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Ausgabe Dezember 2009
Alles geschieht von selbst
Zur Erinnerung an Ramesh Balsekar (1917-2009)
Christian Salvesen


Sir Ramesh Balsekar, einer der bedeutendsten und einflussreichsten spirituellen Lehrer der Gegenwart, starb am 27. September 2009 friedlich im Alter von 92 Jahren in seinem Haus in Mumbay (Bombay). Christian Salvesen beschreibt seine Begegnungen mit ihm.

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Guru und Schüler

Ramesh Balsekar hieß jeden Morgen Sucher aus aller Welt in seinem Wohnzimmer willkommen. Er wohnte in der obersten Etage eines vierstöckigen Gebäudes in einem vornehmen Wohnviertel im heutigen Mumbay (vormals Bombay), nur einige hundert Meter vom Meer entfernt. Nach seinem Studium in London arbeitete er sich in Bombay bis zum Leiter der Bank of India hoch. Er lebte das unauffällige Leben eines treuen, verantwortungsvollen Familienvaters. Daran änderte sich auch nichts, als er schließlich 1978 in Nisargadatta seinen Guru fand.

„Nisargadatta Maharaj fragte mich, als ich ihn zum ersten Mal traf, was ich von ihm wünsche. Meine Antwort war: „Ich bin nicht an Glück oder Unglück in dieser oder irgendeiner anderen Welt interessiert. Ich möchte von dir die Wahrheit erfahren, diese unveränderliche Wahrheit, die immer existierte und immer existieren wird, unabhängig von irgendeinem Propheten oder irgendeiner Religion.“ Maharaj schaute mich eine Weile sehr intensiv an, dann lächelte er und wechselte das Thema. Zu der Zeit waren auch andere in den Raum gekommen und der übliche Diskurs begann.“
Nisargadatta setzt Ramesh bald als Übersetzer ein. Bei einer der Unterweisungen (Satsangs) geschieht, was Ramesh als „Erwachen“ beschreibt. Die Worte fließen mit einer ungewohnten Autorität aus einer ihm selbst unbekannten Quelle. Die Zuhörer sind überrascht, der Guru schmunzelt. Dieses Wissen, alles geschieht „von selbst“ - Ramesh hatte es schon als Kind bemerkt - bleibt von nun an stets präsent. Es gibt keine Person, kein selbständig handelndes Ich. Ramesh tritt auf Wunsch seines Gurus an die Öffentlichkeit, zunächst durch Bücher, später durch Vorträge und Gespräche in den USA und Deutschland.



Advaita – Nichtdualität – Kein Ich

Zur deutschen Übersetzung von Nisargadattas „Ich bin“-Trilogie schreibt Ramesh in seinem Vorwort:
„Die Gesamtheit der Manifestation ist eine Erscheinung im Bewusstsein (wie ein Traum). Ihr Ablauf ist ein unpersönlicher, sich selbst generierender Prozess. Die Milliarden von Geisteswesen sind die Instrumente (erträumten Charaktere ohne freien Willen), durch die dieser unpersönliche Prozess abläuft. Das klare Erfassen dieser Wahrheit bedeutet Erleuchtung“.

Manch einem mag dies zu nüchtern und abstrakt klingen, abstoßend wenig warmherzig und mitfühlend. Unsere Vorstellungen und Wünsche in Bezug auf eine harmonische Welt und ein glückliches Leben werden hier kaum genährt. Das ändert sich auch nicht, wenn man es einfacher ausdrückt. Kein Wesen handelt aus eigenem Willen.

Ramesh vertritt konsequent und kompromisslos Advaita, das „Eine-ohne ein-Zweites“. Es gibt nur ein Bewusstsein. Dieses Eine lässt zwar die Illusion zu, ein eigenes Bewusstsein und einen eigenen Willen zu haben. Doch das ist, wie der Balsekar-Schüler Wayne Liquorman so treffend beschreibt, als säßen wir in einem der ferngesteuerten Boote in Disneyland, wo wir glauben, selbst steuern zu können. Doch es ist längst alles vorprogrammiert.
Erinnert uns das nicht an die Ergebnisse der Gehirnforscher? Unser Gehirn hat schon längst entschieden, bevor wir auf der Autobahn auf die Überholspur gehen, dem Boss kündigen oder einen Heiratsantrag machen. Wir glauben nur, frei entscheiden zu können.
Doch wenn ich sage „ich bin hier“, wie ist dieses Ich mit dem „wirklichen Ich“, dem Selbst verbunden? In einem Interview antwortete Ramesh auf meine Frage so: „Das wahre Ich, das Bewusstsein, der Ursprung, ist immer mit dem „kleinen Ich“ verbunden. Warum? Weil es immer da ist. Das „kleine Ich“ jedoch kommt und geht. Im Tiefschlaf ist es verschwunden“.

Ramesh Balsekar war berührend menschlich, bescheiden im besten Sinne. In seiner so einfachen, liebevollen und zugleich wissenschaftlich nüchternen Art zu sprechen wirkte er sicher nicht provozierend. Seine Botschaft erregte jedoch Kritik und Fragen wie kaum eine andere. Sie lautet: Ich, d.h. alles was ich von mir weiß oder glaube zu sein, bin nur ein Automat. Wer mich geschaffen hat und lenkt, kann ich nicht wissen, sowenig, wie ein Bild wissen kann, wer sein Maler ist. Doch es gibt die Erkenntnis, dass alles Bewusstsein ist. Sie geschieht unabhängig von „meinem“ Wollen oder Tun – aus Gnade.

„Was ich sage, ist - wie alles, was jemals gesagt oder geschrieben wurde - nicht die Wahrheit selbst, sondern nur ein Konzept. Ramana Maharshi pflegte zu sagen, ein Konzept sei wie ein Dorn, mit dem ein anderer Dorn in der Haut entfernt wird - nicht mehr und nicht weniger.“


Gespräche über den Tod

Ich habe mit Ramesh Balsekar zwischen 1998 und 2004 mehrmals gesprochen, in Indien und in Deutschland, und ich war immer fasziniert von seiner humorvollen Gelassenheit. Einmal befragte ich ihn zum Thema Tod:
„Viele Weise sagen, dieser Moment jetzt sei alles, was existiert. Wenn das so ist, wo ist dann der Tod – jetzt?“ Ramesh antwortete: „Er existiert jetzt nicht. Der Tod beruht auf Zeit. Er ist eine Erscheinung in der Zeit. Und Zeit ist horizontal. Wie ein Film. Eine Serie einzelner Momentaufnahmen. Bist du in der Lage, von Moment zu Moment zu leben, dann kann dir der Tod keine Angst machen.“
Ich fragte: „Meinen die Weisen das, wenn sie sagen, der Tod sei eine Illusion?“ Er antwortete: „Ja. Doch was immer geboren wird, muss auch sterben. Der Körper-Geist-Mechanismus wird sterben. Das ist absolut gewiss.“
„Ramesh Balsekar hat es also akzeptiert zu sterben – schließlich kann der Tod im nächsten Moment passieren?“ - „Wann er geschieht, geht niemanden etwas an. Denn da ist niemand, der sich Sorgen macht.“
„Soll das heißen, Ramesh existiert nicht?“ - „Ramesh existiert in dem Sinne, dass es eine Identifikation mit der Form und dem Namen gibt. Wenn mich jemand ruft, reagiere ich darauf. Auch nach der Selbstverwirklichung oder Erleuchtung muss die Identifikation mit dem Namen und der Form fortbestehen, damit der Körper-Geist-Mechanismus funktionieren kann. Doch diese Identifikation ist wie das Überbleibsel eines verbrannten Strickes.“

„Es gibt also das Wissen, dass ich nicht der Körper und der Geist bin?“ - „Da ist ein Wissen, dass das Bewusstsein Gottes durch alle Körper-Geist-Mechanismen wirkt. Ein Verständnis, dass es niemanden Getrenntes gibt, der etwas tut oder macht. Und nicht nur ich tue nichts, sondern das gilt für alle. Alles geschieht von selbst. Niemand tut etwas. Wenn diese Einsicht gereift ist, kannst du niemanden mehr hassen. Dann erst erfüllt sich das Bibelgebot: Liebe deinen Nächsten! Es geschieht von selbst. Es gibt niemanden zu hassen.“

Christian Salvesen ist Autor zahlreicher Bücher und Redakteur bei der Zeitschrift „Visionen“. www.christian-salvesen.de

Buchtipp: Ramesh S. Balsekar: Kein Weg. Kein Ziel. Nur Einheit: Die Essenz des Advaita. 256 S., geb., ISBN-13: 978-3778782163, Lotos/Random, € 17.95


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