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Ausgabe März 2018
Harmonie auf allen Ebenen erkennen. Von Amoura Schneider-Ahmed


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Das Streben nach Harmonie ist uns angeboren. Je harmonischer wir unser Leben empfinden, desto glücklicher sind wir. Und da wir als Menschen darauf programmiert sind, glücklich sein zu wollen, streben wir bewusst oder unbewusst ununterbrochen nach Harmonie. Das Streben nach Harmonie ist gleichzeitig das Streben nach Perfektion. Wenn alles perfekt ist, empfinden wir absolute Harmonie. Wir sind daran gewöhnt, uns selbst und unser Leben als nicht perfekt wahrzunehmen - das haben wir so gelernt. Unsere Eltern und unsere Lehrer haben uns das so beigebracht. Unsere Lebensumstände sind immer noch ein bisschen verbesserungswürdig. Ebenso wie wir selbst. Ein Gefühl von Disharmonie ist unser ständiger Begleiter, unterbrochen von wenigen Stunden, Tagen - wenn wir Glück haben - sogar Jahren der Harmonie und dem Gefühl, dass das Leben perfekt ist. Wie prägnant dieses Gefühl von Disharmonie unser Leben prägt und wie sehr wir nach Harmonie und Perfektion streben, hängt von unserer Persönlichkeit und unserem Wesen, also unserer angeborenen und anerzogenen Mitgift ab. Und selbstverständlich muss das, was von dem Einen als harmonisch empfunden wird, nicht notwendigerweise vom Nächsten ebenso als harmonisch erlebt werden. Letztendlich ist es aber nebensächlich, welche Dinge oder Gegebenheiten uns ein Gefühl des Glücks vermitteln, auffallend ist vielmehr, dass wir diesen Zustand stetig anstreben und bemüht sind, Harmonie auf allen Ebenen herzustellen.

Gibt es so etwas wie Harmonie überhaupt?
Das Streben nach Glück und Harmonie ist für uns so selbstverständlich, dass sich kaum jemand die Frage stellt, wieso das so ist. Und eine rein biologische Erklärung gibt darauf keine zureichende Antwort. Denn dass wir als verletzbare Lebewesen nach Umständen streben, die unser Überleben sichern, ist die eine Sache. Aber warum hören wir selbst dann, wenn unser Überleben und Komfort mehr als gesichert sind, nicht auf, nach Perfektion und Harmonie zu suchen? Und wie kommen wir auf die Idee, dass es so etwas wie Harmonie auf allen Ebenen überhaupt gibt? Eine Antwort bekommen wir, wenn wir eben diese Momente der Harmonie einmal näher untersuchen. Wir kommen jedes Mal zu folgendem Ergebnis: Immer wenn wir glücklich waren und für uns alles harmonisch erschien - egal wie unterschiedlich die Situationen auch gewesen sein mögen - existierte in dieser Situation kein inneres Nein. Wir erlebten eine Harmonie, die sich auf alle Ebenen erstreckte. Anders ausgedrückt: Immer wenn wir glücklich waren, tönte in uns ein eindeutiges Ja zu allem, was in diesem Moment erlebt wurde. Es existierte kein Wenn und kein Aber. Dass dies tatsächlich so ist, lässt sich ganz schnell überprüfen. Wir erlebten Harmonie nicht deshalb, weil sich etwa die Welt verändert hat (höchstwahrscheinlich hat sich die Welt überhaupt nicht geändert), sondern weil sich ein subtiles, inneres Nein für eine gewisse Zeit aufgelöst hat. Zwar gab es sehr wahrscheinlich dafür einen bestimmten Auslöser - vielleicht haben wir uns verliebt oder uns ist etwas gut gelungen. Die Auslöser für unser inneres Ja sind jedoch erfahrungsgemäß austauschbar und von Mensch zu Mensch verschieden. Die tatsächliche Ursache aber bleibt immer und bei jedem Menschen dieselbe. Wir wissen also aus eigener Erfahrung, dass Harmonie auf allen Ebenen möglich ist. Und wir haben entdeckt, dass diese Harmonie immer – ungeachtet ihres Auslösers - aus einem absoluten inneren Ja resultiert.

Dein Wille geschehe – der kleine Tod
Jetzt könnten wir uns dazu entschließen, dieses bedingungslose innere Ja einzuüben, um die ersehnte Harmonie zu erzeugen. Und tatsächlich ist dies ein wesentlicher Bestandteil vieler Religionen. Im Christentum finden wir diese Haltung wenn wir im Vaterunser sagen: dein Wille geschehe. Im Islam findet dies seine Entsprechung im inschallah - so Gott will. Oder, wenn wir üben - wie der Buddhismus empfiehlt - uns von Gier, Hass und Selbstsucht zu befreien, üben wir uns ebenso im bedingungslosen Ja zu dem, was gerade ist. Es ist kein Zufall, dass das Wort Harmonie vom griechischen harmonia - was soviel wie Fügung, schicksalhaftes Geschehen bedeutet - abstammt. Denn ein uneingeschränktes Ja zu allem, was ist, bedeutet nichts anderes, als sich allem schicksalhaften Geschehen zu überlassen. Wir werden quasi angewiesen, unseren angeborenen Selbsterhaltungstrieb zu unterdrücken, um - radikal ausgedrückt - dem Tod ins Auge zu blicken. Da verwundert es nicht, dass wir diese Praxis mit viel Anstrengung, Disziplin und Durchhaltevermögen verbinden. Schließlich verlangt sie von uns in unangenehmen oder schwierigen Situationen eine fast heroische Selbstaufgabe: Wir verzichten darauf, auf unserem Recht zu beharren (wir alle kennen die Geschichte von Jesus, der auch die andere Wange hinhält). Aber selbst wenn wir diese Haltung nicht ganz so konsequent einhalten, durchleben wir jedes Mal einen Art kleinen Tod. Immer wenn wir darauf verzichten, uns zu behaupten, immer wenn wir im übertragenen Sinne auch die andere Wange hinhalten, kämpfen wir gegen unsere tierischen Anteile, die auf das nackte Überleben programmiert sind. Die tierischen Anteile arbeiten wie ein Motor und gepaart mit unserer psychischen und mentalen Prägung verspüren wir etwas, was landläufig unter dem Wort Ego zusammengefasst wird. Aus diesem Zusammenspiel entsteht dieses innere Nein, welches unsere innere Harmonie verhindert. Jedem spirituellen Sucher ist er bis zu einem gewissen Grad bekannt: der Kampf gegen dieses „Ego“.
Wenn es also keinen äußeren Anlass gibt für unser inneres Ja (wie etwa verliebt zu sein oder andere glückliche Ereignisse), müssen wir im übertragenen Sinne „sterben“ (unser Ego ignorieren), um absolute Harmonie zu erfahren. Es gibt Berichte von Menschen, die das genau so praktiziert haben und auf diesem Weg die Harmonie auf allen Ebenen erkannt haben und seitdem auch erleben. Es gibt aber auch Geschichten von Menschen, die bei diesem Versuch gescheitert sind und gerade dadurch das Geheimnis der absoluten Harmonie entdecken und verwirklichen konnten. Wie aber kann es sein, dass ein Scheitern dasselbe Resultat ergeben kann wie ein Erfolg?

Nicht das Ego ist das Problem
Wir haben gesehen, dass es „bloß“ ein inneres bedingungsloses Ja zu diesem - und somit jedem! – Moment braucht, damit wir Harmonie auf allen Ebenen entdecken und erleben. Diesem Erleben steht einzig und allein das Nein unseres Egos im Weg. Vereinfacht gesagt, besteht unser Ego aus drei Komponenten: unserem biologischen Selbsterhaltungstrieb, der ein einfacher tierischer Automatismus ist, und aus unserer genetischen (ebenfalls biologischen!) Ausstattung. Hinzu kommt unsere soziale Prägung. Diese Komponenten sind dafür verantwortlich, mit welcher Kraft und welchem Energieaufwand unser Ego in Aktion tritt. Wenn es nun so ist, dass allein unser Ego für Disharmonie in unserem Leben sorgt, und wenn es tatsächlich Menschen gibt, die ohne dieses Ego Harmonie auf jeder Ebene erleben, könnte es sich lohnen, das Ego auf seine tatsächliche Daseinsberechtigung genauer zu untersuchen. Vielleicht ist unser Ego entgegen der landläufigen Annahme vollkommen überflüssig und wir machen uns lediglich aufgrund einer Fehleinschätzung unserer tatsächlichen Situation das Leben schwer.

Entdecke die Wirklichkeit!
Die gute Nachricht ist, dass es nicht notwendig ist, über Jahre oder Jahrzehnte gegen das Ego zu kämpfen. Im schlechtesten Fall bewirkt dies nämlich genau das Gegenteil. Durch die permanente Beschäftigung mit unserem Ego stellen wir es in den Mittelpunkt und stärken dadurch seine Präsenz. Genauso wenig erfolgversprechend ist es, das Wirken unseres Egos einfach zu ignorieren: Eine von einigen Menschen gern benutzte Ausrede, um weiterhin rücksichtslos die eigenen tierischen und egoistischen Anteile ohne Rücksicht auf Verluste auszuleben. Ich schlage hier einen Mittelweg vor, für den wir weder heroische Ausdauer (wie bei einem Kampf gegen das Ego), noch menschenverachtende Ignoranz (indem wir einfach so tun, als ob es gar kein Problem gäbe) benötigen. Ich schlage vor, die ganze Situation nüchtern zu betrachten und unseren Blick zu schärfen, um das gesamte Bild zu sehen. Wenn wir dies tun, werden wir erkennen, dass das Wirken unseres Egos auf einer Fehlinterpretation unseres Selbst basiert. Diese zu durchschauen ist der direkte Weg, um Harmonie auf allen Ebenen zu entdecken und zu verwirklichen. Wenn wir beginnen, all das zu hinterfragen, befreien wir uns nach und nach aus einer Trance, der wir uns unser ganzes Leben lang unterworfen haben. Einer Trance, die es erlaubt, dass wir unseren tierischen Instinkten folgen, ohne deren Berechtigung jemals in Frage zu stellen. Eine Trance, die uns in der Illusion hält, verletzliche Tiere zu sein, welche um ihr Leben kämpfen müssen, um zu bestehen. Denn genau diese Trance ist es, die uns immer wieder zu diesem inneren Nein bringt und verhindert, dass wir die Harmonie auf allen Ebenen erfahren.

Amoura Schneider-Ahmed betreibt die Schule für freies Bewusstsein, www.blei-zu-gold.de


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