dann geht uns auch ein Teil der Lebensfreude verloren. Gefühle sind Informationsträger unserer emotionalen Verfassung und daher sehr wichtig. Eine Eigenschaft unserer Gefühle ist ihre schnelle Veränderlichkeit, wenn wir sie akzeptieren: Wenn wir Ärger und Missmut zum Ausdruck bringen, stellt sich ein Gefühl der Erleichterung ein. Bestehen wir eine Prüfung, vor der wir Angst hatten, freuen wir uns. Wenn wir unseren Schmerz ausweinen, empfinden wir Erleichterung.

1. Angst
Die Angst weist uns auf unsere Grenzen hin. Wir empfinden Angst, wenn wir vor neuen Aufgaben und Erfahrungen stehen. Angst kann uns entweder stimulieren, uns auf ein neues Abenteuer einzulassen oder blockieren, den nächsten Schritt zu wagen. Sie kann auch ein wichtiger Hinweis sein, uns vor Aufgaben zurückzuhalten, denen wir nicht gewachsen sind. Es ist wichtig, unsere Angst zu fühlen, damit wir ihre Differenziertheit wahrnehmen können.

2. Aggressionen
Kein Gefühl wird so abgewertet wie Aggressivität. Dabei sind Aggressionen das Lebenspotential, das uns auch ermöglicht, unter schwierigen Bedingungen zu überleben. Unser Aggressionspotential gibt uns die Fähigkeit, uns einzusetzen, Grenzen zu setzen, zu akzeptieren und eventuell über sie hinauszugehen. Menschen, die ihre Aggressionen unterdrücken, sind Opfer von anderen ”scheinbar” aggressiven Menschen. Sie haben keinen Zugang zu ihrer Kraft und können sie nicht für sich nutzen. Aggressionen geben uns das Potential, unser Leben aktiv anzugehen. Es gibt viele Ebenen, auf denen wir unser aggressives Potential ausleben können: im Sport, in Diskussionen, in Konkurrenz- oder kreativen Situationen.

3. Schmerzen
Schmerz ist ein existentielles Gefühl. Er ist ein Schutz gegen Verletzungen und weist auf unsere Schmerzgrenze hin, die wir nicht überschreiten dürfen. Dabei gibt es Unterschiede: Es gibt Schmerzen, die unerträglich sind und vor denen wir uns schützen sollten. Aber es gibt auch Schmerzen, die uns zu Entwicklung anregen. Schmerzen begrenzen, aber sie können auch stimulieren. Schmerzen anzunehmen und bewusst mit ihnen umzugehen, kann uns stimulieren, unsere persönlichen Grenzen zu erweitern, etwas zu riskieren und über sie hinauszuwachsen.

4.+5. Liebe und Freude
Freude und Liebe sind die Blüten unseres Gefühlslebens. Sie können nur aufblühen, wenn unser restliches Gefühlsleben gepflegt wird. Unsere Gefühle und Bedürfnisse leiten uns zu unserem Glück. Sie sagen uns, was wir brauchen, um uns wohl zu fühlen. Mit Schuldgefühlen unterdrücken wir diese wertvollen Richtungsweiser.

Schuldgefühle
Schuldgefühle sind die Kerkermeister unserer Gefühle. Um Gefühle zu befreien, ist es erforderlich, dass wir die Mechanismen der Schuldgefühle erkennen. Eine Möglichkeit ist, mit der Person zu sprechen, der gegenüber man Schuldgefühle hat, um zu überprüfen, ob die Schuldgefühle angemessen sind. Sind die Schuldgefühle berechtigt, dann sollte man Verantwortung für die Verfehlung übernehmen, sich entschuldigen, ausgleichen oder einen anderen individuellen Weg finden, der hilfreich ist, sie zu verarbeiten. Schuldgefühle sind gelöst, wenn sie nicht mehr vorhanden sind.

Professionelle Hilfe
Manchmal ist es leichter, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Emotionale Probleme über Verstehen zu lösen, hilft wenig, denn Gefühle müssen wieder gelernt und gelebt werden. Emotionale Therapie, kathartische Arbeit oder Schreitherapie führen schnell zu verdrängten Gefühlen zurück. Sie sind befreiend und geben Kraft und Vertrauen, Energie für Bedürfnisse einzusetzen. Je mehr wir unsere Gefühle wahrnehmen, desto mehr Lebensfreude empfinden wir.

Marathon
Ein Marathon ist eine Abenteuerreise, über die körperlichen Grenzen zu gehen, wobei die psychischen Grenzen unmerklich überschritten werden. Die eigene Begrenztheit zu verlassen heißt, mit einem großen Potential von Gefühlen, Sinnlichkeit, Kreativität, Verbundenheit, Freude und Liebe in Kontakt zu kommen, es zu leben und sich neu auszuprobieren.


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