aktuelle Seite: ARTIKEL   

Beitragsreihe 2018 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Aurum Phosphoricum


art94787
© Bulat - Fotolia.com

Vergrößern hier klicken.
H. Schäfer: Sie haben es schon verraten: Heute geht es um Aurum phosphoricum, was vielen Lesern unbekannt sein wird.

Andreas Krüger: Es ist ein Mischmittel, das aus zwei Grundmitteln zusammengesetzt ist, dem bekannten Aurum, eines unserer wichtigsten Mittel, und Phosphor, auch eins unserer großen Mittel.
Wir haben das Thema von tiefer Trauer, tiefe Depression, Suizidneigung, schwere Depression in der Familie, zum Beispiel seit drei Generationen bringen sich alle Männer mit 45 Jahren um, oder wir haben in der Biographie viele tote Kinder - es ist alles ganz dunkel und sonnenlos. Und dann, das ist das Besondere bei Aurum phosphoricum, haben wir bei den gleichen Menschen diese ganze Freude, dieses Kreative und Künstlerische, dieses Leichte und Schmetterlingshafte, was wir bei Phosphor finden.
Jetzt können wir uns fragen, wie in einem Menschen beides ist, und wenn es so ist, dann ist Aurum phosphoricum das Heilmittel der Wahl. Natürlich könnte man sagen, dass, wenn jemand traurig ist und dann doch wieder begeistert ist, ist doch besser, als wenn er nur traurig ist. Aber das Problem ist, dass die Abstürze aus dieser Begeisterung so furchtbar sind, dass man fast sagen könnte, dass es fast besser wäre, wenn dieser Mensch diese Begeisterung gar nicht erleben würde, dann wären die Abstürze nicht so unangenehm.

Dafür haben Sie doch sicher ein Praxisbeispiel?
Es gibt für mich in meiner Praxis immer ein trauriges Phänomen, dass Menschen hier auf meinem Sofa sitzen, und wenn ich sie nach ihrem Beziehungsstatus frage, leben sie seit 10 Jahren alleine. Es sind schöne und intelligente Menschen, die einen tollen Beruf haben und denen es eigentlich gut geht. Und dann frage ich sie: „Wie kommt es, dass ein Mensch wie Sie alleine lebt?“ Dann sagen mir diese Menschen, dass sie vor 10 Jahren eine Beziehung hatten, die sie begeisterte und öffnete und auf einmal war sie zu Ende. Und sie fanden sich in der Psychiatrie wieder und versuchten, sich das Leben zu nehmen.
Man könnte sagen, dass Aurumphosphoricum Menschen sind, denen die Mitte fehlt. Sie sind – im helleristischen Sinne – wie eine Mischkonstitution aus totaler Hysterie, aus tiefem Narzissmus, aber auch aus tiefster Depression.

Was kann man da machen?
Ich möchte das Beispiel nehmen, mit dem ich mit Aurum phosphoricum das Leben retten durfte, weil es ihm so schlecht ging, dass nach Klinikaufenthalten und Psychopharmaka es ziemlich aussichtslos war und mit Aurum phosphoricum konnte ich dieses Leben wieder drehen. Ich werde immer wieder gefragt, und mit Artur Lutzer antworte ich: „Es ist mir in diesem Leben nicht gegeben zu wissen, sondern ausschließlich zu loben und zu danken.“ Aber trotzdem habe ich mir in den 35 Jahren Ideen gemacht: Was passiert denn eigentlich, wenn man jemandem ein homöopathisches Mittel gibt? Und warum erleben wir dann immer wieder diese Wunder, dass von einem Tag zum anderen um 180° gewendet wird? Uralte Ängste mit einem Mal verschwunden sind oder wie in meinem Fall eine 25jährige Migräne nach drei Kügelchens eines Mittels einfach weg ist – von einem Tag zum anderen und nicht mehr wiederkommt?

Was passiert da?
Die Idee, die ich mir entwickelt habe und die mir ganz gut gefällt, ist, dass wir ja alle die Summe von Programmen sind, die seit unserer Geburt in uns existieren. Wir kommen auf die Welt und dann kommt der liebe Gott oder wer auch immer, uns zu programmieren. Erzählt uns, wie wir in dieser Welt zu sein haben. Und wenn wir nicht halbwegs widerstandsfähig sind, dann nehmen wir diese Programme in uns auf und lassen diese sich verselbständigen. Wir kriegen auch viele prographische Programme mit, wie „Es ist unmoralisch, glücklich zu sein.“ oder „Du darfst keine Ehe brechen.“

Wir sind im Grunde ein System, das mit vielen Programmen bestückt worden ist, die unser Leben bestimmen. Viele dieser Programme führen dann dazu, dass wir auf ganz bestimmte Außenreize in einer Art und Weise reagieren, die diesen Außenreizen überhaupt nicht entsprechen. Wenn in unserem Leben viele Menschen, die uns wichtig sind, gestorben sind, reagieren wir immer wieder auf eine unglückliche Liebe nicht so, als wenn ein Mensch einfach entschieden hat, uns zu verlassen und diese Liebe ist einfach vorbei. Sondern es ist dieser Aurum-Aspekt: Wir reagieren auf eine unglückliche Liebe oder wenn uns jemand verlässt, so, als wenn er tot ist. Wenn wir dann in diesem Aurum-phosphoricum-Zustand sind, dann erleben wir den angeblichen Tod unseres Liebsten fast wie den Tod einer uns versorgenden Mutter. Und der Mensch, der dann vor einem sitzt und erzählt, wie furchtbar es ihm geht, seitdem sein Liebster von ihm weg ist, der ist im Grunde in der Situation eines Kindes, was mit seinen Eltern im Dschungel unterwegs war, die Eltern sind umgekommen und jetzt ist relativ klar, dass das Kind in diesem Dschungel auch sterben wird. Dass dieser Mensch in Charlottenburg lebt, wo es einen sozial-medizinischen Dienst gibt, dass es Freunde und auch eine Suppenküche gibt, dass es Versorgungen gibt, ist diesem Menschen in diesem Zustand nicht zugänglich.

Und dann?
Und dann passiert es wieder, dass dieser Mensch mit einem Mal wieder völlig euphorisiert und im siebten Himmel ist. Wenn wir fragen, was passiert ist, dann hat er sich wieder verliebt. Und es ist wirklich so bei diesen Menschen, dass dieses Lieben nicht wirklich was damit zu tun hat, Beziehung zu einem Menschen aufzunehmen, sondern dass es fast etwas Urnährendes hat: Dieser Mensch bezieht aus dieser Form Nahrung, die ihm so existenziell ist, dass, wenn diese Nahrung wegfällt, die Angst zu verhungern auftaucht. Es gibt ein Lied von Stefan Sulke, das diese pathologische Form von Liebe ganz schön beschreibt, wo er singt: „Ich brauche dich, ich brauche dich, ich brauche dich so unendlich mehr, ich liebe dich. Du bist wie Wasser und wie Brot für mich.“ Ein anderer Mensch darf nicht wie Wasser und Brot für uns sein – dann verwechseln wir etwas. Dann verwechseln wir völlig die Dimensionen einer Wirklichkeit, und wenn dann dieser Mensch wegbricht, dann kommen wir in existentielle Notzustände, so als wenn unsere Eltern gerade tot sind, unsere Firma zusammengebrochen ist, oder unser Stamm an Masern krepiert ist. Diese existentiellsten Vernichtungsprogramme mit den Euphorieprogrammen, wenn wieder eine neue Liebe erscheint, das ist das Typische für Aurum phosphoricum und auch das Verheerende. Wir kennen ja schon von Phosphor „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt…“ (J.W. Goethe). Bei Aurum phosphoricum ist dieses Symptom noch mal im Quadrat. Es kann eine manische Form von Verliebtsein sein, wo das Gegenüber zur Essenz gemacht wird, zur Lebensaufgabe. Aber genauso ist Leitsymptom: Wenn dieser Mensch dann weg ist, ist nur noch Katastrophe, Schmerz und Leere, und eigentlich bleibt nur der Suizid als letzter Ausweg.

Fazit:
Was ich auf Aurum-phosphoricum-Gabe erlebt habe, ist, dass es einmal gelingt, den Patienten aus dieser Aurum-Phase einfach rauszuholen und die nächsten Ausbrüche bei der nächsten Neuverliebung zu regulieren und klar zu machen, dass es bei einer Neuverliebung schöner ist. Aber ich muss jetzt nicht alles Glück der Welt auf den Menschen projizieren und es ist auch nicht so, wenn er geht, mein Leben Jammertal und tiefste Depression ist.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker,
Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin
für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanische Heilkunst.
Mehr über ihn unter: andreaskruegerberlin.de


Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag

web: http://andreaskruegerberlin.de