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Der Ruf der Trommel von Anja Anyu Gundelach

Wie Trommelklänge die Heilung fördern

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© Игор Чусь - Fotolia.com

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Die Trommel ist ein mächtiges Instrument der Heilung. Ihre Rhythmen und Klänge berühren uns tief in unserem Inneren und tragen uns in die Trance. Die Autorin beschreibt, wie sie anhand eines Begräbnisses bei den First Nations in Utah, USA, herausfand, wonach sie sich sehnt und sucht.

Als unerwartet der Bruder des Schamanen meiner Schamanin starb, setzten wir uns ins Auto und fuhren zu seinem Begräbnis ins Reservat der Ute-Indianer.
Kurz bevor wir ankamen, warnte mich meine Schamanin: "Mach auf keinen Fall Fotos und versuch nicht, etwas von dir zu verbergen. Die Leute hier sehen sowieso alles, was du bist." Ihre Worte erstaunten mich sehr. Gut, keine Fotos. Aber waren sie etwa alle miteinander so hellseherisch begabt, dass sie in mich hineinsehen konnten? Ich konnte mir das nicht vorstellen. Ein klein wenig fühlte ich mich allerdings ertappt, denn ich hatte ja mein Profi-Aufnahmegerät mit eingepackt. Das sollte ich wohl lieber gleich im Auto lassen.
Wir erreichten die kleine Gemeindehalle der Utes in der staubigen Mittagshitze. Meine Schamanin wurde freudig von ihren Freunden aus jungen Jahren begrüßt. Mich behandelten die Utes mit vollkommener Gleichgültigkeit. Ich war ihnen offenbar nicht einmal ihres allumfassenden Blickes würdig.
Die Trauerfeier war anders als die, die ich aus Europa kannte. In der länglichen Halle mit Wellblechdach stand hinten ein Tisch mit Getränken und vorne ein Tisch mit der Asche des Verstorbenen in einer verzierten Holzschachtel neben seinen Lieblingsgegenständen. Das Arrangement machte den Eindruck, als sei der Tote immer noch anwesend, nur in anderer Form. Auf weißbetuchten Biertischen lagen Farbkopien von Fotos aus seinem Leben, begleitet von dem humorvollen Bericht über seinen größten Kinderstreich und einem Gedicht, beide aus der Feder des Bruders.
Nach einer kurzen Eröffnungsrede kamen zwölf stattliche, barhäuptige junge Männer in die Halle. Sie stellten sich um eine große Powwow-Trommel neben dem Tisch, die bis zu ihren Hüften reichte. Mit langen Schlägeln und viel Körpereinsatz schlugen die Männer rhythmisch auf die Trommel, ihre langen Haarschöpfe wippten mit. Ein tiefer, mächtiger Sound baute sich im Raum auf. Er fuhr mir durch die Eingeweide, meine Knochen vibrierten. Ich konnte mich diesem alles durchdringenden Sound nicht entziehen. Hatte ich jemals vorher meinen Körper so gespürt? Als die Männer beim Schlagen der Trommel auch noch zu singen begannen, mit entschiedenen, dunklen Stimmen, war mir plötzlich zum Weinen zumute. Es war, als würde ich von einem starken Sog erfasst und darin vollkommen aufgehen. Da erhoben sich unter den Gästen alle Ute-Frauen. Mit wirbelndem Zungenschlag stimmten sie ein Geheul in hellen Tönen an, das sehr wild und zugleich fein klang. Es war wie eine befremdliche Klangdecke aus dem Reich der Vögel, die über uns herabsank. Mein Bewusstsein setzte aus. Ich war bis zum Platzen angefüllt mit Tönen und Eindrücken und doch ganz leer. Ewiges Dasein breitete sich in mir aus. Ich war nicht mehr Ich, sondern nur noch Es. Es war unglaublich erleichternd.
Viel zu früh war das Lied zu Ende. Die jungen Männer verließen schweißbedeckt den Saal. Die Frauen setzten sich wieder. Es gab eine kleine Pause.
Nacheinander standen nun Angehörige und Freunde des Verstorbenen auf und sprachen spontan ins Mikrophon. Sie teilten uns lustige Anekdoten aus seinem Leben mit oder sangen ein kleines Lied für ihn. Niemand las von einem Blatt ab. Jeder sprach, wie er eben konnte, stotternd manchmal. Doch geschah all das so sehr von Herzen, dass manchen beim Sprechen die Tränen über die Wangen liefen, während andere den ganzen Saal zum Lachen brachten.
Ich war sehr gerührt. Wie schaffen die das, fragte ich mich, und warum fällt es mir selber so schwer, mein Herz zu spüren und von dort aus spontan und ehrlich auszudrücken, was ich fühle? Mir wurde auf einmal bewusst, dass unserer "zivilisierten" Welt etwas fehlt, trotz unseres Wohlstands, der medizinischen Möglichkeiten und der individuellen Freiheit. Ich ahnte, dass die Gesellschaft, die mein Fühlen und Denken geprägt hatte, nur ein sehr kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit war. Dahinter lagen noch ganz andere, tiefere, gleichsam unendliche Möglichkeiten des Daseins.
Zur eigentlichen schamanischen Zeremonie, die draußen auf einem Hügel stattfand, waren Weiße nicht zugelassen, aber das machte nichts. Ich fühlte mich beschenkt mit dem, was ich erlebt hatte. Begreifen konnte ich es damals nicht. Heute würde ich es Heilung nennen.

Die Trommel ist ein mächtiges Instrument der Heilung, das wissen nicht nur die Schamanen. Viele Menschen erfahren es ganz unmittelbar. Ihre Rhythmen und Klänge berühren uns tief in unserem Inneren und rufen archaische Erinnerungen wach. Sie tragen uns in die Trance. Je tiefer die Trance ist, desto mehr können wir spüren, dass auch wir ein Teil des unendlichen Lebensstroms sind.
Den Röntgenblick der Indianer, auf den mich meine Schamanin damals aufmerksam machte, erkläre ich heute so: Sie erfassen intuitiv, wie ein Mensch im Leben steht, unabhängig von Äußerlichkeiten. Kann er im Moment anwesend sein? Ist er verbunden mit allen anderen Lebewesen auf dieser Erde? Kann er mit einem Gegenüber auf mehr Ebenen als nur der verstandesmäßigen schwingen? Wie sehr schimmert durch ihn sein eigentliches und ewiges Wesen hindurch?
Viele Jahre des schamanischen Praktizierens haben mir gezeigt, dass die Art zu sein, die sich indigene Kulturen weitgehend bewahrt haben, auch für uns moderne Menschen unerlässlich ist. Wir sind keine Automaten, die stets funktionieren und sich unentwegt optimieren lassen. Wir haben einen Körper - er ist ein Geschenk von Mutter Erde - er möchte freudig gebraucht werden. Wir haben ein Herz, das Tor zu unserer Seele - es muss sich zeigen dürfen. Es möchte erblühen! Unser Verstand ist gut und notwendig, doch er soll dem Wunsch des Herzens zuarbeiten, ihm dienen. Und schließlich ist auch etwas Ewiges in uns, genannt "Geist" oder "Spirit", das dieses Leben überdauert.
Lebendige schamanische Zeremonien, die - im Gegensatz zu erstarrten Ritualen - das Ewige in uns berühren und zugleich auf unsere heutigen Bedürfnisse antworten, helfen uns dabei, wieder zu einer natürlichen Spiritualität zurückzufinden. Die Trommel ist darin ein zentrales Element. Sie bildet ein Zentrum, den Zugang zu allen möglichen Welten, sogar zu unserem eigenen Ursprung. Wir müssen nicht den Erzählungen anderer glauben, sondern erleben in Zeremonien selbst etwas, worauf wir dann vertrauen können. Wir können die Verbindung zu allem wieder aufnehmen, um unser Leben ganz weit und weich, aber auch mutig und entschlossen zu führen.
Mein Weg in Richtung Heilung ist kein einfacher gewesen. Zunächst wollte ich einfach nur meine körperlichen Schmerzen loswerden. Als junge Frau wollte ich von meinen seelischen Wunden heilen, damit mein Fühlen, Denken und Handeln übereinstimmen konnten. Als Erwachsene bestand Heilung für mich darin, ein "gutes Leben" zu führen - eines, das meinen inneren Werten entsprach. Inzwischen, nach Abschluss der Familienphase, geht es mir darum, meinen Beitrag zum Leben auf dieser Erde, die Gaben meines Spirits, so vollständig wie nur möglich zu geben. Und zu meiner größten Freude kann auch ich jetzt andere Menschen mit einem "Indianerblick" berühren und dabei - fast - alles erfahren.

Anja Anyu Gundelach, Gründerin des YUPA Schamanisches Zentrum Berlin, lernte 12 Jahre lang bei einer Schamanin in Mexiko.
Sie bietet u.a. Einzelzeremonien, Kurse in energetischer Selbstheilung und Trommelbau an.
Weitere Informationen unter www.schamanismus-berlin.org


Im März 2018 leitet sie das schamanische Wildniscamp "Whale Heart" in Baja California Sur, Mexiko.
web: http://www.schamanismus-berlin.org