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Kinder mit Wurzeln und Flügeln. ...von Wolf Sugata Schneider

Die nach uns Kommenden sind uns heute anvertraut.

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Ich war mal ein Kind, genauso wie du. Das Kindsein tragen wir immer noch in uns, du und ich, wir alle, wie schlummernd auch immer es heute noch in uns lebt. Alt sind wir vielleicht noch nicht, aber jung waren wir alle mal oder sind es noch; das kennen wir, wenn wir es nicht vergessen haben. Und jetzt? Wie können wir verantwortungsvoll erwachsen sein und dabei die Wurzeln unseres Kindseins in uns lebendig halten? Zur eigenen Freude und der Freude der nach uns Kommenden sollten wir die Wahrnehmung der Welt aus der Kind-Perspektive in uns lebendig halten und uns bewusst sein, dass unsere Kinder und deren Kinder das weitergeben werden, was durch uns kam.

Wie Menschen entstehen
Im Heranwachsen der Kinder können wir das Entstehen des Menschseins beobachten. Im Mutterleib entwickelt sich jedes Kind vom Vielzeller über den Fisch zum Landlebewesen - die Geburt ist die „Landung“. Bald danach beginnt das Ich seinen Werdegang, das Individuum in seiner geistigen Gestalt - ein Wunder! Kinder sind nicht einfach kleine Erwachsene, sie sind ganz eigene Wesen. Sie entwickeln sich und hören nie auf damit, so wie auch wir Erwachsenen, bei ihnen ist es nur deutlicher, dass alles in Bewegung ist. Und genau so wie wir brauchen Kinder Wurzeln und Flügel. Von uns Eltern und Älteren erwarten sie, dass wir ihnen Halt und Raum geben und zugleich Grenzen setzen. Wenn wir ihr Selbstbewusstsein stärken, werden sie Liebende bleiben und sich nicht unterkriegen lassen. Wenn wir eine friedvolle und verantwortungsbewusste Gesellschaft wollen, müssen wir insbesondere die Kinder wertschätzen in ihrer Ursprünglichkeit, Leichtigkeit, Formbarkeit, Neugier und Verspieltheit. Im Umgang mit ihnen zeigt sich unsere Reife, aber auch unsere Zugewandtheit dem Leben gegenüber.

Unsere glückliche Kindheit
Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben, sagen Therapeuten: So wie du dir auf narrative Weise deine eigene Identität kreierst, so kreierst du dir auch entweder eine eher glückliche oder eher bemitleidenswerte Kindheit. Auch wenn das nur zur Hälfte wahr ist, weist es immerhin darauf hin, dass wir das Erbe unserer Vergangenheit mit unserer selektiven Erinnerung gestalten. Der Film wird im Schnitt gemacht: Durch das, was wir weglassen und was wir behalten, bildet sich die ganze Gestalt. Dabei sollten wir auch im Leben des Erwachsenen dem eigenen „Inneren Kind“ einen Platz lassen: unserer spielerischen, fröhlich-neugierigen Natur. Dem Gefühl, noch mehr vor sich zu haben als hinter sich. Dem „Geist des Anfängers“, wie es Shunryu Suzuki einst genannt hat, der Gründer des ersten buddhistischen Klosters im Westen.

Christusmord und Heilung des inneren Kindes
Viele Erwachsene sind untereinander und insbesondere im Umgang mit Kindern sehr ernsthaft und streng. Heute würde man dazu vielleicht sagen, dass ihr inneres Kind verletzt ist. Vielleicht hat es in seiner frech-fröhlichen Pippi-Langstrumpf-Art durch die Erziehung einen Dämpfer bekommen. Oder es wurde sogar gekreuzigt, wie Wilhelm Reich es in seinem Buch „Christusmord“ so drastisch beschrieb: In jedem neu auf die Welt kommenden Kind wird wieder unsere göttliche Natur gekreuzigt. Reich beschrieb Kindheit als einen Prozess der Anpassung des Menschen an ein Räderwerk, das unsere Lebendigkeit und Liebesfähigkeit vernichtet und nur das akzeptiert, was Bürokraten festnageln können. Können wir das innere Kind heilen? Die meisten Therapeuten sind überzeugt, dass das möglich ist, aber es braucht dafür normalerweise ein nochmaliges kathartisches Durchleben der Schmerzen, die zur Traumatisierung geführt haben.

Präpersonale Romantik
Wenn sich zur Begeisterung vom Wunder der heranwachsenen „neuen Menschen“ ein gewisses Maß an Narzissmus und ein naiver Zukunftsglaube addieren, ergibt sich ein Humus, aus dem leicht sowas wie der Glaube an „Indigo-Kinder“ sprießt. Bei aller Liebe zum eigenen inneren Kind und der Bevorzugung von Optimismus gegenüber Alarmismus erscheint mir das übertrieben. Ist die neue Generation uns in ihrer Intellligenz weit voraus, oder ist sie apathisch, egoistisch und von Smartphones und Computerspielen verdorben? Waren die 68er rebellischer, mutiger, konfrontationsbereiter als die jetzt Heranwachsenden? War früher alles besser als jetzt - und wir entsprechend, als wir jung waren -, oder wird in Zukunft alles besser sein, wenn die jetzt Jungen an der Macht sind?
Wer sich von dem Neuen faszinieren lässt, neigt oft auch zu einer romantischen Bewunderung des Jungen, Jugendlichen und Kindlichen. Wenn dann noch Jesus hinzugezogen wird, um zu belegen, dass wir wie die Kinder werden müssen, um in den Himmel zu kommen, ergibt das eine perfekte Mischung zur Beschönigung des Chaotischen und Unreifen. Volle Fahrt voraus ins Präpersonale, die Abzweigung ins Transpersonale wurde verpasst. Um Kinder zu verstehen, braucht es mehr als eine das Kindliche aufhübschende Romantik. Eltern wie Erzieher brauchen dafür ein einigermaßen selbstsicheres, erwachsenes Ego, das Grenzen setzt und aufrechterhält. Wo Kinder noch Führung benötigen, müssen wir bereit sein, sie zu führen und nicht nur zu begleiten, und wenn es Zeit ist, sie ihren eigenen Weg gehen zu lassen, müssen wir auch dazu imstande sein.

Wie echt sind wir?
In jeder spirituellen Gemeinschaft (in Asien traditionell „Sangha“ genannt) gehört die Konfrontation mit der eigenen Unechtheit und Maskenhaftigkeit, die jedes Zusammenleben von Menschen unausweichlich zur Folge hat, zum pädagogischen Programm. Auch außerhalb der traditionellen Sanghas wird dieses hohe Ziel auf wunderbare Weise von den Pubertierenden gegenüber ihren Eltern geleistet: Sie prüfen deren persönliche und spirituelle Authentizität. Bist du wirklich echt mit dem, was du da machst und propagierst, oder sind das nur spirituelle Phrasen, die du irgendwo aufgeschnappt hast und mit denen du nun deine Kinder zu missionieren versuchst? In unserem Umgang mit Kindern zeigt sich, ob wir wirklich erwachsen geworden sind. Kinder brauchen keine kindischen, unreifen Altvorderen, sie wollen Erwachsene, die verspielt sind, aber auch autoritär sein können. Den Teil unserer Spiritualität, der nur ein Protest gegen das Erwachsenwerden ist, müssen wir verabschieden.

Wir sind unterwegs
Wir sind Reisende auch in der Hinsicht, dass wir, jeder von uns in seiner je eigenen Weise, Pilger sind auf einem Weg der menschlichen Entwicklung, hin zu einem fernen, vielleicht noch kaum erkennbaren Ziel. Auf diesem Weg stehen wir zwischen unseren eigenen Eltern und den Kindern, die uns anvertraut sind in einer Abfolge von Generationen, die sich hoffentlich als eine Entwicklung des Homo sapiens zu etwas Feinerem, Weiserem zeigen wird als wir es jetzt sind. Wir können von den vor uns Gegangenen ebenso lernen wie von den nach uns Kommenden, die uns als Kinder heute anvertraut sind. Teils lehren wir sie auch, beide, und sind dabei gefordert, in uns zu ruhen, zugleich fest und flexibel, mit Standbein und Spielbein, frei und gebunden. Wir stehen und bewegen uns in der Mitte. Die einen verabschieden wir aus dem Leben und der Welt der Bedingtheiten, die anderen begrüßen wir darin.

Wolf Sugata Schneider Jg. 52.
Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de.Kontakt: schneider@connection.de
www.connection.de