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Sinnliche Berührung als Heilmethode. Von Katrin Laux


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"Da drüben bei den Wäldern,
Olivenbäume steh'n.
Da gibt's ein kleines Kloster,
zu dem die Mädchen geh'n."

(Volkslied aus der Balkan-Region)

Magdalena blieb stehen, stemmte ihre Arme in die schmerzenden Hüften und blickte auf die Hügel, die vor ihr lagen. Einige Frauen im Dorf hatten ihr zugeraten, zum Kloster zu gehen, nachdem alle Medizin versagt hatte. Letztlich überwog der Schmerz, und sie machte sich auf den Weg.
Das Kloster schmiegte sich direkt neben einem Wasserfall an den Berg. Ihm zu Füßen lag ein See, in den sich das sprudelnde Element mit beeindruckender Entschlossenheit hineinstürzte. Im Garten arbeiteten einige Mönche. Niemand schien sie zu bemerken, als sie mit klopfendem Herzen an den Beeten mit Gemüse und Kräutern vorüberging. Der Weg mündete in einen Innenhof. Magdalena ließ sich auf einer Bank nieder, die rund aus der Wand hervorkam und mit weichem Fell bedeckt war. Sie strich mit der Hand darüber und fühlte Melchiors Brusthaar in ihrer Erinnerung. Seit ihr Mann vor zwei Jahren gestorben war, hatte Schwermut ihr Leben durchtränkt und Schmerzen plagten sie. "Die Mönche machen dich gesund", hatte ihre älteste Schwester schmunzelnd versprochen, und die Kinder zu sich genommen.
"Willkommen!" Der kleine rundliche Mönch trat lächelnd auf sie zu, verneigte sich und meinte, es sei eine Ehre für das Kloster, sie zu begrüßen. Sie folgte ihm, nachdem er ihr Bündel aufgenommen hatte. Jedes Zimmer hatte eine andere Form und befand sich auf einer anderen Ebene. Etwa in der Mitte der Anlage lag der geräumige Gebetsraum. Die Kuppel war nach oben offen und mündete in den Himmel. Der Boden war mit Fellen und bunten Decken ausgelegt und ein Duft von Salbei und Lavendel hing in der Luft. In einer der Nischen lag jemand und schnarchte. "Das ist Madteos, ein Bauer aus dem Nachbardorf", flüsterte der Mönch, "er ist krank."
Dann führte er Magdalena in ihr Zimmer. Von hier aus schaute sie direkt auf den Wasserfall. Ein anderer Mönch namens Sakar brachte ihr eine Schüssel mit Gemüse und Reis. Später lud er sie zu einem Spaziergang ein und bereitete sie auf die kommenden Tage vor. Seltsam erregt und vertraut zugleich fand sie sich am Abend im Gebetsraum ein, den alle den Tempel nannten. Madteos und sie wurden auf Felle gebettet und bekamen ein bitteres Gebräu zu trinken. Ein Konzert mit Instrumenten begann, von denen Magdalena noch nie zuvor gehört hatte. Doppelflöten, eine Art Leier aus einem Schildkrötenpanzer mit Hörnern sowie Rasseln und Trommeln vermengten sich zu einem schrillen unmelodischen Lärm. Der Raum hüllte sich allmählich in dichten Rauch aus Weihrauch, Myrrhe, Bilsenkraut. Wellen begannen Magdalenas Körper zu bewegen, sie fand sich neben Ameisen im Gras wieder, auf dem Rücken der Wildgänse und sah die blaue Erde mit den Augen des Mondes. Noch wunderbarer war, dass die Welt zu einem Einzigen zusammenschmolz. Ein Gefühl, das sie beben ließ und zugleich völlig entspannte.
Am nächsten Morgen fühlte sie sich kraftvoll und klar. Sie hatte hinter den Schleier geblickt - jetzt konnte sie nichts mehr verunsichern. Sie war bereit. Nach dem Frühstück bat Tavit darum, ihr Begleiter für die nächsten Tage sein zu dürfen. Der Mönch war groß, seine Augen lächelten und seine Hände konnten Magdalena tragen. Die Begegnungen fanden im Tempelraum statt, den Tavit jedes Mal anders gestaltete. Gegen Abend bekam Magdalena eine Massage, die Stunden dauerte und ihr tiefstes Inneres anrührte. Sie empfing Bilder, die nicht in ihr Leben passten und doch zu ihr gehörten, in die Ahnenkette ihrer Mütter, der Heldinnen. Die halbe Nacht weinte sie, und Tavit saß bei ihr. Am Morgen alberten sie und badeten im Wasserfall. Am Abend überkam sie die Lust auf Berührung und sie ließ zu, was immer in ihr gefühlt werden wollte. Magdalena brauchte fünf Tage und Nächte, bis sie vollständig satt war. Fünf Nächte, in denen Tavit alle verwirrten Energien in ihr aufsammelte und sie verwandelte. Die Mönche hatten gelernt zu dienen, und zwar in erster Linie mit dem, was sie in Fülle hatten: mit ihrer Männlichkeit.
Nach fünf Tagen wusste Magdalena, dass es jetzt Zeit war heimzukehren. Keine Sehnsucht, keinerlei Schmerz mehr, nur das pure Ja zum Leben, was sie mitnahm in ihr Dorf, zu ihren Schwestern, Brüdern und Kindern.


Ich bin mir sicher, dass andere Kulturen in anderen Zeiten um die Kraft der Sexualität in allen Facetten wussten und sie für Heilung nutzten. Die Geschichte ist eine Überlieferung, die mir halb erzählt, halb angedeutet wurde. Sie entspricht den Erfahrungen, die wir mit sinnlichen Massagen und deren Heilkraft machen durften. Dabei meinen wir sowohl erotische als auch tantrische Massagen, und speziell die sinnliche Heilmassage AnuKan. Eine Massage, die Sinnlichkeit und Sexualität beinhaltet, ist immer ein komplexes Geschehen. Worin besteht deren Heilkraft? Wir konnten sieben Kategorien ausmachen, von denen hier jeweils nur ein Beispiel genannt sei:
1. Körperliche Vorgänge: Stress gilt als wesentlichste Krankheitsursache. Im angespannten Zustand schüttet der Körper Botenstoffe aus, die auf Angriff oder Flucht vorbereiten - in solchen Zeiten können Selbstheilungskräfte nicht wirken. Eine Massage regt außerdem das Lymphsystem an, vermehrt Gifte und Schlacken auszuscheiden, der Blutdruck normalisiert sich, der Säurespiegel wird gesenkt.
2. Sexualität: Auch im Gewebe des Intimbereiches sind Informationen gespeichert aus emotionalem Stress oder traumatischen Erlebnissen, mit denen wir alle zu tun hatten - bedingt durch eine sexuelle Kultur, die den natürlichen Bedürfnissen kaum Rechnung trägt. Werden diese Blockaden durch (Intim-) Massage gelöst, kann die Lebensenergie wieder frei fließen.
3. Persönlichkeit: Ein authentisches Gegenüber, vor allem bei "heiklen", schambesetzten Themen, gilt in der Psychotherapie als eine der Basisvariablen für heilendes Geschehen. Die Referenzerfahrung für wertschätzenden Umgang mit der eigenen Sexualität und auch für die Wahrung von Grenzen schafft neue Paradigmen. Klienten gewinnen an Selbstliebe und Selbstachtung.
4. Raum: Die Strukturen und Energien von Räumen können einen Kraftort darstellen oder tatsächlich krank machen. Wenn wir unsere Räume - innen wie außen - pflegen und ein hohes Energieniveau bereitstellen, trägt das erheblich zu Heilung bei.
5. Kommunikation: Von Sinnes-MasseurInnen fühlen sich Klienten oft mehr akzeptiert und verstanden als von Psychotherapeuten, wenn es um das zentrale Thema der eigenen Sexualität geht. Durch eine klare Kommunikation, frei von doppelten Botschaften oder versteckten Erwartungen, können die Klienten außerdem auf sanfte Weise lernen, Wünsche zu äußern oder Grenzen zu kommunizieren.
6. Sinne - Sinn: Der Körper bietet den idealen Zugang zur Gegenwärtigkeit. In ihr verankert zu sein stärkt die Intuition. Achtsamkeit - das bewusste Wahrnehmen über die Sinne - erhöht Konzentration und Merkfähigkeit. Den Kontakt zu unserem Unterbewusstsein brauchen wir für einen neuen Fokus, also für gewünschte Veränderungen im Leben.
7. Spiritualität: Sprachgeschichtlich bedeutet Heilung Ganzwerden, auch das Heilige ist mit dem Wort verknüpft. Wenn wir die Ebenen von Körper, Geist und Seele als zusammengehörig betrachten, darf eine neue, bewusste Form von Sexualität nicht fehlen. Die Inszenierung einer sinnlichen Massage weckt Seelenbilder, die wiederum das innere Heilwissen erwecken.

Erstaunlich ist, dass die Heilwirkungen auch auftreten, wenn der Fokus überhaupt nicht darauf liegt - die Massagegäste kommen in erster Linie mit einer "Wellnessabsicht". Wie effektiv könnten sinnliche Massagen wirklich sein, wenn zum einen die Erwartung der Klienten die Wirkungen verstärkte (Placebo-Effekt), zum anderen weitere Forschung mehr Anerkennung bringen würde. Es ist an der Zeit, dass diese Art der Behandlung endlich ihren Platz findet im Reigen der alternativen bzw. komplementären Heilmethoden.

Die Autorin Katrin Laux ist Inhaberin mehrerer Massagestudios und des "Zentrums für Berührungskunst" in Dresden,
außerdem Autorin des Buches "AnuKan - sinnlich berühren" sowie Leiterin des AnuKan-Massage-Jahrestrainings.
Weitere Informationen unter www.anukan.de