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Ausgabe Oktober 2017
Das Glück muss aus uns selber kommen! Von Jochen Meyer

Wie du mehr Glück und Zufriedenheit in deine Beziehung bringst

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Wenn du längere Zeit in einer relativ stabilen und harmonischen Beziehung lebst, dann hast du dich wahrscheinlich an diesen Zustand gewöhnt. Du erlebst deine Beziehung als festen Bestandteil deines Lebens. Dein Partner gehört zu dir und das gibt dir Halt. Vielleicht gehst du davon aus, dass dies immer so bleibt? Das würde ich an deiner Stelle lieber nicht tun. Jederzeit kann etwas passieren, das alles verändert und dich als Partner auf die Probe stellt. In meinen Paar-Coachings erlebe ich das oft: Gerät ihre Beziehung in eine Krise, sind beide Partner schnell voneinander enttäuscht. Die Beziehung fühlt sich nicht mehr spannend an. Vom Partner kommt nicht mehr so viel. Probleme nehmen immer mehr Raum ein. Ja, es ist manchmal sogar richtig anstrengend miteinander! Wer aber sagt, dass eine Beziehung sich immer frisch und aufregend anfühlen muss? Wer sagt, dass es uns als Paar immerzu gut gehen muss? Vor allem, wenn du selbst gerade nicht imstande bist, für Frische und Aufregung zu sorgen? Oder wenn ihr dies gerade beide nicht könnt? Was machst du, wenn dein Partner seinen Job verliert? Was, wenn euer Kind ernsthaft krank wird? Was machst du, wenn ein völlig anderes Lebensthema deine ganze Aufmerksamkeit verlangt und es auf einmal nicht mehr um deine Beziehung geht? Erwartest du dann auch von ihr, dass sie frisch und aufregend sein soll?

Wie wir uns durch übertriebene Erwartungen um unser Glück bringen
Liebesbeziehungen sollen unsere tiefsten Sehnsüchte erfüllen und eine Vielzahl von Bedürfnissen abdecken. Sie sollen uns Halt geben und uns gleichzeitig inspirieren. Unsere Partner sollen uns gut finden, so wie wir sind, und uns gleichzeitig genau die Impulse zu unserem Wachstum geben, die wir brauchen. Sie sollen möglichst optimal auf uns eingehen, aber nur soviel von uns erwarten, wie wir auch geben können. Sie sollen uns begehren und sexy finden und gleichzeitig auch noch Ja zu unseren Macken sagen. Vielleicht ahnst du: Wenn du all das für deinen Partner sein willst, müsstest du ein ziemlicher Übermensch sein. Und wenn du all das von deinem Partner bekommen möchtest, überforderst du ihn und gibst ihm keine Chance, dich glücklich zu machen. Deswegen sage ich zu Paaren, die zu mir ins Coaching kommen: Beziehungen sind nicht dazu da, uns glücklich zu machen. Wir selbst sind dazu da, uns und andere glücklich zu machen. Und ich füge hinzu: Das Glück muss aus uns kommen, nicht aus unseren Beziehungen.
Statt Glück kannst du auch sagen: Zufriedenheit. Wenn du nicht gelernt hast, mit dir und deinem Leben einigermaßen zufrieden zu sein, wird dich kein noch so toller Partner zufrieden machen. Wenn du mit dir nicht im Großen und Ganzen ins Reine gekommen bist, dann lebst du im Unfrieden mit dir. Dann kann dich niemand glücklich machen - du hast den Boden dafür in deinem Inneren noch nicht bereitet. Erkennst du, wie unlogisch das ist: Du lehnst bestimmte Seiten an dir ab, möchtest aber, dass dich dein Partner so liebt, wie du bist. Du machst dich durch dein selbstkritisches Verhalten unglücklich, aber dein Partner soll dich glücklich machen und dir genau das geben, was du dir selbst verweigerst. Das ist nicht nur unlogisch, sondern unrealistisch! Solange du an der Idee festhältst, andere sollten dich glücklich machen, vergrößerst du nur dein Unglück. Also hör auf damit!

Wenn das Leben dich als Partner auf die Probe stellt
Stell dir einmal vor, du lebst in einer glücklichen Beziehung, dein Partner kümmert sich liebevoll um dich, alles ist gut. Auf einmal wird dein Partner ernsthaft krank und es ist fraglich, ob er jemals wieder gesund wird. Dir wird klar: Dein Partner hat jetzt andere Probleme, er kann dir nicht mehr die Zuwendung geben, die du bisher von ihm bekommen hast. Was machst du nun? Klagst du ihn dafür an, dass er krank geworden ist? Versuchst du, jetzt noch schnell so viel Liebe wie möglich von ihm zu bekommen, solange es noch irgendwie geht? Oder fängst du an, deine Erwartungen an deine Beziehung und an deinen Partner zu ändern?
Vielleicht denkst du ja auch: Jetzt geht es nicht mehr darum, dass dein Partner für dich da ist - jetzt geht es vor allem darum, dass du für ihn da bist. Vielleicht realisierst du jetzt: Deine Idee, dass dein Partner oder deine Beziehung dazu da ist, deine tiefsten Sehnsüchte und elementarsten Bedürfnisse zu erfüllen, kann von einem Moment zum anderen unerheblich werden. Willst du in einer Situation wie dieser fähig sein, deinem Partner liebevoll zur Seite zu stehen, dann musst du die Quelle für deine Zufriedenheit in dir selber finden. Denn von nun an geht es nicht mehr um die Frage, wieviel Halt dein Partner dir gibt, sondern darum, wieviel Halt du ihm geben kannst. Jetzt sind innere Stärke und echte Autonomie gefragt, nicht emotionale Bedürftigkeit und überzogenes Anspruchsdenken.

Freundschaft als Basis für eine stabile Partnerschaft
Ich selbst erlebe es als Gewinn, wenn ich meine Bedürfnisse in meiner Beziehung zurückstelle und bewusst auf ihre Erfüllung verzichte. Wenn ich akzeptiere, dass andere Themen gerade mehr Aufmerksamkeit brauchen und ich meine Ansprüche an meine Partnerin herunterschraube, erlebe ich dies als Stärke und nicht als Schwäche. Es gibt immer wieder Zeiten, in denen unsere Beziehung aufgrund äußerer Belastungen zu kurz kommt. Sie fühlt sich dann eher wie eine Freundschaft an und nicht wie eine aufregende Liebesbeziehung. Anfangs hat mich das eine Weile irritiert; mittlerweile weiß ich aber, dass dieses freundschaftliche Verbundensein eine solide Basis für unsere Partnerschaft darstellt. Ich finde es beruhigend zu wissen, dass ich von einer Beziehung und auch von meiner Partnerin gar nicht so viel brauche, wie ich früher dachte. Im Gegenteil! Oft ist das Leben so anstrengend und so herausfordernd, da muss es die Beziehung nicht auch noch sein. Da ist es gut, wenn wir mit dem zufrieden sein können, was gerade möglich ist. Da ist es gut, wenn wir einander nicht brauchen, um uns emotional genährt zu fühlen. Dann genügt es völlig, wenn wir als Paar funktionieren, unseren Alltag meistern und die Beziehung im Stand-by-Modus weiterlaufen kann. Ich sage nicht, dass es leicht ist, meine Erwartungen loszulassen, auf so manches dringend Ersehnte zu verzichten. Ich muss dafür immer wieder an mir arbeiten und schauen, dass ich gut mit mir verbunden bin. Mit mir und dem großen Ganzen - denn wenn es mir und uns als Paar gelingt, im Kleinen weitgehend harmonisch miteinander zu leben, dann strahlen wir das auch auf unser Umfeld aus. "Möchtest du für deine Mitmenschen eine Quelle der Freude sein oder ein Energieräuber?" Mit dieser Frage bringe ich mich wieder auf Kurs, wenn mein Ego meint, es sei mal wieder zu kurz gekommen. Mir hilft diese Frage sehr. Und natürlich auch die Erfahrung, dass nach Zeiten, die sich wie harte Prüfungen anfühlen, unsere Liebe tiefer geworden ist und Freude und Leichtigkeit wie von selbst wieder zurückkehren.

Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und -Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.
Mehr unter www.jochen-meyer-coaching.de


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