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Ausgabe Mai 2018
Kein Tag wie jeder andere: Die Ordnung der heiligen Tage. ...von Juliane Rutscher


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Wir alle kennen das Gefühl, an manchen Tagen nicht in unserer Kraft zu sein. Vielleicht sind wir leicht aus der Fassung zu bringen und es kommt schnell zum Streit. Oder es geht einfach von morgens bis abends alles schief. Wenn wir solch einen Tag hinter uns gebracht haben, fragen wir uns oft, was genau denn heute wieder nicht gestimmt hat. Wieso gelingt uns manchmal alles und ein anderes Mal würden wir am liebsten gar nicht erst aus dem Bett steigen?

Die Astrologie lehrt uns, dass es viele Faktoren gibt, die täglich auf uns wirken und uns beeinflussen. Der Mond, die Stellung der Planeten, die Jahreszeiten; alles hat seine Auswirkungen auf unseren Gemütszustand. Im Hochland von Guatemala weiß man, dass dies aber nur die halbe Wahrheit ist. Die dort beheimateten Nachfahren der Maya kennen und hüten das jahrtausendealte Wissen über den Tzol'kin, den heiligen Mayakalender und seine energetische Wirkung auf die Welt und auf jeden Einzelnen von uns.

Am Lago de Atitlán im Südwesten Guatemalas gehen die Uhren nicht nur langsamer, die dort ansässigen Quiché-Maya haben auch ein komplett anderes Verständnis der Zeit als solche. Ein Tag ist für sie nicht nur eine Abfolge von Minuten und Stunden, die man möglichst effektiv nutzen sollte, sondern ein Entwicklungsschritt innerhalb des göttlichen Plans, der jeweils von einer spezifischen Energie gelenkt wird. Die Abfolge dieser Energien, von denen es nach der Überlieferung 20 gibt, wird durch den Tzol'kin-Kalender dargestellt. Wer diese Energien kennt und ihre Wirkung begreift, kann sie für sich nutzbar machen, indem er mit ihnen in Einklang lebt.

Für unser westliches Verständnis ist das zugegebenermaßen eine merkwürdige Vorstellung. Unsere Auffassung von Zeit und ihrem Nutzen lässt sich wohl am besten im Satz „Zeit ist Geld“ veranschaulichen. Oft wird allein schon die Idee eines übergeordneten göttlichen Plans als eine Bedrohung der selbstbestimmten Existenz wahrgenommen. Da viele Menschen heute nicht mehr wissen, wie sie mit ihrer Seele in Kontakt treten können, fällt es ihnen oft schwer, zu verstehen, dass sie sich ihre Aufgabe im Leben selbst gewählt haben und dass dies zu einem bestimmten Zweck geschah. Bei den Quiché-Maya leben die Menschen hingegen mit der Gewissheit über die ständige Wiedergeburt und über die universelle Verknüpfung von allem, was existiert. Schon bei der Geburt eines Kindes wird dessen Horoskop auf Grundlage des Maya-Kalenders errechnet. Dieses gibt Aufschluss über die Potentiale und den Lebensweg eines Menschen. Es kann als eine Art Landkarte des Lebens betrachtet werden, die ihrem Besitzer nützliche Hinweise zu seiner Bestimmung geben kann. Einer der wichtigsten Männer in der Dorfgemeinschaft der Quiché-Maya ist der sogenannte Tagehüter. Dieser ist häufig Zeremonienmeister und Medizinmann in einer Person. Seine Hauptaufgabe aber ist die Bewahrung des Wissens über die heiligen Tage. Er kennt den Tzol'kin-Kalender, nutzt diesen für Weissagungen, hält Zeremonien zu Ehren der Tagesenergien ab und dient den Dorfbewohnern als Berater in allen Lebenslagen. Ob Hochzeiten, Geschäftsgründungen, Reisen oder Familienplanung; für alle Bereiche des Lebens und jedes Vorhaben gibt es eine passende Tagesenergie, die das Projekt positiv unterstützt. Daher richtet man sich innerhalb der Dorfgemeinschaft bei wichtigen Angelegenheiten traditionsgemäß nach dem Tzol'kin und den Empfehlungen der Tagehüter.

Woher stammt nun dieses profunde Wissen über die kosmischen Energiefelder? Viele der Maya-Ältesten, die heute in Guatemala die alten Mythen bewahren, machen keinen Hehl daraus, zu sagen, dass ihre Vorfahren Wesen waren, die von fernen Sternen kamen. Damit handelt es sich bei ihren Überlieferungen um kosmisches Wissen aus einer höheren Bewusstseinsebene. Sinn und Zweck des Besuchs auf der Erde war ihnen zu Folge das Wissen über die kosmischen Energien, denen jegliche Entwicklung und Evolution zu Grunde liegen. Dies brachten sie mit zur Erde und bewahrten es über die Jahrtausende hinweg. Die 20 archetypischen Energiefelder des Tzol'kin werden als abgespaltene Aspekte der göttlichen Einheit gesehen. Sie besitzen Bewusstsein und somit ist es möglich, mit ihnen zu kommunizieren. In jahrhundertealten Zeremonien werden sie angerufen und durch Opfergaben geehrt. Wenn wir mit ihnen im Einklang leben, so sagen die Maya, gelangen wir dazu, mit uns selbst und der gesamten Schöpfung in Liebe zu sein. Wenn wir uns als Teil des göttlichen Plans begreifen und uns demütig in den Fluss der Entwicklung einbringen, sind wir damit im Einklang mit dem göttlichen Plan. Dadurch fällt es uns leichter, unsere Rollen in diesem zu erkennen und anzunehmen.

Wie können wir den Kalender nutzen? In unserem Alltag ist es wohl weniger passend, Feuer- und Opferzeremonien abzuhalten, um uns auf traditionelle Weise mit den Tagesenergien zu verbinden und ihnen zu huldigen. Das müssen wir auch nicht. Wie bei allen spirituellen Disziplinen kommt es auf den Inhalt an und nicht so sehr auf die durch Kulturen geprägte Ausführung. Den Tzol'kin können wir ohne Weiteres in unser modernes westliches Alltagsleben integrieren, indem wir uns selbst im Kontext seiner Energien beobachten. Es kann im Alltag für uns interessant und heilsam sein, den Einfluss der Tagesenergien auf uns zu erkennen. Wenn wir den Kalender verstanden haben, sehen wir leicht das Potential eines jeden einzelnen Tages und sind in der Lage, dieses für uns nutzbar zu machen.

Der heilige Mayakalender gibt uns die Möglichkeit, die Zeit als eine Entwicklungsspirale zu begreifen, in die wir uns harmonisch einfügen können. Dies setzt natürlich voraus, dass wir uns der göttlichen Fügung ein Stück weit hingeben. Wer diesen Weg einmal eingeschlagen hat, wird schnell feststellen, dass dies nichts mit der Aufgabe persönlicher Selbstbestimmung zu tun hat. Vielmehr schaffen wir uns, dadurch dass wir mit dem universellen Plan im Einklang sind, einen inneren Frieden. Wie alles in unserer dualen Welt besitzen auch die archetypischen Energiefelder konstruktive und destruktive Aspekte. Wenn wir uns ehrlich beobachten, werden wir schnell feststellen, mit welcher der beiden Qualitäten wir jeweils in Resonanz gehen. Durch diese Erkenntnisse sind wir auch fähig,unsere destruktiven Muster klarer zu sehen. Ob wir sie dann annehmen und verändern, bleibt wiederum in unserer Verantwortung.

Beim Umgang mit dem Mayakalender sollten wir natürlich darauf achten, dass wir uns nicht von ihm abhängig machen. Wie bei allen spirituellen Hilfsmitteln besteht auch hier die Gefahr, dass wir unsere Eigenverantwortung abgeben oder uns sogar durch unbewusste Nutzung eine selbsterfüllende Prophezeiung heraufbeschwören. Vielmehr können wir das alte Wissen nutzen, um uns selbst zu beobachten und uns zu fragen, welche Themen uns durch die jeweilige Energie aufgezeigt werden. Auf diese Weise hilft uns der Tzol'kin bei der Reflexion unserer selbst; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Juliane Rutscher ist Heilpraktikerin
für Psychotherapie und Mediale Lebensberaterin in Berlin.
Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit dem Mayakalender und gibt Seminare zu diesem Thema.
Infos unter: www.julianerutscher.de


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