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Ausgabe Mai 2005
60 Jahre Kriegsende – Warum lässt uns das 3. Reich nicht los?

Dimensionen des Familien-Stellens

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Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation Deutschlands in Kraft. Auch 60 Jahre nach Kriegsende spüren viele Menschen noch "Hitlers langen Schatten". Der Heilpraktiker Martin Lenz schreibt über die Möglichkeiten, die das Familien-Stellen bietet, indem die Schicksale geachtet, aber nicht mehr stellvertretend gesühnt werden.
Als ich vor einiger Zeit in der Stralsunder Nikolai-Kirche das Kriegsopferdenkmal von Schwegerle sah, war ich tief ergriffen. Heute, 60 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, ist noch immer von "Hitlers langem Schatten" die Rede. Warum lässt uns das 3. Reich nicht los? Metaphorisch gesprochen: weil es um unsere Anerkennung ringt! Da wir große Teile unseres dunklen Erbes nicht anschauen oder ablehnen, werden wir von dieser Energie immer noch beherrscht oder sie steht uns nicht als Kraft unserer Ahnen zur Verfügung. Was ist zu tun? Allgemein gesprochen, muss die noch verfestigte Energie des 3. Reichs durch Anschauen, Bekenntnis und Trauer gelöst werden und durch Tränen, durch Gefühle wieder flüssig gemacht werden.

Familien-Stellen
Beim Familien-Stellen werden wesentliche innere Bilder unserer Seele im Außen sichtbar gemacht, indem menschliche Stellvertreter für die darin enthaltenen Personen im Raum zueinander aufgestellt werden. Auf diese Weise entsteht das sogenannte wissende Feld: die Stellvertreter fühlen wie die tatsächlichen Personen. In den Aufstellungen ist es nun über verschiedene Schritte möglich, Heilungsarbeit zu verrichten. Heilung bedeutet hier, dass letztlich alle wichtigen familiären Ereignisse anerkannt werden und dass alle, die zur Familie dazu gehören, einschließlich der Toten, also alle, die noch innerlich wirksam für uns sind, am richtigen Platz da sein dürfen. Diese Heilungsbilder sollen in der Seele weiterwirken.

Zwei Praxisbeispiele
1. Ein junger Mann will die Beziehung zu seinem Vater klären. Er ist wütend, weil er ihn als Vater nicht greifen konnte. Der Vater des Vaters fiel im 2. Weltkrieg, als sein Sohn noch ganz klein war. In der Aufstellung zieht es den Stellvertreter des Vaters hinaus aus der Familie, er schaut in die Ferne, ist aber unberührt, wie leblos. Stattdessen sind seine Kinder sehr unruhig, insbesondere der Stellvertreter des jungen Mannes ist auch sehr böse auf den Vater. Als ich dann einen Stellvertreter für den Großvater in die Blickrichtung des Vaters stelle, wird dieser lebendig. Am Ende zieht es ihn in die Arme seines im Krieg gefallenen Vaters. Beim Stellvertreter des jungen Mannes löst sich nun langsam die Wut, ungläubig nähert er sich und als er schließlich schweigend von den beiden anderen Männern aufgenommen wird, bricht der Schmerz aus ihm heraus. Am Ende stehen Vater und Sohn, nun der Klient selbst, in Liebe beieinander. Der Großvater löst sich mehr und mehr von ihnen und schaut von einer gewissen Entfernung wohlwollend auf sie. Es ist aber auch klar, dass es ihn zu den Toten des Krieges zieht.
2. Eine Frau fühlt sich durch ihren aggressiven Nachbarn bedroht. Mitunter schießt er mit einem Luftgewehr in seiner Wohnung über der ihrigen. In der Aufstellung stellt sich heraus, dass der Stellvertreter des Nachbarn für eine Gruppe von Menschen steht, die bedrohlich wirkt. Die Klientin in der Aufstellung ist sehr unruhig, läuft hin und her, fühlt Anziehung und Abstoßung zu der Gruppe. Schließlich bringe ich die Mutter der Klientin, die 1945 von Russen vergewaltigt wurde, dazu und bitte sie, ihrem Impuls zu folgen. Auch diese fühlt Anziehung und Abstoßung zu der Gruppe, die sie als die Russen wahrnimmt. In einem langen Prozess nähert sich die Mutter den Russen und findet am Ende ihren Platz und Frieden bei ihnen, insbesondere bei einem der Täter. Die Tochter ist ruhig geworden. Unter stummen Tränen lässt sie ihre Mutter ziehen. Es ist schmerzvoll, aber sie fühlt sich schließlich freier. Der aggressive Nachbar offenbarte sich uns als ein Zeichen für das nichtanerkannte Schicksal der Mutter, einschließlich der dazugehörenden Russen.

Schicksale achten
Warum also lässt uns das 3. Reich immer noch nicht los? Weil wir es noch nicht loslassen können! Der erste Schritt wäre, dass wir unsere Ahnen und ihr jeweils besonderes Schicksal achten, sie als Menschen sehen, die verstrickt waren in eine große Bewegung. Wenn sie zu Schuldigen geworden sind, gilt es, ihre Schuld und ihre Verantwortung dafür anzuerkennen als die ihrige, statt stellvertretend zu sühnen. Den Opfern unserer Familie muten wir ihr Schicksal zu. Wir können es für sie nicht wiedergutmachen. Schließlich lösen wir uns in Frieden von unseren Ahnen und lassen sie zu ihren Opfern, Tätern und anderen Schicksalsgefährten ziehen, mit denen sie aufgrund der Schwere des Ereignisses oftmals unlösbar verbunden bleiben. So im Totenreich vereint finden sie Frieden und können, gerade auch weil sie das Schlimme durchlebten, eine besondere Kraft für uns spenden. Doch dieser Weg erfordert Demut und die Konfrontation mit unserer größten Angst: zu sehen, dass wir Menschen unser Schicksal nicht in der Hand haben.


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