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Es werde still. Von Wolf Sugata Schneider


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© Birgit Reitz-Hofmann - Fotolia.com

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Wir mögen es, wenn es still wird. Gilt das für alle? Nein, es gibt Ausnahmen, aber die meisten von uns mögen die Stille. Jedenfalls alle, die irgendeiner spirituellen Praxis nachgehen, mögen es, wenn die Geräusche abebben, keine Worte mehr gesagt werden und es still wird. Darauf können wir uns einigen, immerhin darauf, trotz all der sonstigen Unterschiede zwischen uns. In einer lärmenden Welt ist Stille für uns Erholung und bedeutet ein Ankommen bei uns selbst.

Leere
Mögen wir auch die Leere, die Schwester der Stille? Die Leerstellen in einem Raum, aus dem alles Unnötige, Überflüssige entfernt wurde? Atmen wir auf bei einem Kalender, der nicht zugestopft ist, sondern Freiräume enthält? Auch darauf können wir Zuvielisierte uns recht gut einigen, und so ist das Reduzieren aufs Wesentliche für uns süchtige Konsumenten einer auf Wachstum basierenden Wirtschaft eine wichtige spirituelle Praxis geworden. Wir prüfen unsere Wohnung, den Kleiderschrank, die Abstellkammern und unseren Kalender auf Verzichtbares. An unseren Briefkasten schreiben wir "Bitte keine Werbung einwerfen!", unsere Mailbox statten wir mit einem Spam-Filter aus und kündigen alle Newsletter, die wir nicht wirklich brauchen.

Formen
Stille und Leere ist der Raum hinter den Formen und Gestalten. Es ist der Ort, woher wir kommen und wohin wir wieder zurückkehren, vielleicht so wie eine wischbare Tafel oder ein leerer Bildschirm, auf die man etwas schreibt oder zeichnet, das dann wieder verschwindet. Permanent Marker gibt es im richtigen Leben nicht, keine unserer Markierungen und Gestalten ist vor dem Zerfall sicher.
Wie können wir beide, du und ich, die doch im Leben verschiedene Gestalten angenommen haben, in denen wir uns beheimaten, darunter insbesondere unsere Körper, wie können wir so Verschiedene uns auf gemeinsame Formen einigen? Im gesellschaftlichen Leben müssen sich Menschen, die friedlich zusammenleben wollen, auf ein Grundgesetz einigen. Das Juristische genügt aber nicht. Die Zerrissenheit der EU und anderer Organisationen zeigt, dass wir uns auch auf ein paar Grundmuster des Zusammenlebens einigen müssen, mehr als nur auf eine Fahne, Hymne und Grundzüge einer Weltanschaung, die sich sprachlich ausdrücken lässt - wir brauchen gemeinsame Formen.
Das gilt auch fürs Private. Jede Art von Gemeinschaft, von Homo sapiens auf Planet Erde über die Nation oder Ethnie bis hin zur Paarbeziehung, muss sich auf gemeinsame Formen einigen. Solche Einigungen sind manchmal schwer zu erringen. Wer sich nicht versklaven lassen will, hat damit lebenslang zu tun und muss lernen, Kompromisse einzugehen. Aber es gibt einen Ausweg: Von all den Formen und Gestalten, den Tönen und Begriffen unserer Sprachen können wir immer wieder in die Stille zurückkehren, die Leere, den Hintergrund oder Urgrund, aus dem alles entspringt. Die Stille umarmt alle Töne und nimmt sie in sich auf wie eine Mutter ihre Kinder; die Leere umarmt alle Formen, sie sind in ihr enthalten. Meditation ist eine Praxis, die dieses Einsinken übt.

Das Herzsutra
Wer warst du vor deiner Geburt? Aus dem Gestaltlosen entstehen die Gestalten und kehren dorthin zurück, das ist der Lauf der Welt. Deshalb heißt es im Herzsutra, dem wichtigsten Text des Mahayana-Buddhismus, "Form ist nichts anderes als Leere, und Leere ist nichts anderes als Form."
Wenn die "kreative Zerstörung" wirtschaftlicher Umwälzungen Neues schafft, ist das ein Stirb-und-Werde-Prozess, in dem Tod und Leben einander abwechseln, so wie in den Kreisläufen der Natur. Im Falle der Zerstörungsprozesse des Kapitalismus in seinem Endstadium können diese allerdings den Schoß zerstören, dem sie einst entsprungen sind. Eine Erneuerung, die das Leben reduziert, es eventuell sogar als Ganzes zerstört? Auch das ist möglich.

Wenn da nichts ist
Ohne Stille wäre das Hörbare nur ein Klangteppich, Lärm oder ein Kontinuum an Rauschen. Meditationen beginnen und beenden wir deshalb gerne mit Klangschalen, sie weisen sanft den Weg in in die tonlose Stille: Das Verebben ihres Klangs führt uns unaufdringlich allmählich ins Nichts. Ist er noch da, der Ton, oder schon verschwunden? Lauschend verschwinden wir mit.
Stille ist der sinnlich hörbare Aspekt der Leere. Die Leere - im Sankskrit Shunyata genannt - ist in der indischen Philosophie ein Ausdruck für die höchste Einsicht in die Natur der Wirklichkeit und das mystische Verschmelzen der Ich-Identität mit dem Ganzen, das mit dieser Einsicht einhergeht.
Auf Deutsch bedeutet Leere einfach, dass dort, wo etwas sein könnte, nichts ist. Es zeigt einen Raum auf, eine Möglichkeit. In einen vollen Raum kann man nichts hineintun, das gilt auch für das Akustische: Nur wo es still genug ist, kann man etwas hören - Geräusche, Worte, Stimmen, Musik - in einer lärmenden Umgebung sind keine wertvollen akustischen Informationen erkennbar.

Transparenz
Der Sanskrit-Begriff Shunyata wird neuerdings manchmal auch als Interdependenz oder Transparenz übersetzt. Buddhas Kernaussage, dass das Selbst (Atman) "leer" sei, erhält dann eine neue Bedeutung: Dein oder mein Selbst ist nicht etwa leer im Sinne von "gar nicht vorhanden", sondern du und ich, wir sind vielfältig abhängig. Wenn diese Interdependenz voneinander erkannt wird und die auf uns wirkenden Kräfte durch uns hindurchscheinen, dann ist das die höchste Einsicht, zu der Selbsterkenntnis führen kann.

Der Horror vacui
Vielleicht meiden wir Menschen manchmal die Stille und haben sogar Angst davor, ebenso wie vor der Leere, weil der Horror vacui uns ergriffen hat. Wir stopfen unsere Räume mit Dingen zu, die wir nicht brauchen und reden nur, um sozial gesehen und gesellschaftlich mit dabei zu sein. Wenn "keiner was sagt", das würde uns bedrücken. Der Horror vacui, die Angst vor der Leere ist das, was die antiken Philosophen als Grund annahmen, warum es in der Natur kein Vakuum gäbe - erst im 17. Jahrhundert schaffte man es, ein Vakuum herzustellen. Den Horror vacui gibt es übrigens auch in der bildenden Kunst - dort ist es eine Stilrichtung, bei der jeder Teil der Leinwand mit irgendeiner Form gefüllt wird - ganz anders als etwa in der Kunst der Tang-Dynastie in China, bei der die Leerräume das Wesentliche und Zentrale des Bildes zu sein scheinen.

Schweigen
Als ich im Spätherbst 1977 nach mehr als zwei Jahren in Asien, geprägt von meinen Erfahrungen in buddhistischen Klöstern und im Ashram in Poona, nach Deutschland zurückkehrte und die Menschen besuchte, mit denen ich aufgewachsen war, wusste ich nach endlos scheinenden Stunden der Gespräche nicht mehr, wie ich das alles erklären sollte, was ich in Asien erlebt hatte - und schwieg einfach. Das versetzte einige so sehr in Panik, dass ich das Schweigen nach ein paar Minuten wieder abbrach. Für sie war es Folter, für mich Erholung. Wenn in einem Gespräch Pausen als peinlich empfunden werden, erinnert mich das an die damals erlebte Panik; meist gebe ich dann nach und sage einfach irgendetwas. Obwohl das Schweigen doch so viel schöner ist.

Rückzug
Im Jahresrhythmus sind bei uns auf der Nordhalbkugel die dunklen Monate auch die stilleren. Da zieht sich das Leben in der Natur zurück, je nördlicher, umso mehr. Die Bäume haben ihre Blätter fallen gelassen und einige Tiere sind im Winterschlaf. Wir verbringen stille Stunden in geheizten Räumen, zünden Kerzen an, feiern die Wintersonnenwende und das Weihnachtsfest und haben dann in der Zeit der Rauhnächte, im zeitlosen Raum "zwischen den Jahren", hoffentlich etwas mehr Muße. Still zu sein tut so gut!

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Blog: www.connection.de


Kontakt: schneider@connection.de
web: http://www.connection.de.