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Woran erkennt man einen Veganer? Er wird es dir erzählen. Von Wolf Sugata Schneider


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Früher waren es nur die Franzosen und Italiener, die stundenlang über das Essen sprachen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Jetzt ist auch ein Großteil der Deutschen so. Aber eigentlich ist das gut. Besser man spricht über Kohlenhydrate und Eiweiße, von mir aus auch über die Ingredienzen eines guten Smoothies, als über Autos, Panzer, Fußball oder nur über das Wetter. Im Grunde sind wir doch irgendwie immer noch Würmer, das heißt Röhren, in die man vorne was reinsteckt, damit, hoffentlich ohne allzu große Beschwerden unterwegs, hinten was rauskommt. Unser Organismus ist ein Verdauungsapparat mit ein bisschen was drumrum: die vorderen Gliedmaßen zum Ergreifen des Essens, die hinteren zum Davonlaufen vor Neidern und Fressfeinden. Dann noch ein Kopf vorne dran zum Beißen und Kauen und eine Handspanne darüber ein Gehirn, das man aber nicht überbewerten sollte.

Sich achtsam ernähren
Andererseits kann man die Sache auch positiver betrachten als mein Genörgel grad eben. Ernährung war und ist für Millionen von Menschen der Einstieg in die Beschäftigung mit sich selbst. Es ist die „Zubringerautobahn zur Spiritualität“, so habe ich das Thema in meiner Zeitschrift Connection vor Jahren einmal genannt. Wenn das Bewusstsein, dass wir alle miteinander zusammenhängen, erwacht, hört man vielleicht auf damit, andere Tiere zu essen, oder wenigstens solche, die in KZs gehalten wurden. Außerdem weiß man dann, wie sehr eine gute Ernährung die Basis für körperliche Gesundheit ist. Ernährst du dich gut, brauchst du keinen Arzt mehr und bleibst bis ins hohe Alter fit, das ist als Faustregel schon mal nicht schlecht. Bio-Ware ist besser als die aus der konventionellen Landwirtschaft, die übrigens auch für das Insektensterben verantwortlich ist. Lokale Nahrungsmittel schmecken besser als die noch unreif geernteten aus anderen Kontinenten, je lokaler desto besser, und sie sparen den umweltschädlichen Transportaufwand. Das ist zwar alles schon tausendmal gesagt worden - aber es ist wahr!

Der agroindustrielle Komplex
Weniger bekannt ist, wie sehr der wirtschaftliche Komplex aus Agroindustrie und Nahrungsmittelverarbeitung unser Leben bestimmt und wie sehr das zur Ausbeutung der Böden, der Biodiversitätsreduktion durch Monokulturen und Düngemittel führt. Teils verwüsten dadurch ganze Regionen, u.a. weil die Agroindustrie das Grundwasser anzapft und extrem stickstoffhaltige Abflüsse aus dieser Art der Landwirtschaft die Gewässer zum Kippen bringen. Nicht nur die Umwelt wird durch diese Art der Herstellung ruiniert, auch unsere Körper werden geschädigt durch das, was da nun in den Regalen der Discounter steht, meist mehrfach verpackt, durch Konservierungsmittel haltbar gemacht und oft so zuckerreich, dass die Anzahl der Übergewichtigen (mit BMI >25) von weltweit einer Milliarde im Jahr 2003 auf mehr als 2 Milliarden im Jahre 2016 zugenommen hat (Quellen: WHO und The Lancet). Demgegenüber lag die Anzahl der hungernden oder unterernährten Erdbewohner im Jahr 2016 bei 815 Millionen; sie wächst seit 2015 wieder an (Quelle: FAO). Krasser Mangel auf der einen Seite, Verschwendung, Verfettung und Schlankheitswahn auf der anderen - wie konnte es nur so weit kommen?
Vielleicht muss man bei der Erklärung des zugrunde liegenden Systems auf sowas wie Fabian Scheidlers „Megamaschine“ kommen, über die er das Buch „Ende der Megamaschine - Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ geschrieben hat (2015 im Promedia Verlag). Der Moloch hält uns alle gefangen und macht damit nicht einmal die glücklich, die dabei gut verdienen - Nestlé, Monsanto und alle, die in diesen Räderwerken mitmachen, ohne aufzumucken. Wir dürfen uns eben nicht damit begnügen, nur neue Apps für das alte Betriebssystem vorzuschlagen - die Programme unserer nationalen politischen Parteien -, wir brauchen ein ganz neues Betriebssystem für die Zivilisation auf unserem Planeten.

Jenseits des Tellerrandes
Das Gehirn, das da oberhalb des Gebisses von uns Wurmexistenzen im Kopf auch noch drin ist, vielleicht ist es ja doch zu irgendwas gut. Wir sollten es zum Verstehen der Zusammenhänge nutzen. Dann gibt es zwischen uns vielleicht doch noch mehr zu besprechen, als nur, ob die Pasta al dente und Rucola als Modesalat nicht schon wieder out ist. Es ist nämlich für unsere Verdauung und Gesundheit auch wichtig, ob wir glücklich sind. Glückliche Menschen sind unter Umständen auch bei nur mittelguter Ernährung gesünder als sich perfekt ernährende Miesepeter. Und auch die Qualität unserer Beziehungen spielt dabei eine Rolle; womit wir unseren Lebensunterhalt verdienen; mit wem wir zusammen wohnen; und auch die Qualität unseres gesamten Freundeskreises, nicht nur die der priorisierten Beziehungen (Lebenspartner und Kleinfamilie).
Ich hoffe, dass die Besessenheit mit dem, womit wir uns ernähren und wie wir es zubereiten, den konjunkturellen Höhepunkt bald überschritten hat und wir uns wieder mehr dem zuwenden können, womit wir uns geistig und emotional ernähren und wie wir unsere Zivilisation als Ganzes am besten gestalten.

Jetzt mal persönlich…
Da in dieser Ausgabe der KGS Berlin Ernährung das Thema ist, möchte ich nach diesem grantigen Rundumschlag nun doch noch etwas spezifischer zum Thema Ernährung Stellung nehmen. Zuerst das Persönliche: Ich lebe seit mehr als 40 Jahren vegetarisch, es geht mir sehr gut damit. Seit ein paar Jahren bin ich zudem ‚Fast-Veganer‘ - ich gönne mir Butter und Sahne von Kuhmilch. Seit Jahrzehnten habe ich auf Weißmehl und industriellen Zucker weitgehend verzichtet, und ungefähr die Hälfte meiner Nahrungsmittel ist bio. Ich koche fast jeden Tag selbst (oder mache mir Rohkost) und verwende dabei keine industriell verarbeiteten Nahrungsmittel (processed food), sondern die jahreszeitlich verfügbaren, möglichst lokale. Das sage ich, weil uns Menschen immer ‚das Persönliche‘ interessiert - mich auch -, und wenn ich gefragt werde.

Missionare des Guten
Das Missionieren für eine Ernährungsvariante (oder sonst einen Lebensstil) mag ich nicht, obwohl ich weiß, wie sehr das Fleischessen und andere Charakteristika des Ernährungsstils der Mehrheit dem Weltganzen schaden. Einfach deshalb, weil missionarischer Eifer zu Gegenreaktionen führt. So z.B. verzeichnet die Zeitschrift „Beef! - für Männer mit Geschmack“ (von Gruner&Jahr, wo auch GEO erscheint) sensationelle Erfolge, seit die vegane Bewegung in den vergangen Jahren zu Hochtouren aufläuft. Und die Kinder von Hardcore-Spiris und Ernährungsfanatikern laufen zum Entsetzen ihrer Eltern in Scharen zu den Normalos über, weil sie ihre Mitschüler darum beneiden, zu McDonald‘s gehen oder Coca-Cola trinken zu dürfen. Irgendwann wollen sie mit dem Lebensstil ihrer Eltern vielleicht gar nichts mehr zu tun haben. Es kommt eben darauf an, wie wir für das werben - oder wie wir es sichtbar machen -, was wir für gut halten. Dass wir es tun allein, genügt noch nicht.

Glaubenskämpfe
Das gilt natürlich auch für Religion und Politik. Nicht mehr Vorbild sein wollen, nichts tun und nichts sagen, das ist für mich keine Lösung. Andererseits will ich nicht invasiv sein und auch nicht fordernd oder moralisierend. Manchmal bin ich es doch, getragen von heißen Gefühlen, das ist vielleicht verzeihlich. Aber die Dosierung der Emphase und Besserwisserei erscheint mir dabei wichtig zu sein. Jeder von uns weiß irgendetwas besser als irgendein anderer und ist insofern ein Besserwisser. Damit hinterm Berg zu halten ist nicht gut. Es kommt aber darauf an, ob wir das anderen reindrücken, oder ob wir durch einen mitfühlenden, verständnisvollen Ansatz überzeugen. Wenn Ernährungsweisen zu Glaubenskämpfen führen, so wie früher - und oft auch heute noch - in Religion und Politik, dann ist der Schaden des eigentlich Guten manchmal größer als sein Nutzen.


Wolf Sugata Schneider
Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de.Kontakt: schneider@connection.de
www.connection.de