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Ausgabe Juni 2018
(Un-)heimliche Kinder. ...von Magdalena Werner


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Stellen Sie sich vor, Sie fahren in einem leeren Fahrstuhl. Plötzlich bleibt der Fahrstuhl stecken, das Licht geht aus und als es wieder angeht, sehen Sie im Fahrstuhl ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen mit zerzausten Haaren, das seine Puppe im Arm hält. Totenblass schaut sie Sie zunächst nur fragend an und fängt dann unerwartet an zu schreien.

Was würden Sie tun?
Die Szenerie entspringt einem Streich, der von einer heimlich installierten Kamera gefilmt wurde. Versteckte Kameras versprechen dem Zuschauer amüsante Situationen mit hohem Unterhaltungswert. Im diesem Fall jedoch rief der Streich nicht nur humorvolle Überraschung hervor, sondern tauchte die heimlich gefilmten Menschen in ein Horror-szenario erster Klasse, das dem Zuschauer Einblicke in die Abgründe menschlicher Angst gewährte. Die unfreiwilligen Protagonisten dieser grotesken Szene zeigen alle möglichen Merkmale akuter nervlicher Belastungen: Sie zittern, kreischen, reißen schützend ihre Hände vor ihre Gesichter, klammern sich an ihre Begleitung und suchen das Weite, sobald sich die Fahrstuhltür wieder öffnet. Woher diese schockschweren Reaktionen beim Anblick eines verwahrlost scheinenden Kindes, das plötzlich auftaucht und eventuell etwas von uns will? Als Sinnbild von Unschuld und Hilflosigkeit fungieren Kinder als perfektes cineastisches Stilmittel, um den Zuschauer in seine tiefliegenden Ur-Ängste zu begleiten. Entweder sie werden mit Geistern oder Mördern konfrontiert und befinden sich in unmittelbarer Gefahr, oder sie entpuppen sich als die Gefahrenquelle selbst, was die kindliche Unberechenbarkeit noch potenziert. Oft sind sie mit ihren infantilen Stimmen auch Überbringer unheilvoller Nachrichten. („Ich sehe tote Menschen“). Die Grenzen zwischen Mitleid und erschreckender Abwehr scheinen bei uns Zuschauern fließend und rufen in uns verstörende Ängste hervor.

Aber was macht das Horrorambiente ums Kind so unheimlich?
Für Freud ist das Unheimliche das, was uns einst vertraut war, was jedoch verdrängt wurde und sich seither im verborgenen Unterbewusstsein befindet. Nur durch die Verdrängung einer Gefühlsregung entspringe der eigentliche Angstcharakter. Könnte es folglich sein, dass uns das Mädchen im Fahrstuhl ein Stück weit vertraut ist und uns an etwas erinnert, was wir verdrängt haben? Was ruft ihr Schrei in uns wach?

Kellerkinder
Das „Innere Kind“ ist ein symbolischer Ausdruck für unsere inneren Erlebniswelten, in denen unsere tieferen Empfindungen, frühkindlichen Bedürfnisse, sowie unsere Vergangenheit wohnen. Es repräsentiert ebenso die Wunden, die wir als Kind in Form von Demütigung, Verrat, Ungerechtigkeit und Ablehnung davongetragen haben. Dabei hat man es vielleicht sogar gut mit uns gemeint und wollte uns nur in unserer übermütigen Unberechenbarkeit bremsen, um uns zu schützen oder um uns gesellschaftlich einzupflegen. Dennoch blieb das Gefühl zurück, nicht so angenommen worden zu sein, wie wir sind. Um das schmerzvolle Gefühl des Ungeliebtseins nicht weiter erleiden zu müssen, haben wir unsere wahren Bedürfnisse und natürlichen Impulse in die unterste Etage unseres Seins verbannt. Einst eine überlebensrelevante Glanzleistung, machen Gefühlsverdrängungen auf Dauer nicht glücklich, denn in unserer individuellen Erlebniswelt bleiben wir seelisch in dem Alter stecken, in dem wir nicht die Liebe und Zuwendung bekommen haben, die wir gebraucht hätten. Wie in dem steckengebliebenen Fahrstuhl werden wir ständig mit Situationen und Beziehungsrealitäten konfrontiert, in denen plötzlich wieder dieses Kellerkind laut wird und in unser Leben überraschend hineinplatzt.
Wir leben in unaufgelösten, verdrängten Kindheitssituationen und reagieren heute noch so, wie einst das Kind - mit Verlustängsten, Abhängigkeiten, Ohnmacht und Ähnlichem. Unsere Mitmenschen stehen plötzlich „stellvertretend“ für die Eltern/für unsere unerfüllten Wünsche und wir begegnen uns in unseren Kindsrollen, anstatt als eigenverantwortliche Erwachsene. Je mehr wir die so schamvollen Erinnerungen an unsere kindliche Verletzlichkeit verschüttet haben, desto unerwarteter und häufiger werden wir von diesem Kellerkind bestimmt und getrieben. Aus meiner Praxis der kinesiologischen Körperarbeit kann ich bestätigen, dass unsere negativen Kindheitsprägungen sich nicht nur in zumeist unbewussten, in unser Erwachsenenleben übernommenen Denkmustern und Verhaltensprogrammen niederschlagen. Oft stockt es in diversen Etagen unseres Körpers. Lange verschüttete Gefühle wie Angst, Wut oder Trauer suchen sich ihren Weg aus dem Unterbewusstsein und können sich in körperlichen Schmerzen oder gar Krankheiten mitteilen.

Dem Kellerkind Heimat geben
Das unheimliche Kind repräsentiert also unser Kellerkind, das wir in den Ruinen unseres Unbewussten unter Verschluss halten und das uns in entfremdeter und unberechenbarer Form heimsucht. Ob körperlich-somatisch, psycho-emotional oder zwischenmenschlich: Die Wiederkehr des verdrängten inneren Kindes kann ein sehr schmerzhafter Prozess sein und die Fahrt in das Kellergeschoss wird zu einer wahren Heldenreise. Zwar ist es eine vollkommen natürliche Reaktion, ein verwahrlostes, verloren wirkendes Kind beschützen zu wollen oder mit ihm mitzufühlen, jedoch ist es für uns recht schambehaftet, sich einzugestehen, dass wir selber in mancherlei Hinsicht dieses hilflose Wesen sind. Warum nicht unserem authentischen Impuls nachgeben, dem Kind die gewünschte Erlösung zu schenken? Wie könnten wir als autonome, feinfühlige, verantwortungsbewusste Erwachsene handeln, wenn wir unser inneres Kind im Keller dahinvegetieren lassen? Wenn wir uns dazu entschließen, den Fahrstuhl in die tiefsten Etagen unserer Gefühls- und Körperwelt zu nehmen, werden wir sehen, dass sich unser Kellerkind nicht mehr in naiven - der Gegenwart unangepassten - Reaktionsschemata zeigen muss, um sich Gehör zu verschaffen, und wir können dem Spuk ein Ende setzen.
Was, wenn das Unheimliche nur das Heimatlose in uns ist, das von uns angenommen werden möchte?
Die bewusste empathische Begegnung mit dem inneren Kind erlöst Bedürftigkeit und ermöglicht uns die Beförderung in die höheren Etagen des Bewusstseins. Der einst beschämenden, ge-heim-gehaltenen Bedürftigkeit Raum zu geben, führt zu einer tiefen Heilung durch alle Ebenen des Lebens hindurch. Indem wir alte Muster durchbrechen, uns von der Vergangenheit lösen und uns mit all unseren Gefühlsaspekten annehmen, machen wir wahre Autonomie, Erfülltheit und wahres Erwachsenwerden möglich.

Magdalena Werner
ist Erziehungswissenschaftlerin und dipl. Kinesiologin in Berlin/Prenzlauer Berg und betreibt Bewusstseinsarbeit und Trauma-sensitive Körperarbeit.
Sie begleitet Menschen sowohl bei körperlichen, als auch bei emotionalen Schwierigkeiten, hin zu ihrer Ganzwerdung.
Weitere Informationen www.magdalena-werner.com


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