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Ausgabe April 2003
Vision Quest - Visionssuche für Jugendliche

Sylvia Wollwert und Oshy Ostermeyer bieten Übergangsriten an wie z. B. die Visionssuche für Jugendliche.

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Der folgende Bericht enthält einen Auszug aus einem Interview mit der 17jährigen Sophie, die hinausgegangen ist, um den Übergang von der Kindheit ins Erwachsensein zu markieren.
Im Sommer 2002 verbrachte eine Gruppe von Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren in der Nähe von Berlin einen betreuten Initiationsritus, um den Schritt vom Kind zum Erwachsenen zu markieren. Drei Tage und Nächte ohne Essen und Zelt, nur mit einer Plane und dem Nötigsten an Schutz - allein in einem Wald in Brandenburg in der Märkischen Schweiz. Vier Jungen und vier Mädchen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands, alle mit unterschiedlichen Ideen und Absichten, aber mit dem gemeinsamen Ziel, sich selbst ein Stück näher zu kommen - etwas Entscheidendes in ihrem Leben zu tun, das vielleicht alles verändert und beeinflusst, etwas, das auf jeden Fall lange und kraftvoll in Erinnerung bleiben wird.

Erlebnisbericht von Sophie
Was die Visionssuche für sie für Veränderungen gebracht hat, beschreibt die 17jährige Sophie:
„Durch die Visionssuche habe ich auf jeden Fall angefangen, mich selbst so anzunehmen, wie ich bin, und das tue ich immer mehr und es geht mir immer besser mit mir. Ich fühle mich eigentlich auch sehr wohl in meinem Körper. ...
Vorher war es so, dass ich überhaupt kein Bild von mir hatte und nicht allein sein konnte. Ich habe nur für Freunde gelebt, mich mit mir selbst total unwohl gefühlt und immer action gebraucht. Ich habe eine totale Härte entwickelt mir gegenüber, was sicherlich auch durch meine Eltern, besonders durch meinen Papa geprägt wurde. Er hat mich nie so angenommen, wie ich bin. Ich musste immer besser, schöner, klüger sein, als ich war und ich hab auch immer versucht, dem gerecht zu werden. ...
Dabei war die Gruppe für mich total wichtig, weil wir alle so aufgenommen wurden, wie wir waren, es ging echt nur um die Person, und es war von Anfang an die Verbindung da, die sich auch nach der Visionssuche noch verstärkt hat. Natürlich haben die Betreuer, Oshy und Sylvia, auch eine wichtige Rolle dabei gespielt. Die waren ja immer da, auch in den drei Tagen. Sie waren zwar nicht leibliche Mutter und Vater, aber sie haben die Rolle eingenommen, und sogar ein bisschen mehr. ...
Aber auch die Zeit draußen war extrem wichtig, da habe ich Tagebuch geschrieben und auf einmal gemerkt, dass sich ein total schöner Dialog zwischen den beiden Seiten in mir entwickelt: Die Aufpasser-Seite, die Disziplin hat und hart und streng ist und die andere Seite, die gerne auch mal entspannen möchte, das innere Kind eben, haben sich miteinander versöhnt und wurden eins. Dadurch entstand wirklich ein Gefühl von Stärke und ganz viel Kraft in mir. Dieses Gefühl habe ich mitgenommen. ...
Vor der Visionssuche war da Angst, dass ich es nicht schaffe, nicht durchhalte und dass ich vor Langeweile sterbe, aber es war auch Aufregung und Stolz. Ich hatte totale Angst vor der Nacht, nicht dass irgendwelche Tiere, sondern dass Menschen kommen. Dann am Abend, als ich die Sonne untergehen sah, dachte ich, du legst dich jetzt ganz schnell in deinen Schlafsack und schläfst.
Mitten in der Nacht bin ich dann aufgewacht und habe gemerkt, dass die Nacht total schön ist, und dass sie auch eine Schutzfunktion hat, dass ich das umdrehen kann: dass ich nicht sagen muss, ich bin ausgeliefert, sondern dass ich auch sagen kann, die Nacht schützt mich.”

Abbruch
Am Abend des zweiten Tages sieht Sophie von ihrem Platz aus einen anderen Teilnehmer zum Basislager zurückgehen. „Das war für mich etwas, das ich mir nie erlaubt hätte, denn ich bin in diesem Schema aufgewachsen: Ich muss immer alles perfekt machen, ich muss immer toll und gut sein, ich muss die Erwartungen von anderen Menschen erfüllen.“ Sie packt ihre Sachen und geht. „Und es ist mir erst in dem Moment bewusst geworden, dass ich zurückgegangen bin, als ich an der Schwelle bei Oshy und Sylvia ankam. Ich hab dann mit denen geredet und total angefangen zu weinen. Das war eigentlich die intensivste Erfahrung auf der Visionssuche, weil von denen keine Wertung kam und weil es zum ersten Mal meinen Stolz gebrochen hat. Das habe ich vorher noch nie geschafft, es war eigentlich immer egal gewesen, was mein Gefühl sagte, ich habe immer auf meinen Stolz gehört.“ So erlaubt sich Sophie die Visionssuche abzubrechen und ihr ganz persönliches Geschenk zu empfangen: „dass manchmal die Gefühle wichtiger sind als der Stolz und dass es o.k. ist, wenn ich mal schwach bin.“
Im Leben von Sophie, die dem Erwachsensein jetzt einen entscheidenen Schritt näher ist, hat sich einiges konkret verändert, u.a., „dass ich eine andere Persepktive bekomme für die Dinge und dass ich meine Fehler zwar erkenne, sie aber gelassener sehe und sagen kann, das gehört zu mir, das bin ich.“
Empfehlung: Videofilm: „Erwachsen werden in der Wildnis“, Film über eine Visionssuche mit Jugendlichen, Bezugsquellen über healing nature erfragen.


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