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Stille ist unsere Heimat. Von Amoura Schneider-Ahmed


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Oft wächst gerade im Herbst und Winter unser Wunsch nach Stille. Selbst in der Natur wird es still und die frühe Dunkelheit tut ihr Übriges dazu. Wir sehnen uns nach Erholung vom Lärm in unserem Leben. Manchem geht es dabei nicht nur um den Lärm in der Umgebung, sondern auch um den Lärm in einem selbst. Je nachdem, mit welcher Absicht wir die Stille suchen, wünschen wir uns entweder einfach nur ein bisschen Ruhe, anhaltende Gelassenheit oder sogar eine tiefgreifend spirituelle Erfahrung. So oder so bedeutet Stille für uns Aufatmen, Entspannung und Kraft schöpfen. Wenn wir Stille erleben, erleben wir Frieden, Freude und - wenn wir einmal genau darauf achten - auch absolute Freiheit. Manche Menschen gehen in die Natur oder in eine Kirche um Stille zu erleben und manche Menschen ziehen sich allein zurück. Haben wir aber erst einmal entdeckt, welche Wohltat und Freude durch die Erfahrung von Stille entstehen kann, suchen wir diese immer öfter und haben die Möglichkeit uns immer tieferen Dimensionen zu öffnen.

Stille ist ein anderes Wort für Nichts
Landläufig wird Stille als die Abwesenheit von Geräuschen oder starken visuellen Reizen verstanden. Stille erleben wir müheloser, wenn uns nichts Hörbares oder Sichtbares ablenkt und in seinen Bann zieht. Eine ruhige Umgebung macht es uns leichter, Stille wahrzunehmen und zu erfahren. Ohne störende Geräusche und mit geschlossenen Augen sind wir schließlich nur noch mit unserem inneren Lärm konfrontiert. Innere "Geräusche" wie Körperempfindungen, Emotionen Bilder, Dialoge und Kommentare bleiben übrig. Dieses Ausschalten von Ablenkung, also überflüssigen und nicht relevanten Eindrücken, wird bei Achtsamkeitsübungen ebenso wie in der Meditation geübt. Die größte Herausforderung hierbei ist, den unablässigen Strom unserer Gedanken einfach sein zu lassen, ohne ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken. In der Arbeitswelt spricht man vom Flow, einem Zustand, der eintritt, wenn man vollkommen in seine Tätigkeit versunken ist: Stille kann uns also auch durchaus einfach nur so, ganz nebenbei passieren.
Es scheint vielfältige Stufen oder besser Variationen von Stille zu geben. Man kann sie bis zu einem gewissen Grad sogar erkunden und durchwandern. Allerdings ist selbst das Erkunden ebenso eine Art von Wahrnehmung, also im weitesten Sinne eine Art von Lärm. Wenn selbst dieses Erkunden in den Hintergrund tritt oder wegfällt, erfahren wir Nichts - oder besser gesagt: jegliche Erfahrung hört auf. Anders ausgedrückt: nichts ist mehr da, nichts existiert mehr, nur "ich" allein bin (übrig!). Nichts lenkt uns mehr ab - von uns selbst, unserem Selbst. Man könnte auch sagen: Wir sind vollkommen allein, weil nichts Anderes mehr wahrgenommen wird. Das ist Stille.

Stille ist immer
Wenn wir uns eine Weile mit Stille beschäftigen, sie erkundet und uns mit ihren verschiedenen Facetten vertraut gemacht haben, werden wir feststellen, dass wir uns gar nicht der Stille zuwenden müssen. Es bedarf gar keinen besonderen Bedingungen um ihr zu begegnen. Wir sehen, dass Stille zu jeder Zeit und an jedem Ort unabhängig von allen Umständen erfahrbar ist. Mussten wir zu Anfang noch darauf achten, einen äußeren Rahmen für innere Stille zu schaffen, wird uns nun bewusst, dass Stille immer ist. Sie ist der Urgrund und die Quelle jeglicher Wahrnehmung. Stille ist der Ursprung jeglicher Existenz. Selbst das, wofür wir uns bis jetzt gehalten haben, - das, wozu wir "ich" sagen, - taucht aus eben dieser Quelle auf.
Wenn wir dieses Erkennen - welches nur aus unserer eigenen Erfahrung resultieren kann - ernst nehmen, führt dies zu einem grundlegenden Wandel unserer Weltsicht. Die Welt kann für uns nicht länger das sein, was sie einmal war. Wir erkennen: Wenn wir als Person in dieser Stille erscheinen, muss zwangsläufig die ganze Welt aus ebendieser Quelle gemacht sein. Geben wir dieser Erkenntnis genügend Raum und sind wir mutig genug, das Erkannte voll und ganz anzunehmen, wird deutlich, dass die Welt, ebenso wie das, wofür wir uns bislang hielten, lediglich in dieser Stille erscheint. Wir stellen fest, dass Stille immer ist und dass es nichts anderes als Stille gibt. Stille ist das Einzige, was wirklich ist. Sie ist niemals gekommen noch kann sie jemals gehen. Stille ist unser Zuhause, der Urgrund aus dem alles entsteht. Die Welt und die Menschen, jedes Ich und jegliches Du steigt aus dieser Stille hervor und kehrt sogleich in die Stille zurück.

Stille ist, alles was ist
Stille ist absoluter Friede, absolute Freiheit und absolutes Sein. Niemand muss etwas tun um still zu sein, denn Stille ist unsere Essenz, Stille ist das, was wir sind.
Stille ist unser Ursprung und unsere Heimat. Wir können jederzeit zu diesem Ursprung zurückkehren. Dies kann jederzeit von jedermann überall überprüft werden. Der Obdachlose auf der Straße kann dies ebenso wie der reichste Mensch der Welt. Stille ist der Beweis: Wir sind alle gleich.
Was jeder Einzelne mit dieser Erkenntnis anfängt, bleibt jedem selbst überlassen. Wir können es bei einer vagen Erkenntnis belassen oder wir können beschließen, diese Erkenntnis zu leben. Wir können uns dazu entschließen, dieses Wissen zu stärken und in die Tat umzusetzen. Denn diese Erkenntnis bedeutet dass alles Eins ist, dass alles untrennbar miteinander verbunden ist und dass Unsicherheit, Angst, Gier und Neid auf einem großen Missverständnis basieren. Es bedeutet, dass jeder Einzelne es in der Hand hat, sein Leben in Freude und Freiheit zu leben, ohne irgendeinem Anderen etwas wegnehmen zu müssen. Wir sind alle das Gleiche. Die Stille, unsere Essenz, liegt jeder Existenz, also allem Sein zu Grunde. Niemand kann mehr Stille sein als jemand Anderes und niemand kann bessere, angesehenere oder klügere Stille sein. Alles ist Eins. Erscheinungen in einem großen Ganzen ohne Anfang und ohne Ende.
Und wenn man so will, schließt sich hiermit ein Kreis. Die dunkle Jahreszeit hat begonnen und wir steuern mehr oder weniger bewusst auf das höchste christliche Fest, den Ursprungs des Christentums zu. Die Natur unterstützt uns, indem sie ihre Außenreize reduziert, stiller zu werden und uns auf etwas Wesentliches zu besinnen. Sie macht es uns leichter nach innen zu schauen, damit wir entdecken können, dass es nur Einheit gibt. Wie einfach ist es dann, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst? Wie Jesus sagte: Ich und der Herr sind eins. Entdecken wir nun selbst: Es gibt nur Eins, es existiert nur Einheit und diese ist in ihrem Ursprung, in ihrer Quelle vollkommen still.
Stille ist unsere Heimat.

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