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Ausgabe Januar 2018
Die Welle. Eine therapeutische Geschichte von Steffen Zöhl

Inspiriert durch Jessica Thormann

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© giedriius - Fotolia.com

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Ich war schon immer "Wassermann". Einerseits bin ich in diesem Sternzeichen geboren, andererseits habe ich eine besondere Verbindung zum Wasser. Schon als Baby wollte ich im und am Wasser spielen. Später entdeckte ich das Tauchen und Surfen für mich. "Wasser spendet Leben", sagt man. Für mich spendet es auch Ruhe und Frieden. Es zeigt mir die sanfte Kraft von Ausdauer, Beharrlichkeit und fließender Bewegung - im Fluss sein. Wenn ich mich ihm anvertraue, trägt es mich und bringt mich weiter.
Eins zu werden mit dem Wasser, seine weiche und doch kraftvolle Energie zu spüren und eine neue Welt zu erleben - das hat mich immer fasziniert und begeistert. Beim Tauchen konnte ich in eine neue, fremde und beeindruckende Welt "eintauchen" und mich schwerelos bewegen. Die Unterwasserwelt bietet so viele Eindrücke an farbenfrohen und eigenartigen Pflanzen und Lebewesen, sodass man auch nach einigen Tauchgängen nicht genug bekommt. Wie viel Kraft Wasser hat, weiß jeder, der schon einmal von einer Welle erfasst wurde. Als junger Mann bin ich bei Wellengang - um einer Frau zu imponieren - ins Wasser gegangen. Beim Rausgehen spülte mir eine zurückfließende Welle am Ufer den Boden weg und eine zweite vom Meer kommende ließ mich - unfreiwillig - einen Salto ins Kiesbett machen.
Beim Surfen kann man die Kraft des Wassers ebenso spüren und für sich nutzen. Gleichgewicht, Körperspannung und -beherrschung sind erforderlich, um auf den Wellen zu reiten und durch das Wasser zu gleiten. Vor einigen Jahren hatte ich einen Unfall beim Surfen, der mir einen mehrtägigen Krankenhausaufenthalt und eine Narbe am rechten Bein bescherte. Auch wenn ich schon einige Erfahrungen hatte, kann man das Wasser nie hundertprozentig beherrschen. Eine solche Naturgewalt kann einen Demut lehren und Grenzen zeigen. Ich hatte sie für einen Moment unterschätzt.
Seit jenem Tag hatte ich einen neuen Begleiter an meiner Seite, wenn ich im Wasser war - meine Angst, mich nochmals zu verletzen und eine Narbe, die mich daran erinnerte. Ich nannte die Angst "Vorsicht" und suchte mir nur noch ungefährliche Surfspots, wo ich zwar nicht mehr dieses großartige Gefühl von Freiheit, Verbindung zur Natur und Flow fand, aber mich sicher fühlte. Meine Angst wollte mich beschützen, schränkte mich aber auch ein - ich verlor ein Stück Freiheit.
Eines Tages saß ich auf einer Bank an einem See und sah, wie ein Mädchen mit einem Welpen und "seinem" Ball spielte. Bei einem etwas zu kräftigen Wurf fiel der Ball ins Wasser und trieb dort. Der Welpe lief an das Seeufer und ich konnte ihm ansehen, dass das Wasser ihm Unbehagen machte. Ich kann nicht sagen, ob es neu für ihn war oder er eine schlechte Erfahrung gemacht hatte, aber es zog ihn zum Ball - doch sobald seine Pfoten das Wasser berührten, schreckte er zurück. Das Hin und Her sah fast wie ein Tanz aus. Das Mädchen sah es, schritt jedoch nicht ein.
Der Welpe fiepte und jaulte eine Weile. Doch dann sprang er in den See und wie von allein paddelte er - paddelte auf den Ball zu, schnappte ihn und kam zurück. Erst wedelte nur der Schwanz - dann der ganze Hund. Er schüttelte sich trocken und mich nass. Das Mädchen lobte ihn und hatte wohl meinen fragenden Blick bemerkt - "...er sollte von sich aus die Erfahrung machen, dass Wasser für ihn kein Hindernis ist". Der Welpe stand mit dem Ball im Maul vor dem Mädchen und schaute immer wieder auf den See. Diesmal warf das Mädchen den Ball bewusst ein paar Meter in den See. Und der Welpe sprang sofort hinterher. Er schien Gefallen daran gefunden zu haben.
Mir wurde in dem Moment bewusst, was der Welpe mich gelehrt und ich zu tun hatte. Am nächsten Wochenende besuchte ich eine Surfschule, sprach mit dem Trainer und schilderte ihm meinen Unfall. Wir erarbeiteten, wie es dazu gekommen sein konnte, und übten die schwierigeren Manöver, die ich lange vermieden hatte. Zu meinem Glück hatte der Trainer auch einige Erfahrungen in Mentaltraining aus seiner "aktiven" Surferzeit. So lernte ich Achtsamkeit, Vorsicht und Angst zu unterscheiden und mich auf das zu konzentrieren, was ich wollte - anstelle dessen, was ich nicht wollte. Bei meinem nächsten Urlaub war es dann soweit. Ich wollte wieder erleben, was mir Spaß machte und stieg auf das Board. Und dann sah ich sie ... meine Welle. Es war wie eine Einladung des Wassers und eine Versöhnung mit meiner Angst.

Steffen Zöhl ist Heilpraktiker für Psychotherapie (Gesprächstherapie, Hypnose, Integrative Psychotherapie, EMDR) und liebt es, Menschen zu motivieren und von sich selbst zu begeistern. Das Vertrauen zwischen Klient und Therapeut ist in seinen Augen der entscheidendste Erfolgsfaktor für eine Therapie. Mit seinen Klienten arbeit er gern an ihren Stärken, um Ängste, Blockaden und tieferliegende Themen aufzulösen. Humor, Tiefgründigkeit und Empathie helfen ihm insbesondere bei seinen Schwerpunktthemen: Ängste/Phobien, Stress, Motivation und diversen Beziehungsthemen (Paare, Selbstwert, Trauer, Teams [Konflikte, Motivation, Kommunikation]). Neben seiner therapeutischen Tätigkeit arbeit er auch als Coach, Dozent/Trainer, hält Vorträge, schreibt therapeutische Kurzgeschichten und gibt Seminare/Workshops.
Weitere Infos: derzuhoerer-berlin.de

Die therapeutische Geschichte "Die Welle" ist ein Buchauszug aus: Herzgeschichten für kleine Glücksmomente. Zum Entspannen und Nachdenken. Erhältlich bei Lehmanns Media, www.lehmanns.de, 11,95 Euro


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