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Ausgabe April 2018
Beitragsreihe 2018 von Andreas Krüger, Homöopathisches Heilmittel: Der Flusskrebs

Ein blauer Mantel umhüllt mich.

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H. Schäfer: Worüber möchten Sie heute sprechen?
Andreas Krüger: Heute möchte ich über den Flusskrebs sprechen, homöopathisch Astacus fluviatilis. Der Flusskrebs ist für mich in der Homöopathie ein unverzichtbares Mittel, weil er erst Prozesse möglich macht, die wir homöopathisch, psychotherapeutisch oder schamanisch bei einem Patienten anstoßen. Es ist das wichtigste Heilmittel für den Prozess der Ent-Panzerung und autonomer Neupanzerung. Zu diesem Thema kann ich das Werk von Wilhelm Reich empfehlen oder die Videos von Bernd Senf oder auch „der Mensch in der Falle“ von Elsworth Baker, einem der großen Bioenergetik-Begründer.

Wenn ein Mensch auf diese Welt kommt, ist er in den meisten Fällen noch relativ frei, glücklich und „autonom pulsierend“, wie Wilhelm Reich es bezeichnet. Ein geliebter und gestillter Säugling kriegt beim Stillen häufig fast wolllüstige Zitteranfälle und das ist ein Zeichen dafür, dass in einem Menschen die Energie frei fließt. Wird der Mensch dann mit den Auswirkungen bürgerlicher Zwangsmoral wie Berührungsverbote an den eigenen Genitalien oder eigenen Ausscheidungen konfrontiert und mit Penatencreme, eng gewickelter Windel und Strampelanzug beengt, bilden sich nach Wilhelm Reich sogenannte muskuläre Panzer aus. Reich nennt es den Charakterpanzer. Die meisten Menschen haben viele Panzer, denn sie durften als Kinder und schon gar nicht als Erwachsene z.B. Wolllust erleben. Wenn sie nicht wütend sein oder laut schreien durften, dann bildet sich ein oraler Panzer. Wenn sie bestimmte tabuisierte Dinge nicht sehen durften, dann bildet sich ein okularer Panzer. Wenn sie ihre Herzen nicht öffnen konnten, weil sie verletzt wurden, dann bildet sich ein Brustpanzer. Und irgendwann haben wir uns eine Rüstung zugelegt, um in dieser lustfeindlichen und wutablehnenden Gesellschaft zu überleben und sind nicht mehr in der Lage, autonom zu pulsieren. Aber trotzdem versucht die menschliche Lebendigkeit, diesen Panzer zu durchbrechen und das kann in pervertierter, gewalttätiger oder rassistischer Form passieren. Reich führt Rassismus und Faschismus auf diese Charakterpanzerung zurück.

Und jetzt kommt Astacus ins Spiel.
Und der kommt deshalb ins Spiel, weil ich dieses Mittel in die Homöopathie eingeführt habe - und darauf bin ich sehr stolz. Vor unseren Forschungen war dieses Mittel völlig unbekannt.Es war mein Lehrer Jürgen Becker, der mir damals den Auftrag gab, zu einem anstehenden Seminar den Flusskrebs zu erforschen. Das passte natürlich, denn als astrologischer Doppel-Krebs bin ich ein sensibler, körper- und berührungsfreundlicher Mensch und habe sehr früh gelernt, was man alles nicht darf. Dementsprechend war ich auch an vielen Stellen verpanzert. Als wir nun den Flusskrebs erforschten, haben wir herausbekommen, dass er ein wunderbares Heilmittel ist für diejenigen, die sich für Therapieformen öffnen, um diese Panzer loszulassen und dann langsam ihre Lebendigkeit zu leben. Oft geschieht nach dieser Öffnung eine neue Traumatisierung, denn unsere Gesellschaft ist, wie sie ist. Früher war es so, dass diese Menschen sich daraufhin noch mehr zurückzogen.

Gibt es ein Beispiel?
Ich behandelte neulich eine Frau, die aufgrund von früheren Verletzungen seit Jahren keine Beziehung mehr eingehen wollte. Nachdem ich ihr diverse Mittel gegen sexuelle Unterdrückung und Angst vor Männern gegeben hatte, begann sie sich ganz langsam zu öffnen und fing eine zarte und liebevolle Beziehung zu einem 20 Jahre jüngeren Mann an. Als sie das ihren verklemmten, verpanzerten und dementsprechend berührungsfeindlichen Freundinnen erzählte, reagierten die - anstatt sich zu freuen und sich nach der Telefonnummer ihres Homöopathen zu erkundigen - völlig ablehnend: „Also in deinem Alter… und dann noch 20 Jahre jünger… das tut man doch nicht… der will dich doch nur ausnutzen…“ Obwohl sie ihre Beziehung verteidigte, hörte sie - auch in ihrem eigenen Kopf - im Hintergrund die Beschimpfung als „Schlampe“, auch wenn es nicht explizit formuliert wurde. Wilhelm Reich schreibt in seinem Buch „Der Christusmord“: „Der, der sich befreit, wird meistens nicht von den Sklavenhaltern dafür umgebracht, dass er sich befreit, sondern er wird in den meisten Fällen von denen gekreuzigt, die noch Sklaven sind.“ Der Sklave kreuzigt den, der anfängt, sich aus seiner Sklaverei zu befreien, weil der ihm ein Beispiel für sein eigenes Elend ist.

Aber ein Panzer hat doch auch eine Schutzfunktion, den kann man doch nicht einfach ablegen.
Natürlich hilft der Panzer auch, Ängste und Sehnsüchte einfach nicht zu spüren und natürlich hat er eine Schutzfunktion. Wenn ich den Panzer löse und auf einmal merke, dass sich meine Ehe darauf reduziert, dass mich mein Mann zweimal am Tag fragt, wo denn sein Chappie steht, dann spüre ich all das, was mir fehlt. Ich spüre aber auch meine Angst, was passiert, wenn ich mir das hole, was mir fehlt, und mein Mann mir daraufhin meine Kreditkarte sperrt. Es gibt Untersuchungen, warum Charlottenburger Paare noch nach über 25 Jahren zusammenleben. Bei Frauen sind es zu 80 Prozent ökonomische Ängste. Bei Männern sind die Gründe wesentlich trivialer, aber auch da liegen Ängste zugrunde. Früher haben Menschen Therapien abgebrochen, nicht weil sie schlecht waren, sondern weil das, was sich auf einmal an Sehnsucht, Lebendigkeit und Wolllust auftat, absolut bedrohlich wurde. Der Flusskrebs muss sich ganz oft häuten, um einen neuen Panzer aufzubauen und dazwischen wird er als Butterkrebs bezeichnet, weil er total verletzlich ist. Wenn man den Astacus in den Veränderungsprozess mit hineinnimmt, hilft er in der Übergangsphase.

Und wie hilft er?
Ein Patient beschrieb es so: „Es ist, als wenn ein blauer Mantel um mich gelegt wird. Mein alter Panzer ist weg. Ich bin erst einmal roh und nackt, aber ich bin lebendig und der Astacus umhüllt mich.“ Wilhelm Reich hat auch gesagt, dass es nicht geht, dass wir in dieser Welt ungepanzert rumlaufen. Man muss sehr genau gucken, wem man sich offenbaren und mit wem man die neue Lebendigkeit nicht teilen kann. Man braucht so etwas wie einen flexiblen Panzer. Für mich steht Astacus für meinen wichtigsten Satz in meinem Leben: „Geliebt werde ich einzig dort, wo ich mich schwach zeigen kann, ohne Stärke zu provozieren.“ Astacus hilft, den Panzer beim U-Bahnfahren umzulegen und ihn bei der tantrischen Wassersession im Liquidrom mit meiner Liebsten abzulegen. Viele Therapien sind gescheitert, weil sie zwar die Panzer entfernen konnten, aber kein Mittel für den Übergang hatten, für das Butterkrebsstadium, bis der neue bewegliche, autonome Panzer erwachsen ist.

Fazit:
Ich empfehle Astacus allen Menschen, die sich auf den Weg in ihre Lebendigkeit, ihre Lust und ihre Freiheit machen und die merken, dass dieser Weg schmerzhaft ist und sich daraufhin wieder zurückziehen und den Panzer verstärken wollen, um nicht verletzt zu werden. Astacus ermöglicht, dass diese Öffnung in einem sicheren und geschützten Raum passieren kann.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanische Heilkunst.

Mehr über ihn unter: andreaskruegerberlin.de


Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag


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