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Ausgabe April 2018
Wie Phönix aus der Asche. Von Nicola Cordes

Die Kraft zur Liebe nach Trennung und Verlust

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„Mein Leben war ein Auf-dem-Seile-Schweben. Doch war es um zwei Pfähle fest gespannt. Nun aber ist das starke Seil gerissen: Und meine Brücke ragt ins Niemandsland.“

Die Dichterin Mascha Kaléko beschreibt hier auf zarte, poetische Weise ihre Entwurzelung durch die schweren Verluste, die sie erlitten hat: Nicht nur musste sie als jüdische Dichterin im Nationalsozialismus mit ihrer Familie nach Amerika emigrieren, was für sie den Verlust von Heimat und Schaffenssprache bedeutete. In späteren Jahren starben erst ihr Sohn und kurze Zeit darauf ihr Ehemann. Durch ihre späten Gedichte zieht sich die Melancholie wie ein roter Faden - und doch ist es ihr gelungen, ihre künstlerische Lebenskraft zu bewahren.
Wir können nicht leben und nicht lieben, ohne früher oder später Abschied nehmen zu müssen - der Preis der Liebe ist der Schmerz. Ob es sich um geliebte Menschen handelt, die wir durch Tod oder ungewollte Trennung verlieren, ob Menschen durch Krieg und Vertreibung ihre Heimat verlassen müssen oder ob wir durch Unfall oder Krankheit unsere körperliche Freiheit einbüßen - die Ursachen für Trauerprozesse sind vielfältig.
In unserer westlichen Gesellschaft sind die Lebensphasen von Kummer und Trauer schwierig zu leben. Weder erlaubt eine auf Selbstoptimierung, Körper- und Leistungskult getrimmte Gesellschaft die Zeichen von Schwäche und Hilflosigkeit. Noch haben wir eine Kultur für den Umgang mit Tod und Trauer. Früher war es selbstverständlich, dass Angehörige zuhause starben, von ihren Lieben gewaschen und schön gekleidet wurden, um dann mehrere Tage zuhause aufgebahrt zu werden, damit sich Familie, Freunde und die Dorfgemeinschaft von ihnen in Würde und Liebe verabschieden konnten. Anschließend war ein ganzes Jahr dem Trauern gewidmet. Heute geht der Verlust von nahen Angehörigen oftmals mit sozialer Isolation einher. Immer wieder berichten Betroffene, die Ehepartner oder Kinder durch Tod verloren haben, dass niemand sie mehr anruft und ihnen bewusst aus dem Weg gegangen wird. Der Grund dafür ist sicherlich nicht Gleichgültigkeit sondern Hilflosigkeit. Das unangenehme Gefühl, nichts Adäquates sagen zu können oder etwas falsch zu machen, endet im Ausweichen.

Abschied braucht Zeit
Dabei wünschen sich Trauernde keine klugen Ratschläge, sondern nur eine liebevolle Präsenz, jemanden, der im Alltag unter die Arme greift und ohne Wertung zuhört. Und vor allem eines: ausreichend Zeit. Zeit, den eigenen Schmerz zeigen zu dürfen, Abschied nehmen zu dürfen, eine Zeit, in der nicht effizient funktioniert werden muss. Die Psychologin Verena Kast hat den Prozess der Trauer in vier Phasen eingeteilt, die bei jedem Menschen unterschiedlich lang und intensiv verlaufen. Die längste Phase nennt sie das Suchen und Sich-Trennen von dem geliebten Menschen. Nach den ersten beiden Phasen, dem ersten Schock und dem darauffolgenden Aufbrechen der Emotionen ist es diese dritte Phase, die trauernde Menschen - ausgelöst entweder durch Tod oder durch eine Trennung vom Lebenspartner - am längsten beschäftigt. Die Erinnerungen an die gemeinsamen Erlebnisse und Rituale, das Aufsuchen der Lieblingsorte, die gemeinsamen Bilder - all das wird in tiefem Schmerz im Herzen bewegt, um sich wieder und wieder von der gemeinsamen Zeit und dem geliebten Menschen zu verabschieden. Erst wenn die Seele diese Phase der Verzweiflung und Dunkelheit durchlebt und verarbeitet hat, treffen die meisten Menschen eine innere Wahl und öffnen mit neuer Kraft neue Türen ins Leben - sie finden einen neuen Selbst- und Weltbezug, wie Verena Kast diese vierte Phase benennt.

Unterstützung in Trauerphasen
Was aber, wenn keine Zeit bleibt für einen Abschied oder wir verdrängen, was eigentlich durchlitten werden möchte? Oft haben Menschen, die keine Gelegenheit hatten, sich von ihren Verstorbenen angemessen zu verabschieden oder deren Trennung plötzlich und überraschend kam, viel größere Probleme, die Situation zu akzeptieren, sie sind noch nach Jahren verhaftet mit ihrem Schicksalsschlag und können den Blick nicht mehr nach vorne richten. Die noch viel verbreitetere Variante ist das Verdrängen. Von klein auf werden wir darauf gepolt, unsere Gefühle zu unterdrücken und zu funktionieren. Wir werden dazu angehalten, rational und vernünftig zu agieren und zuverlässig Leistung zu erbringen - selbst in der Grundschule haben Kinder mittlerweile ihre Notenspiegel im Kopf und lernen, dass Leistung und Anpassung alles ist, was im Leben zählt. Auch in Trauerphasen versuchen wir also, tapfer weiter zu funktionieren, aber die Seele lässt sich auf Dauer nicht ignorieren. Dass das Ignorieren unserer seelischen Bedürfnisse sich zur Volkskrankheit entwickelt hat, zeigen auch die Statis-tiken der Krankenkassen: Psychische Erkrankungen sind der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen und Fehltage am Arbeitsplatz. Wenn der Schmerz zu groß ist, um ihn alleine zu bewältigen, ist eine professionelle Begleitung der Trauerphase notwendend, um wieder neuen Mut zu fassen für das Leben. Dies kann der Beginn einer Gesprächstherapie sein oder der Anschluss an eine Selbsthilfegruppe. Auf der Seite des Landes Berlin (www.berlin.de) unter dem Stichwort "Trauer bewältigen" finden sich hierzu zahlreiche Hilfsangebote.

Die Liebe bleibt
Nichts rüttelt uns so wach, wie die Phasen, in denen wir in unseren Grundfesten erschüttert sind. Was für uns wirklich wertvoll ist, bewerten wir neu mit dem Maßstab der Liebe: Alltagssorgen, die uns eben noch belastet haben, erscheinen plötzlich völlig belanglos. Der Verlust lässt uns die gemeinsame Zeit, die wir mit unseren Partnern, Familienmitgliedern und Freunden teilen, umso kostbarer erscheinen. Hinter den durchlebten Schatten der Dunkelheit und mit den Lebensnarben, die wir tragen, erschließt sich uns die große Tiefe unserer Persönlichkeit. Das ist die Schönheit des Phönix, der sich aus der Asche erhebt: Jeder Schicksalsschlag, den wir durchlebt haben, zeigt uns die immense Kraft unserer Liebe, die stets ein Teil von uns bleibt und unser Leben bestimmt.

Aus "Memento"
von Mascha Kaléko:

Allein im Nebel tast ich todentlang
und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr -
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muß man leben.


Die Heilpraktikerin und Systemische Therapeutin Nicola Cordes betreibt
die Naturheilpraxis Lebensweise in Prenzlauer Berg.
Ihre Fachgebiete sind Homöopathie, Heilpflanzen und psychologische Beratung.
Sie begleitet Menschen mit körperlichen Erkrankungen wie auch in persönlichen Umbruchphasen.
Ihr Spezialgebiet ist die Frauenheilkunde. Sie ist zudem Dozentin für Homöopathie und naturheilkundliche Themen.
Weitere Informationen: www.naturheilpraxis-lebensweise.de


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