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Beitragsreihe 2018 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Ruta graveolens - die Gartenraute

Mögen sich alle Wesen bewegen

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© Jürgen Fälchle - Fotolia.com

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H. Schäfer: Wie wäre es heute einmal mit einem Mittel, das in erster Linie bei handfesten körperlichen Beschwerden hilft?
Andreas Krüger: Ruta graveolens, also die Gartenraute, ist in der Tat ein Mittel, das in der eher psychologisch orientierten Homöopathie nicht so hoch wertgeschätzt wird, aber wenn man davon ausgeht, dass die Homöopathie primär dazu da ist, Schmerzen zu lindern und Krankheiten zu heilen, und nicht ausschließlich dazu da ist, die Menschen zur Erleuchtung zu führen, kriegt dieses Mittel eine sehr hohe Wertigkeit. Die Gartenraute ist ein Mittel, das bei allen Krankheiten im Bereich der Knochen, Gelenke, Steifheit, Rigidität und Folge von Überanstrengung hilft. Damit ist es auch ein Mittel, das für Menschen hilfreich ist, die Körperpanzer aufbauen, die also eine starke Abwehr gegen Berührung und Bewegung haben und die oft glauben, dass die Welt um sie herum schlecht ist. Die Welt ist Bedrohung und man muss sich zusammenziehen, um in dieser Panzerung überleben zu können.

Also alles, was eine Veränderung bewirken könnte, ist von vorn herein bedrohlich.
Und damit haben wir das Leitsymptom für Ruta: Abneigung gegen Bewegung und alle Beschwerden werden bei Bewegung schlimmer. Damit einher geht eine Abneigung gegen seelische oder auch gesellschaftspolitische Bewegung. Ich möchte allen Lehrern empfehlen, von Fritz Riemann "Grundformen der Angst" zu lesen, denn es hilft, die Menschen zu verstehen.
Ich hatte einen Patienten mit einer Kniefraktur, die nicht heilen wollte. Ruta ist also auch ein Mittel, wenn Heilung langsam ist. Das Stichwort, das mich bei dem Patienten auf Ruta brachte war, dass er nachts aus dem Schlaf aufschreckte, wenn seine Frau ihn zufällig berührte. Also Berührung und Bewegung auf allen Ebenen verschlimmert.

Und der Vorteil eines Knochenbruchs ist, …
… dass man sich erst recht nicht mehr bewegen kann. Ich kenne das von MS-kranken Frauen, von denen Hellinger sagt, dass sie MS bekommen, damit sie keine bösen Mädchen werden. Damals fand ich das etwas platt, aber inzwischen weiß ich, was Hellinger damit meint. Ich habe viele Frauen wegen MS behandelt und die Frage, die ich immer wieder stellte, war: "Was ist die Gefahr, wenn ich Ihre MS heile und Sie gehen können?" 70 Prozent der Frauen haben geantwortet: "Dann würde ich weggehen." Und was würde passieren, wenn sie gehen? Dann würden sie sich schuldig machen, weil sie ihren Mann und ihre Kinder nicht verlassen dürfen. Da aber ihr Impuls zu gehen, so stark ist, kreieren sie sich eine Krankheit, die verhindert, dass sie gehen können. Und so bleiben sie ein gutes Mädchen, nach dem Motto "Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin." Ruta ist ein typisches Mittel für eine schizoide Störung und für rigides Verhalten: Alles muss bleiben, wie es immer war. Nicht aus Strafe und auch nicht aus Tradition, sondern weil alles, was die Rigidität verlässt, gefährlich ist. Damit einher geht eine grundsätzliche Unzufriedenheit, zum einen mit der Welt an sich und zum anderen mit allem, was derjenige tut. Das gehört zum Psychogramm des Ruta-Patienten und auf der körperlichen Ebene sind es alle Knochenbrüche, alle Gelenkbeschwerden, die durch Bewegung und Berührung schlimmer werden, alle Folgen von Bänderdehnungen und Bänderrissen und alle Folgen von Auskugelungen.

Sie haben sicher auch ein persönliches Erlebnis?
Ich hatte mit 17 Jahren ein Erlebnis, wo ich unter dem Einfluss von psychodelischen Drogen über einen Stolperdraht stürzte, der um eine Litfaßsäule gespannt war. Ich wollte drüber springen - wohl in der Vorstellung, eine Gazelle zu sein - blieb aber in dem Draht hängen und knallte auf meine rechte Schulter, die daraufhin irgendwann hinter meinem Schulterblatt hing. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen, denn eine Luxation ist schmerzvoller als ein Knochenbruch. Im Krankenhaus angekommen, traf ich auf einen älteren, relativ sadistischen Arzt, der sich keine Mühe gab, zu verbergen, dass allein mein Hippie-Aussehen bei ihm unverkennbaren Widerwillen hervorrief. Er sah mich an und sagte, dass meine Pupillen so groß seien, dass er das Gelenk ohne Narkose wieder einkugeln wollte. Und er lächelte… Es tat aber so weh, dass überhaupt nichts reinsprang und dann meinte er, dass er mit der Narkose warten müsse, bis meine Pupillen wieder klein sind. Daraufhin ließ er mich fünf Stunden mit diesen Schmerzen sitzen, bis meine Mutter kam und auf einer Narkose bestand. Zum Glück wechselte gerade der Arzt und der neue Arzt sagte ganz offen, dass sein Kollege Probleme mit Hippies hatte. Er gab mir eine kurze Narkose, machte einmal Zack und der Arm war drin. Aber durch diese fünf Stunden der Auskugelung war der gesamte Bänderapparat meiner Schulter völlig überdehnt. Das führte dazu, dass ich in den nächsten fünf Jahren ungefähr 20 Auskugelungen hatte. Mit 27 Jahren fing ich an, eine bioenergetische Analyse zu machen, wo es viel um die Ausagierung von Wut geht. Das war natürlich unmöglich mit dem Arm. Ich konnte meinen Schwertarm einfach nicht benutzen. Ich konnte noch nicht einmal marsianisch auf den Tisch hauen.

Hippies sind ja auch friedlich…
Dieser Arm hatte die gute Absicht, mich friedlich zu halten. Das Problem war, dass er manchmal schon beim Niesen raussprang. Als ich später als Krankengymnast arbeitete, ging ich irgendwann zu meinem Oberarzt und fragte ihn um Rat. Nachdem er die Röntgenaufnahmen gesehen hatte, meinte er, dass da nichts mehr zu retten war und nur noch eine sehr komplizierte Operation nach Max Lange helfen könnte. Das war die absolute HORRORVORSTELLUNG. Völlig unmöglich. Zum Glück lernte ich damals die Homöopathie kennen, mit deren Hilfe ja in Form von Glonoinum meine Migräne verschwand. Als ich meinem Homöopath von der Operation erzählte, sagte er, dass es ein unbekanntes Mittel in der Homöopathie gäbe, mit dem er aber schon Wunder erlebt hätte. Und er empfahl mit Ruta in einer D4 und seitdem ist mir nie mehr meine Schulter ausgekugelt.
20 Jahre später tat sie mir mal wieder weh. Da das Röntgenbild nicht gut aussah, wollten sie mir ein neues Titangelenk einsetzen. Ich habe mich daraufhin chinesisch behandeln lassen und noch einmal 14 Tage lang Ruta genommen, diesmal in einer sehr hohen Potenz, und heute ist meine Schulter absolut beschwerdefrei.

Fazit:
Ruta ist ein wunderbares Mittel für Schultern, die ausgetauscht werden sollen, für Bänderrisse, für Luxationen, für Knochenbrüche, für schnell heilende Wunden und für Menschen, die eine sogenannte schizoid-rigide Charakterstruktur gekriegt haben, mit der Angst vor Bewegung auf der innerseelischen, aber auch gesellschaftspolitischen Ebene. Mögen sich alle Wesen bewegen.

Andreas Krüger
ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Mehr über ihn unter: andreaskruegerberlin.de

Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag