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Ausgabe Juli 2003
Heil- und Zauberpflanzen in Berlin

Svenja Zuther berichtet von den wundersamen Kräften der Pflanzen, die uns auch hier in der Großstadt umgeben.

Heilpflanzen wachsen nicht nur auf dem Lande, sondern auch eine Stadt wie Berlin beherbergt einen großen Artenreichtum, darunter sogar einige seltene Exemplare und viele Neophyten, d.h. Pflanzen, die erst "vor kurzem", nämlich nach 1500, bei uns eingewandert sind. Manche Pflanzen behaupten sich hier sogar besonders gut, man trifft sie sozusagen an jeder Ecke. Ein kleiner Randstreifen, eine Mauerritze, ein Spalt im Asphalt reicht aus für eine kleine Wildnis aus Löwenzahn, Beifuß, Steinklee, Schafgarbe, Wegerich, Brennessel, Nachtkerze, bittersüßer Nachtschatten, Birke, Holunder – alles bedeutsame Heil- und Zauberpflanzen. Natürlich können wir sie hier in der Stadt nicht sammeln und für heilsame Teekuren, Wildsalat oder Räucherzauber verwenden, aber vielleicht haben diese Pflanzen dennoch eine Bedeutung für uns. Eine alte Regel der Heilkunst lautet "ubi malum - ibi remedium" - "wo die Krankheit, da auch das Heilmittel" und für Menschen anderer Kulturen, wie z.B. die Indianer, ist es völlig klar, dass es die geistige Kraft der Pflanze und nicht der Stoff aus der Pflanze ist, der die Menschen heilt.

Wesenskräfte der Pflanzen
Was also haben uns diese Pflanzen zu sagen, welche Kräfte vermitteln sie uns? Ich habe sie einfach selbst gefragt und die Antwort war zunächst immer sehr einfach: Wir sind hier, weil wir hier gebraucht werden! Und dann kam stets die Gegenfrage: Überleg doch mal, was wäre denn, wenn wir nicht da wären? Abgesehen davon, dass das Grün und die bunten Blütenfarben irgendwie mein Herz erfreuen, abgesehen davon, dass sie den für mich notwendigen Sauerstoff produzieren – was wäre ich ohne das kraftvolle, sonnige Gemüt und die große Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit des Löwenzahns, ohne die luftige, lichte Leichtigkeit und Beweglichkeit der Birke, ohne den Ruhepol, den mir die Schafgarbe vermitteln kann, ohne die entspannenden Los-Lass-Kräfte des Steinklees? In der geistigen Kraft dieser Pflanzen, die auf kleinen Inseln mitten im Verkehrschaos wachsen, finde ich genau das, was ich auch brauche, um in dieser turbulenten Stadt gut zu überleben.

Stoffliche Ebene
Auch auf der stofflichen Ebene lässt sich feststellen, dass diese sogenannten Zivilisationsfolger, die gut an Umweltgifte, Stickstoffüberschuss und Trockenheit angepasst sind, uns bei vielen Krankheiten helfen, die besonders durch unsere zivilisatorische Lebensweise gefördert werden. Es sind nämlich auffallend viele darunter, die den Stoffwechsel fördern, die Leber, Nieren und/oder Lymphfluss anregen und damit unsere Fähigkeit, mit Fremd- und Schadstoffen umzugehen und uns zu entgiften. Traditionell werden Birke, Brennessel, Löwenzahn und Goldrute daher v.a. bei rheumatischen Beschwerden und Hauterkrankungen sowie für verjüngende Frühjahrskuren verwendet. Der Wegerich wirkt reizmildernd und antibiotisch - wohltuend für gereizte und geschwächte Atemwege; der bittersüße Nachtschatten wirkt kortisonähnlich bei chronischen Hautekzemen, der Steinklee lymphflussfördernd und entstauend bei Venenbeschwerden.Diese Wesenskräfte der Pflanzen spielen auch in der Heilkunde eine wesentliche Rolle. In den mittelalterlichen Kräuterbüchern wird häufig von der heilkundlichen Anwendung von Pflanzenamuletten berichtet. Über den Charakter der Pflanzen erschloss man sich auch die Heilwirkung, die man heute auf die Inhaltsstoffe zurückführt. So verwendete man schon lange das feurige Wesen der Brennessel, um steife Gelenke wieder auf Trab zu bringen, bevor man wusste, dass der Extrakt aus Brennesselblättern die Synthese von Prostaglandinen und weiteren Entzündungsfaktoren hemmt und so bei Rheuma Schmerzen lindert und die Beweglichkeit erhöht.
Heute kann ich das Wissen um die biochemische Wirkweise der Inhaltsstoffe ebenso nutzen wie alte und neue Pflanzenweisheiten, die sich im Literaturstudium und in der persönlichen Begegnung erschließen, um das geeignete Heilmittel für einen Menschen zu bestimmen. Pflanzen können dann auf der körperlichen Ebene unterstützend und regulierend eingreifen und durch ihre Wirkung auf geistiger und seelischer Ebene zu neuen Einsichten und Kräften verhelfen. Für eine ganzheitliche pflanzenheilkundliche Therapie wähle ich nicht nur die passende Pflanze, sondern auch die geeignete Form der Zubereitung und Anwendung. Massagen mit ätherischen Ölen, Kräuter-Auflagen, Teekuren, die Einnahme von hochwertigen Tinkturen, Präparaten oder Bachblütenessenzen können für eine Behandlung von Körper, Geist und Seele sinnvoll sein. Für die Einnahme oder äußerliche Anwendung ist es natürlich ratsam, Pflanzen zu verwenden, die ohne Stress durch Schadstoffe wachsen konnten und schonend und möglichst liebevoll geerntet und verarbeitet wurden. Neben dem freundschaftlichen Plausch am Straßenrand stehen uns mit den Importen sorgfältig konservierter Pflanzenkräfte auch in der Stadt viele weitere Möglichkeiten zur Verfügung, um uns mit den Heilkräften der Natur zu verbinden und zu stärken.


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