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Ich bin sehr berührt. Von Wolf Sugata Schneider


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Treffen sich zwei Therapeuten. Sagt der eine: "Dir geht's ja gut - und wie geht es mir?" Den anderen erkennt man halt immer besser als sich selbst.
Treffen sich zwei Spiris - jetzt sind wir mal gutgläubig - dann betreiben sie Innenschau, sie kennen sich selbst also recht gut. Aber auch da ist die Diagnose nicht leicht, denn wenn man sie fragt, sagen sie: "Ich bin gerade im Prozess". Was für ein Prozess denn? "Es ist sehr intensiv", fügen sie dann vielleicht noch hinzu, oder sie sagen: "Ich bin sehr berührt!" Von was denn, was hat dich denn da berührt? "Oh… alles, das ganze Leben."
Wir offenen, feinfühligen Menschen - die Leser der KGS Berlin - wir sind eigentlich immer sehr berührt. Wer würde denn verschlossen, hartherzig, gepanzert sein wollen, nein, wir sind offenherzig und damit auch sehr verletzlich. Auch wenn's mal weh tut, sind wir offen oder halten uns wenigstens für offen, obwohl wir doch oft genau so dickköpfig sind wie die Normalos, denen wir uns in Sachen Feinfühligkeit und noch vielem anderen überlegen fühlen. Berührt zu sein ist für uns voll cool und total angesagt. Besser, ab und zu auch mal einen Schmerz zu empfinden als gar nichts.
Ist Berührt-zu-sein bloß eine Modeerscheinung, die in den spirituellen und therapeutischen Szenen gerade Konjunktur hat, als Antwort auf die Steifheit, Verschlossenheit und Heuchelei der Normalos? Die spirituelle Subkultur als seelische Kuschelszone und feinstofflich-romantische Antwort auf die Kälte unserer technisierten, von Geld, Macht und Image dominierten materialistischen Welt?

"Auch das bin ich"
Was ist das Feinstoffliche überhaupt, das Herz und die Seele, das Geistige, sind das alles nur unscharf definierte Varianten desselben? Wenn wir gut drauf sind, nennen wir es "Herz" oder "höheres Selbst", andernfalls ist es das Ego oder "the mind"? Nach über vierzig Jahren der Beschäftigung mit dem Nicht-Materiellen, erst als Philosoph an der Uni, dann als Meditierer, dann 30 Jahre lang Herausgeber einer spirituellen Zeitschrift, bin ich geneigt, diesen ganzen Bereich als das Geistige (manchmal sind alte Begriffe doch auch nicht schlecht) zusammenzufassen und zu behaupten, es habe mit der Lenkbarkeit unserer Aufmerksamkeit zu tun ("the energy is where the attention is") und mit unserer Neigung, uns mit dem zu identifizieren, worauf wir diese Aufmerksamkeit richten ("tat twam asi - auch das bin ich"). Oder uns damit zu "anti-identifizieren", wie beim Projizieren abgelehnter innerer Anteile auf andere Menschen oder Objekte, mit denen wir uns dann befremden oder befeinden.

Der Grundirrtum
So gesehen fühlen wir uns natürlich immer berührt, von allem und von jedem. Außer von dem, was wir durch unsere Wahrnehmungsfilter ausblenden, oder was wir, wenn es uns trotz dieser Filter doch erreicht, verdrängen, weil wir es seelisch nicht ertragen können. Was nach dieser Zensur in unserem Bewusstsein noch übrig bleibt, davon "sind wir berührt", und das ist gut so, denn dadurch spüren wir unsere Verbundenheit. Wir sind ja nicht separat, abgetrennt, isoliert, sondern seelisch wie körperlich "im Fluss", von allem beeinflusst. Insofern wir uns für abgetrennt halten, irren wir grundsätzlich, das wäre keine gute Basis für Entscheidungen. Ein solcher Grundirrtum hätte viele weitere, darauf aufbauende Irrtümer zur Folge: Was dir passiert, geht mich nichts an; damit habe ich nichts zu tun; wir gehören nicht zusammen; und so weiter.

Was kommt nach der Vereinigung?
Es gibt aber auch ein Zuviel an Berührtheit, so wie es ein Zuviel an Offenheit gibt. Der Zen-Lehrer und Begründer der Initiatischen Therapie Karlfried Graf Dürckheim sagte dazu einst: "Sei offen - aber nicht so offen, dass es reinregnet." Wir müssen uns auch abgrenzen können. Wir sollten nicht nur Grenzen überwinden - transzendieren - sondern auch Grenzen setzen. Das Einzelne muss sich in der Vielfalt behaupten, das Besondere im Beliebigen, das Ich im Grenzenlosen. Der Tropfen im Ozean darf seine Individualität zeigen, manchmal muss er sie sogar hervorkehren, sich profilieren. Das ist die die höhere Kunst. Sie kommt nach dem Satori, nach der mystischen Verschmelzung, dem Einswerden mit dem Universum. Dann heißt es: Wäsche waschen, Mails abrufen und den Kindern das Mittagessen machen. Nach der Vereinigung kommt wieder die Trennung: Ich bin ich, und du bist du.

Der Körper als Tempel der Seele
Die beste Art, das kleine Ich als einzigartiges Individuum mit dem Ganzen der Welt in Einklang zu bringen, ist immer noch der Körper, denn durch ihn erfahren wir die Welt. Wir sehen, hören, spüren, riechen und schmecken die Welt durch unseren Körper, er ist unser Wahrnehmungsinstrument. Ohne ihn könnten wir die Welt nicht erfahren und auch das Heilige nicht; er ist unser Tempel, der sakrale Ort, durch den wir uns selbst und alles darüber Hinausgehende erfahren. Ergriffenheit, die Gnade das Daseins, den heiligen Schauder, Ehrfurcht, Dankbarkeit, Glück, Liebe, alles das erfahren wir durch unseren Körper - und auch alles das, was diese Gefühle behindert. Können wir "den Körper verlassen" schon vor dem Tod? Ja, auch wenn das im erweiterten Sinne eine körperliche Erfahrung ist. Jedenfalls ist es besser, den Körper zu bewohnen als ihn zu verlassen. Es ist besser "inkarniert" (von lat. carne, Fleisch) zu sein, als sich darin unbehaust zu fühlen. Nur über den Körper können wir die Seele erreichen, deshalb ist es gut den Körper zu achten. Ihn gut zu ernähren und zu bewegen, zu liebkosen und gesund zu halten, er ist es wert. Wir brauchen ihn, ohne ihn geht nichts, er ist unser heiliger Tempel.

Massage und Achtsamkeit
Um körperliche Berührung zu üben, können wir Massagetechniken erlernen. Anatomische Kenntnisse sind dabei hilfreich, sogar notwendig, aber nicht ausreichend. Die Berührung muss auch eingeübt und situationsadäquat sensibel dosiert werden. Und sie muss achtsam geschehen, das ist sogar noch wichtiger als das Üben und die anatomischen und methodischen Kenntnisse. Wach, präsent, achtsam berührt zu werden ist für Empfänger wie Gebende eine Wohltat, eine Ehre und Verehrung des Heiligen auf beiden Seiten. Sie kann Lust erzeugen und Entspannung bewirken, beides ist heilsam, und oft ist Schweigen dabei das Beste.

Die Berührung der Seele
Können wir die Seele ebenso berühren wie den Körper? Wenn ja, brauchen wir dafür dann ebenso viel Schulung wie für die Berührung des Körpers? Ein Studium der Anatomie der Seele und dann das Üben, diesmal vielleicht mit Worten? Die individuelle Persönlichkeit oder Seele eines Menschen kann vielleicht in ähnlicher Weise mit Worten berührt werden wie die Hände eines Masseurs oder Liebenden den Körper berühren. Und auch dabei kann die Einzigartigkeit des individuellen Wesens geehrt werden ebenso wie das Überindividuelle, Transpersonale.
Das Einzigartige und das allen Gleiche gehören zusammen, wir sollten uns nicht nur für eines entscheiden. Wir brauchen beides, es darf nicht getrennt werden, so wenig wie Himmel und Erde getrennt werden dürfen und ein profanes Leben ohne das Heilige unmöglich ist - das Heilige (Ganze) trägt und enthält das Profane auch bei denen, die das nicht wissen. Wir sind einzigartig, unverwechselbar und dabei doch Menschen wie alle. Wir sind Lebewesen, die Wasser, Luft und Erde (in Form von Nahrung und einem Boden zum Tanzen) brauchen; und auch das Feuer der Leidenschaft und menschlichen Wärme brauchen wir, um zu berühren und berührt zu werden, zu lieben und geliebt zu werden.

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52.
Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection.
Blog: www.connection.de


Kontakt: schneider@connection.de
web: http://www.connection.de