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Ausgabe März 2018
Körpereigene Ressourcen wiedergewinnen. Von Claudia Munz und Kathinka Sonneborn

Körperarbeit als Weg

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Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der Erschöpfungszustände, Sorgen und Ängste im Alltag und Unzufriedenheit sehr präsent sind. Dabei haben wir mehr als je zuvor und oft mehr, als wir eigentlich brauchen. Oft erleben wir uns allerdings selbst in einer Situation, die wir als unveränderbar wahrnehmen. Und ja, das Leben fordert uns immerzu und scheint uns damit manchmal zu überfordern. Das Wissen unseres Körpers ist unendlich groß und wenn wir die Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, nutzen, sind wir in der Lage, sehr genau wahrzunehmen, was wir brauchen, was uns gut tut und was nicht. Sehr vieles, wenn nicht alles, was nötig ist, um z.B. auch in schwierigeren Zeiten im Leben klarzukommen, ist in uns vorhanden. Jeder von uns hat die Möglichkeit, mehr zu vertrauen, Ruhe zu finden, Entscheidungen zu treffen oder Kraft zu schöpfen. Für viele von uns ist es jedoch schwierig geworden, diese Fähigkeiten zu nutzen und in Verbindung mit uns selber zu kommen. Die Gründe dafür können verschieden sein: Manches haben wir durch Prägung und Erziehung verlernt, manches haben wir unterwegs aufgegeben, zum Beispiel, weil wir hier oder da schlechte Erfahrungen gemacht haben. Körperarbeit bietet genau da eine Möglichkeit, dies wiederzugewinnen, indem wir den Zugang zu unseren eigenen Ressourcen erlernen.

Wenn wir Zustände von Erschöpfung, Sorgen, Ärger oder Stress erleben, passiert dies im ganzen Körper: Wir atmen dann weniger und fühlen uns verspannt oder bedrückt. Manchmal sind wir in einem bestimmten Bereich des Körpers blockiert, manchmal meldet sich auch ein altbekanntes Symptom (z.B. Migräne, Rückenschmerzen, Schlafstörungen etc.) zurück, das wir schon länger kennen, vielleicht sogar schon unser halbes Leben lang. Nicht selten fühlen wir uns in dieser Lage gefangen und sehen keine Möglichkeit für eine Veränderung. Als Ausweg bleibt dann nur „Zähne zusammenbeißen und durch“. Oder wir fühlen uns verzweifelt und hoffen, dass „es“ schnell vorbeigeht. Wir sind oft unzufrieden mit uns und dem, was wir tun, und beginnen uns allein, missverstanden oder unzulänglich zu fühlen. Und auch das ist nicht neu. Unser Körper spiegelt unsere Gedanken und Gefühle sehr klar. Uns fehlt in solchen Momenten oft die Energie, eine Veränderung anzustoßen. Wir gewöhnen uns daran, uns selbst einzuschränken. Manchmal bemerken wir dies sogar, der Ausweg aus dieser Wiederholung scheint allerdings unmöglich.

Aber wie funktioniert da Körperarbeit? Die Rolle des Klienten ist sehr aktiv in jeder Sitzung und in Zusammenarbeit mit dem Praktiker. Das Ziel eines individuellen Prozesses wird beim ersten Treffen gemeinsam besprochen, um dann konzentriert daran zu arbeiten. Durch eine Kombination aus Berührung, Bewegung und Gespräch wird die Aufmerksamkeit des Klienten auf den Körper verfeinert und vertieft. Durch diesen direkteren Kontakt zum Körper erlernen wir wieder: Wie fühlt es sich eigentlich an, mehr in Verbindung mit mir zu sein? Was brauche ich gerade? Wie ist meine Haltung zu diesem oder jenem Thema? Wo gibt es ein Bedürfnis oder einen Wunsch, die meine Aufmerksamkeit brauchen? Wohin will ich? Was sind eigentlich meine Ressourcen und wie fühlen sich diese an? Was passiert, wenn ich endlich loslassen kann? Das gewünschte Ziel des Klienten und die Veränderungen, die er damit erreichen will, stehen zu jeder Zeit im Vordergrund. Der Moment, in dem wir beginnen, den Körper anders als gewohnt zu erleben, ist der Moment, in dem neue Energie freigesetzt wird. Diese Energie haben wir vorher in den beschriebenen Situationen festgehalten. Energie zu haben ist die Grundlage für jede Bewegung und jede Veränderung, die passiert. Erst auf dieser Basis ist es uns möglich, die gewünschten Schritte zu gehen. Körperarbeit ist ein Weg, an das Wissen des Körpers und diese Energie wieder anzuknüpfen. Außerdem beinhaltet es die Fähigkeit, uns selbst wahrzunehmen, genauso wie die Realität, in der wir uns befinden und dies in Verbindung zu setzen. Lernen wir präsent zu sein, treffen wir das Leben in dem Moment, in dem es uns passiert, und sind in der Lage, mit allem umzugehen und daran zu wachsen.
Ein Prozess in der Körperarbeit ist sehr individuell und kann unterschiedlich lang sein. Er erfordert Geduld mit sich selbst und die Bereitschaft, sich mit sich auseinanderzusetzen, vordergründig durch den Körper. Der Klient wird darin unterstützt, Energie zurückzugewinnen und sich mit sich selber und den körpereigenen Ressourcen zu verbinden und diese dadurch auch zu stärken. Konkret kann es dabei zum Beispiel darum gehen, größere innere Ruhe, Klarheit, Entspannung, Stärke, Gelassenheit, Entschlusskraft oder Zufriedenheit zu erlangen oder eine konkrete Situation in einer bestimmten Weise zu verändern.

Je mehr wir lernen, diese Ressourcen zu stärken, umso mehr vertiefen sich diese auf lange Sicht. Dabei gibt es keinerlei Vorgaben, wie etwas sein, sich anfühlen oder erfahren werden sollte. Es geht vor allem darum, einen Raum zu öffnen, in dem wir authentisch sein dürfen und in dem wir unsere individuellen Stärken vertiefen können. So sind wir wieder in der Lage, freier zu leben oder unseren Alltag auf eine Weise zu gestalten, die uns gerecht wird, sodass wir uns wohl fühlen. Wenn wir wieder an einen Punkt in unserem Leben kommen, an dem das Gefühl von Selbstbestimmung im Vordergrund steht, haben wir Freiraum gewonnen. Und manchmal tun wir dann etwas, was wir uns früher niemals getraut hätten oder wir überraschen uns und unsere Mitmenschen mit unseren Entscheidungen oder erleben einfach mehr Zufriedenheit, Spaß und Genuss in unserem Leben.



Claudia Munz ist Gründerin der „Women´s Lounge - Selbstbewusstseins-Coaching und Körperarbeit für feinfühlige Frauen“ und Kathinka Sonneborn begleitet in „berührt.bewegt.sein“ Menschen zu verschiedensten Themen und in Krisen. Seit zehn Jahren arbeiten sie in individuellen Einzelprozessen und Workshops, gemeinsam unterrichten sie das Morning Movement Training im Zentrum Hagelbergerstraße in Berlin Kreuzberg. Infos: www.claudiamunz.de und www.kathinkasonneborn.de


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