Ausgabe Februar 2002
Woran krankt die Welt?
Ruediger Dahlke über die Kraft der Symbole
Globalisierung, Fundamentalismus, Terrorismus gegen Menschen und Umwelt: Laut Ruediger Dahlke ist es fünf nach zwölf für unsere Welt und ihr Ökosystem. Mit seinem kürzlich erschienenen Buch "Woran krankt die Welt?" möchte der Arzt, Psychotherapeut und Buchautor eine Verbindung zwischen ökologisch engagierten Menschen und spirituell Suchenden stärken. Denn seiner Hoffnung nach könnten diese beiden Gruppen gemeinsam eine Wende bewirken, indem sie die Kraft der Symbole und Rituale nutzen. Wie wichtig Symbole sind, hat der 11. September gezeigt. Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Interview, das Christian Salvesen mit Ruediger Dahlke führte. Die vollständige Fassung ist in der Januarausgabe von "Mensch und Sein" veröffentlicht. (Nähere Informationen zu "Mensch und Sein" in "kurz&bunt".)
Christian Salvesen: Müsste der Titel Ihres Buches nicht lauten "Woran die Erde krankt?". Sie - Gaia - ist ein lebendiges Wesen, die Welt doch eigentlich nur ein Konstrukt des Menschen, speziell des Mannes. Oder hat diese Welt der Wirtschaft, Technik etc. ein eigenes Leben? Welche Analogien gibt es da etwa zum Patienten eines Arztes?
Ruediger Dahlke: Den Titel "Woran krankt die Welt?" habe ich durchaus absichtlich gewählt. Das besonders Kranke ist ja das Menschenprodukt "Welt". Die Erde als Lebewesen Gaia ist natürlich auch Opfer dieser Weltsituation, die wir geschaffen haben. Insofern spreche ich im Buch auch oft vom Heimatplaneten, dem wir so übel mitspielen. Aber wenn wir Globalisierung, Fundamentalismus, Terrorismus gegen Menschen und Umwelt anschauen, sind das vorrangig Probleme unserer Welt, und die Erde ist die Leidtragende.
Im Übrigen gehe ich davon aus, dass unsere Gesellschaften mit ihrer Wirtschaft und Technik durchaus ein Eigenleben entwickelt haben. Tatsächlich kann man ebenso wie einzelne Menschen auch ganze Familien behandeln, aber auch Firmen, was ich sogar gelegentlich ganz erfolgreich mache, und sicher könnte man auch große Konzerne und Nationen, was ja heute manchmal von der Größenordnung schon fast dasselbe ist, behandeln. Warum dann nicht auch die Welt?
Könnte der Terroranschlag vom 11. September in mancher Hinsicht auch ein Signal zu einer positiven Veränderung sein? Der Flugverkehr mit seinen verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt nahm z.B. drastisch ab. Sehen Sie weitere Aspekte?
Natürlich könnte der Terror des 11. September - wie alles in dieser polaren Welt der Gegensätze - auch zu positiven Auswirkungen führen, wenn wir uns nämlich endlich fragen würden, wie es dazu kommt, dass 20 % der Menschen 80 % der Ressourcen der Welt in ihre Macht bekommen haben. Eine solche Kluft zwischen arm und reich, die sich seit 1960 schon wieder verdoppelt hat, wird immer zu Symptomen führen. Insofern ist für mich der Terror ein zwar schreckliches, aber doch ein Symptom. So wie die Schulmedizin auf Symptome losgeht, schlägt die 1. Welt jetzt gegen Terroristen los. Die Gefahr ist, dass das nicht reicht und langfristig nicht funktioniert.
Dass der Flugverkehr nachgelassen hat, ist wohl leider nur kurzfristig. Genauso schnell wie die deutschen Rindfleischesser die weiter bestehende BSE-Gefahr ignorierten und wieder ziemlich genauso viel Rind essen wie vorher, wird es wohl auch mit dem Fliegen kommen. So war es leider auch nach Tschernobyl, der Schock hielt viel zu kurz an.
In "Woran krankt die Welt?" habe ich aber eine ganze Reihe positiver Chancen beschrieben. Um bei dem Beispiel zu bleiben. Flugbenzin müsste genauso drastisch besteuert werden wie Autobenzin. Wer Massentourismus und Umweltzerstörung in so offensichtlicher Weise fördert, wie es unsere Regierungen im Augenblick tun, wird entsprechende Ergebnisse ernten. Wer das ändern wollte, könnte es leicht. Und natürlich wäre es schön, wenn parallel zu solch äußeren "Hilfen" immer mehr Menschen entdecken würden, dass die wichtigeren Reisen die nach innen sind und dass die wahren Abenteuer im eigenen Kopf und Herzen liegen.
Im Übrigen glaube ich, dass der amerikanische Traum für die Welt zum Alptraum werden wird, selbst wenn wir in Deutschland davon noch mitprofitieren. Und ich sage das nicht gegen die Amerikaner, sondern ich glaube, wir müssen ihnen helfen und sie wach rütteln, indem wir ihnen in manchen Bereichen die Solidarität aufkündigen und in anderen die ihre erzwingen - unserem Heimatplaneten zuliebe.
Die freie Geldwirtschaft (Zinsen etc.) hat wie Krebs ein exponentiales Wachstum. Sie erwähnen im Buch die Möglichkeit eines entsprechenden exponentialen Wachstums im spirituellen Bereich. Hat das mit Sheldrakes morphogenetischen Feldern zu tun? Könnten Sie das etwas ausführen?
Sicherlich haben wir heute nur noch eine Chance, wenn es uns schnell gelingt, Felder für Bewusstseinsentwicklung aufzubauen. Dafür aber brauchen wir wieder wachsendes Bewusstsein. Dabei könnte uns das exponentielle Wachstum durchaus zu Hilfe kommen. Es ist fünf nach zwölf für unsere Welt und ihr Ökosystem. Dass ich im Gegensatz zu ausgewiesenen Fachleuten wie etwa Peter Russel noch Hoffnung habe für uns und unsere Erde, liegt an meinen Erfahrungen mit einzelnen Patienten. Ich habe schon so oft miterleben dürfen, wie es in scheinbar aussichtslosen Situationen doch noch gelang, das Ruder herumzureißen. Wenn das aber im Mikrokosmos (Mensch) geht, muss es nach Paracelsus auch im Makrokosmos (Erde) zu schaffen sein. Vielleicht kommt Rupert Sheldrakes Entdeckung der morphogenetischen Felder dafür gerade noch rechtzeitig. Wenn wir es schaffen würden, ein vergleichbares Feld für Ökologie zu schaffen wie für Fußball, wäre für diesen Planeten noch Hoffnung.
Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aspekte in Ihrem Buch, die über die traditionellen Aufrufe zu mehr Mitgefühl und Bewusstheit hinausgehen?
Das Anliegen meines Buches, das durch den 11. September so eine makabre Aktualität bekommen hat, war immer, den ökologisch engagierten Menschen eine spirituelle Ebene nahe zu bringen und den spirituell Suchenden eine ökologische Perspektive zu eröffnen. Felder entstehen eben nur, wenn eine gewisse Zahl von Menschen am selben Strang zieht, ab dem so genannten springenden Punkt, dem ich im Buch deshalb ein eigenes Kapitel gewidmet habe. Die beiden oben erwähnten Gruppen - denke und hoffe ich - hätten gemeinsam das Zeug, eine Wende zu schaffen.
Ich glaube und habe an mir selbst erfahren, dass es nicht reicht, politisch zu kämpfen und dabei langsam, aber sicher auszubrennen, und genauso wenig glaube ich, dass es genug ist, für sich im stillen Kämmerlein zu meditieren. Man muss auch Handlungen setzen im Sinne bewusster Rituale, wobei deren Rolle und die ihrer Symbole bei uns immer noch viel zu gering geschätzt wird. Die letzte Zeit hat aber gezeigt, welche Macht in ihnen steckt.
Die Terroristen haben mit ihrem sicheren Symbolgespür die Symbole der wirtschaftlichen und militärischen Macht der 1. Welt attackiert und z.T. zerstört. Unsere naiven Medien haben die Bilder dieser untergehenden Symbole anschließend ganz im Sinne der Terroristen in jedes Haus und jede Hütte dieser Welt übertragen. Effektiv haben die Terroristen vier Flugzeuge vom Himmel geholt, die Macht der Symbole hat anschließend ganze Fluggesellschaften abstürzen lassen. Gegen die Macht der Symbole hat der mächtigste Banker der Welt die Zinsen immer wieder gesenkt, aber er hatte keine Chance, auch die Wirtschaft ist am Abstürzen. Vielleicht kapieren wir ja an diesem tragischen Beispiel, wie wichtig Symbole und Rituale sind und beginnen endlich, sie auch im positiven Sinne zu nutzen. Dafür steht meine ganze Arbeit und auch das Buch "Woran krankt die Welt?"
Ein Beispiel mag dies konkret verdeutlichen: Wenn jetzt ökologisch engagierte Menschen mit neuen Gesetzen im Rücken auf die Solarwende setzen, sollten sie dabei die Rolle der Konzerne in dieser Welt durchschauen und mit großer innerer Ruhe auch gegen eine Übermacht angehen können, weil sie in sich spüren, wo der Weg hingeht. Mit Hass und Zorn sind solche Industriegiganten nicht zum Nachgeben zu bewegen. Wer etwa die Werbung von E-on sieht und die hinter diesem Energie-Monster agierenden Figuren beim Wort nehmen will - wie ich es versucht habe - versteht zuerst die Welt nicht mehr. Wenn er die Konzernstrategie - mir gegenüber eine Mischung aus falschen Versprechungen und Einschüchterungsversuchen - dann am eigenen Leib spürt und durchschaut, kann er sich innerlich ruhig dem Kampf stellen. Ich glaube, dass es inzwischen ökologisch so spät und so dunkel geworden ist auf diesem Planeten, dass man sich auch vor E-on nicht mehr fürchten darf. Ich werde die notwendigen Prozesse mit dieser Übermacht in aller Ruhe im Sinne eines Rituals durchstehen und, wenn genug bewusste Menschen die Zeichen und Symbole der Zeit verstehen und am selben Strang ziehen, auch gewinnen. Dabei geht es natürlich nicht eigentlich um weitere 30 KW Solarstrom, sondern um ein Zeichen.