aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Januar 2002
Giraffe und Schakal

Unsere Sprache ist das Aushängeschild für unser Denken und unsere Lebenseinstellung.

art11661
Ein weit verbreitetes Zivilisationsverhalten ist die Schuldzuweisung der eigenen Gemütszustände an einen anderen. Dabei ignorieren wir, dass das, was andere tun, niemals die Ursache dafür sein kann, was wir fühlen. Marshall Rosenberg hat mit seiner Idee der Gewaltfreien Kommunikation ein Konzept entwickelt, das die menschlichen Bedürfnisse in den Vordergrund rückt. Hinter allen Konflikten - ob Hausaufgaben, Arbeitsverhältnis oder Religionskrieg - verbergen sich missachtete, nicht wahrgenommene oder unerfüllte menschliche Bedürfnisse. Klaus Karstädt erläutert die Hintergründe der Gewaltfreien Kommunikation

In uns Menschen liegen die Samen für mitfühlendes Verständnis, Lebensfreude, ein friedliches Miteinander und die Bereitschaft, das Leben anderer zu bereichern. Gewaltfreie Kommunikation im Umgang mit uns selbst und anderen ist ein Weg, diesen Samen zu nähren, so dass er wachsen und Früchte tragen kann. Marshall Rosenberg wählte für die innere Haltung und die Sprache, in der sich diese Haltung zeigt, die Giraffe als Symbol, weil sie das Landtier mit dem größten Herzen ist. Als Symbol für eine Haltung und Sprache, die nicht gewaltfrei ist, verwendete er den Schakal.

Die Absicht der Gewaltfreien Kommunikation ist es, eine Beziehung aufzubauen oder zu pflegen, die von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. Um eine wertschätzende Verbindung mit anderen Menschen zu schaffen, ist die entscheidende Frage: Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit?

Als Schakale richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was wir zu wissen glauben: „Das ist gut“, „Das ist unfair“ oder auf das, was die andere Person in unseren Augen „ist“, weil sie etwas tut oder sagt: „Du bist unverschämt!“, „Du bist egoistisch“, „Du bist genial“. Wir beurteilen das, was wir erleben, moralisch, getragen von der Idee, dass wir wissen, was richtig und falsch, was gut und böse ist und dass wir Recht haben. Das führt zu einer Tendenz, andere Menschen zu bestrafen oder leiden zu lassen, oder, bei positiven Urteilen, den anderen zu belohnen. Beides geschieht auf der Basis, dass wir wissen: Der andere hat das „verdient“.

Als Giraffen richten wir statt dessen unsere Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse und Werte:

* Was brauche ich?

* Was hätte ich gerne?

* Was ist mir wichtig?

Wir beurteilen das, was wir erleben im Licht unserer Bedürfnisse und Werte.

Im Prozess der Gewaltfreien Kommunikation wechseln wir zwischen Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Ich sage dem anderen aufrichtig, wie es mir geht und was ich gerne hätte. Ich versuche ebenfalls mitfühlend zu verstehen, was den anderen bewegt und was er gerne hätte.


Aufrichtigkeit

Es gibt einen erstaunlichen Widerspruch zwischen dem Wunsch nach mehr Aufrichtigkeit zwischen uns und der Bereitschaft, diese Aufrichtigkeit zu praktizieren. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir gelernt haben, unter Aufrichtigkeit Folgendes zu verstehen:

Ich sage dir jetzt mal ganz aufrichtig und ehrlich ...

* was mit dir nicht stimmt

* was ich über dich denke

* welche Urteile und Bewertungen ich über dich habe.

z.B.: Jetzt mal ganz aufrichtig:

* Du bist einfach zu dick!

* Du bist ein ganz großer Schlamper.

* Du solltest dir etwas mehr Mühe geben.

* Du bist egoistisch und rücksichtslos.


Diese Vorstellung von Aufrichtigkeit kann dazu führen, dass andere Menschen gekränkt und verletzt reagieren. Das macht diese Form von „Aufrichtigkeit“ nicht gerade attraktiv für uns. In der gewaltfreien Kommunikation verstehen wir unter Aufrichtigkeit Folgendes:

Ich sage dir jetzt mal ganz aufrichtig und ehrlich ...

* wie es mir geht / wie ich mich fühle

* was ich brauche / was mir wichtig ist

* was meine Bitte an dich ist

Dies ermöglicht uns, aufrichtig zu sein ohne Kritik, Vorwurf oder Beschuldigung:

* „Ich mache mir Sorgen um deine Gesundheit.“

* „Ich bin unzufrieden, weil ich mehr Ordnung brauche.“

* „Ich bin frustriert, weil ich großen Wert auf Engagement und Sorgfalt lege.“

* „Ich fühle mich verletzt, weil ich bei dieser Sache Verständnis brauche.“


Mitgefühl

Mitgefühl oder Empathie bedeutet, dass ich versuche, mit dem in Kontakt zu kommen, was im anderen gerade lebendig ist. Ich versuche zu verstehen, was der andere fühlt und welche Bedürfnisse er als erfüllt oder unerfüllt erfährt. Dies sind natürlich erst einmal Vermutungen. Aber selbst wenn ich diese Vermutungen nicht überprüfe, indem ich sie laut aussprechen würde, ändert sich meine Haltung dem anderen gegenüber meist drastisch, wenn ich anfange, meine Aufmerksamkeit auf seine Bedürfnisse zu richten und in diese Richtung zu denken: „Was fühlt und braucht der andere gerade?“

Der Prozess der Gewaltfreien Kommunikation basiert auf einer einfachen Struktur, die uns hilft, moralische Urteile durch „Wert-Urteile“ zu ersetzen.

Wir achten dabei auf vier Dinge:

1. was wir beobachten

2. was wir fühlen

3. was wir brauchen

4. um was wir bitten


Wahrnehmung

Der erste Schritt im Prozess Gewaltfreier Kommunikation besteht darin, den anderen wissen zu lassen, was er getan oder gesagt hat, was nicht in Harmonie mit meinen Werten und Bedürfnissen war. Hier teilen wir eine Beobachtung oder Wahrnehmung mit, und zwar ohne Interpretation und Bewertung.

Schakal: „Wenn du so bockig bist ...“

Giraffe: „Wenn du auf diese Art „Nein“ sagst und mit dem Fuß aufstampfst ...“

Schakal: „Dein Zimmer ist nicht aufgeräumt.“

Giraffe: „In deinem Zimmer liegen deine Socken und deine T-Shirts auf dem Boden.“


Gefühle

Der zweite Schritt beschäftigt sich mit dem Aspekt, wie wir emotional auf unser Erleben reagieren. Wie geht es uns mit dem Verhalten des anderen? Anstatt den anderen daran teilhaben zu lassen, wie wir uns fühlen, teilen wir statt dessen häufig mit, was wir denken:

Schakal: „Ich hab das Gefühl, du magst mich nicht“, statt Giraffe: „Ich bin traurig und enttäuscht.“

Oder wir diagnostizieren versteckt das Verhalten des anderen:

Schakal: „Ich fühle mich total ausgenutzt von dir“, statt Giraffe: „Ich bin wütend.“

Gefühle sind die Art und Weise, wie das Leben uns wissen lässt, dass unsere Bedürfnisse erfüllt wurden, was sich in angenehmen Gefühlen äußert oder dass unsere Bedürfnisse zu kurz gekommen sind, was sich in unangenehmen Gefühlen ausdrückt. Gefühle sind also das Meldesystem für unsere Bedürfnisse.


Bedürfnisse

Damit sind wir bei den Bedürfnissen und Werten - dem dritten Schritt und zentralen Element in der Gewaltfreien Kommunikation. Bedürfnisse sind Manifestationen der Lebensenergie in allen Lebewesen und somit das, was uns allen gemeinsam ist und uns verbindet. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse der Beteiligten richten, dann erkennen wir, dass wir nicht voneinander getrennt sind. Bewusstheit über die Bedürfnisse aller Beteiligten ist das Herzstück menschlichen Miteinanders.

Bei der Formulierung unserer Bedürfnisse achten wir bei der Gewaltfreien Kommunikation darauf, dass Bedürfnisse immer allgemein und abstrakt sind. Sie beschreiben also kein konkretes Verhalten, sonst wären wir bereits bei einer Bitte gelandet.

Schakal: „Mir ist wichtig, dass du den Abfall rausbringst.“

Giraffe: „Ich brauche Unterstützung im Haushalt, und deshalb ...“

Oder: „Mir ist wichtig, dass wir die Hausarbeit fair aufteilen und deshalb ...“


Bitten

Auf was kann ich achten, wenn ich eine Bitte ausspreche?

1. Ich sage, was ich will, statt zu sagen, was ich nicht will. Schakal: „Ich möchte nicht, dass du so lange im Büro arbeitest.“ Giraffe: „Ich möchte, dass du wenigstens zwei Abende in der Woche ab 18:00 Uhr mit mir und den Kindern verbringst.“

2. Ich bitte um ein Verhalten, statt zu sagen, wie der andere sein soll oder was er fühlen soll. Schakal: „Kannst du nicht ein bisschen ordentlicher sein?“ Giraffe: „Tust du bitte deine Socken und T-Shirts in den Wäschebeutel?“

3. Ich bitte um ein konkretes, beobachtbares Verhalten, statt vage und abstrakt zu bleiben. Jemand kommt ohne anzuklopfen in mein Zimmer: Schakal: „Ja sag mal, hast du keinen Anstand?! Du kannst doch nicht einfach hier so reinplatzen! Ein Mindestmaß an Höflichkeit sollte man schon haben!“ Giraffe: „Wenn du ohne anzuklopfen reinkommst, bin ich frustriert, weil ich meine Privatsphäre brauche. Ich hätte gerne, dass du das nächste Mal anklopfst. Einverstanden?“



Dies sind also die vier Schritte, die wir in der Gewaltfreien Kommunikation benutzen, um dem anderen aufrichtig mitzuteilen, was mich bewegt und was ich gerne hätte. Die gleichen vier Elemente benutzen wir auch, um zu verstehen, was den anderen bewegt. In der gewaltfreien Kommunikation unterscheiden wir dabei vier Formen des Zuhörens, die dazu führen, dass wir auf das, was jemand tut oder sagt, unterschiedlich reagieren. Schauen wir das an einem Beispiel an. Jemand sagt: „Das darf doch nicht wahr sein! Hast du denn das immer noch nicht verstanden?“ Es gibt vier Möglichkeiten, darauf zu reagieren:

1. Ich richte meine Aufmerksamkeit darauf, dass der andere etwas falsch gemacht hat: Alles, was der andere sagt, ist der Beleg dafür, dass mit dem anderen etwas nicht stimmt. Ich produziere moralische Urteile über den anderen und reagiere innerlich mit Ärger. „Ja, kein Wunder! Wenn du es nicht vernünftig erklären kannst!“

2. Ich richte meine Aufmerksamkeit darauf, dass ich etwas falsch gemacht habe: Alles, was der andere sagt, ist der Beleg dafür, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich produziere moralische Urteile über mich selbst. Das Resultat: Schuldgefühle, Schamgefühle oder Depression. „Ja, ich weiß ja, aber du musst auch zugeben, dass es schwer ist.“

3. Alles, was der andere tut oder sagt ist Ausdruck seiner Gefühle und Bedürfnisse: Meine ganze Aufmerksamkeit ist darauf gerichtet, was der andere fühlt und braucht. Das Resultat ist Mitgefühl für den anderen. „Bist du frustriert, weil du gerne schneller vorankommen möchtest?“

4. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf meine innere Reaktion: Meine Aufmerksamkeit ist darauf gerichtet, was ich fühle und brauche. Das Resultat ist Mitgefühl mit mir selbst. „Wenn ich das höre, bin ich gekränkt, weil ich möchte, dass mein Bemühen gesehen wird.“



Wenn wir die Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse lenken, legen wir die Grundlage für eine wertschätzende Verbindung zu anderen. Dies nährt die Samen für ein friedliches Miteinander, die in jedem Menschen liegen, und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass alle Beteiligten sich konstruktiv und kooperativ verhalten wollen.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.