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Ausgabe Oktober 2017
Über das Wesen schamanischer Kraft. Von Roland Urban


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"Die Kraft spielt im Schamanismus eine so zentrale Rolle, dass viele Autoren sie als das Hauptkriterium für das Schamane-Sein ansehen." (s. Uccusic: Der Schamane in uns). Die Auseinandersetzung mit Kraft bedeutet die Auseinandersetzung mit dem Grundsätzlichen. Schamanismus ist ein Weg des Wissens, erschlossen über die eigene, direkte Erfahrung. Schamanismus ist im Kern Kraft-Erfahrung. Schamanische Arbeit folgt keinem Selbstzweck, sondern dient der Gemeinschaft, der Wiederherstellung bzw. Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes. Mit anderen Worten: Das natürliche Spiel der Kräfte soll in Balance gehalten werden.

Physikalische und schamanische Kraft
In der Physik wird zwischen Energie und Kraft unterschieden. Bei der Energie handelt es sich um eine ungerichtete Größe (Skalar), ein Potential. Als eine der Grundgrößen der Physik ist sie von zentraler Bedeutung für das Leben schlechthin. Menschen, Tiere wie Pflanzen benötigen Energie für deren Existenz. Sie kann als Ursprung der Masse angesehen werden, Masse als eine Manifestation der im Vakuum unter bestimmten Umständen enthaltenen Energie.
Energie ist ein universaler Grundbaustein. Sie ist Ursprung der Materie und wird mittels Kraft übertragen. Energie durchwirkt auf essentielle Weise sämtliches Leben.
Kraft wird als Masse mal Beschleunigung definiert, ist also verzögerte oder beschleunigte Masse. Sie ist im Unterschied zur Energie eine gerichtete Größe, ein Vektor und Ursache jeder Bewegungs- und Formänderung eines Körpers. Alle (festen) Körper verformen sich unter dem Einfluss von Kraft. Damit kann Kraft als eine der fundamentalen formgebenden Determinanten definiert werden. Sie ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Dynamik entsteht und Veränderung möglich wird.

Schamanische Kraft nach rein physikalischer Diktion zu verstehen, wäre zu kurz gegriffen und letztlich unsinnig. Auch wenn die grundsätzlichen Mechanismen ähnlich zu sein scheinen, ist schamanische Kraft anders und mehr als "Masse mal Beschleunigung": "Wie die Shuar wissen auch die anderen indigenen Schamanen weltweit, dass Geisterkraft die Grundlage ist für Gesundheit, Überleben und die Fähigkeit, andere zu heilen. Ohne diese Kraft ist man Krankheiten oder Unglücksfällen schutzlos ausgeliefert. Dieses Wissen durchdringt in traditionell schamanischen Kulturen den Alltag von nahezu jedem. […] Die schamanische Vorstellung von Kraft ähnelt unserer von Energie, nur dass sie umfassender ist und sich nicht allein auf Energie bezieht, sondern auch auf Intelligenz und Selbstvertrauen." (s. Harner: Höhle und Kosmos). Oder wie Paul Uccusic über 20 Jahre früher in seinem 1991 erschienen Buch "Der Schamane in uns" schreibt: "Kraft ist für das Wohlergehen des Menschen bedeutsam; hat er keine, wird er krank. [...] Am besten zeigt sich Kraft in der Verbindung mit Dingen und Personen - analog der physikalischen Erfahrung, dass Kraft etwas ist, das zwischen Körpern wirkt."

Schamanen und Schamaninnen rufen, holen diese Kraft herbei (das heißt, sie wissen exakt, wo sie zu finden ist), setzen sie zielgerichtet um, manifestieren sie in der alltäglichen Wirklichkeit und verhelfen ihr damit zur Wirksamkeit. Sie tun dies nicht, weil sie in die Gesetzmäßigkeiten des Universums eingreifen wollen, nicht weil sie manipulieren wollen, sondern weil sie den natürlichen Lauf der Dinge unterstützen wollen - sie fungieren als VermittlerInnen und ÜbermittlerInnen. Wie in der Physik wird Veränderung maßgeblich durch den Einfluss von Kraft möglich. Durch den Einfluss von Kraft, die aus der nicht-alltäglichen Wirklichkeit bezogen und in der alltäglichen Wirklichkeit ihren Ausdruck findet. Die Voraussetzungen für diese Arbeit der Schamanen und Schamaninnen sind die konkrete Erfahrung der nicht-alltäglichen Wirklichkeit und die vertrauensvollen Beziehungen zu ihren Verbündeten, den Geistern: "Die Kenntnis der Quelle der Kraft ist der zentrale Faktor im Schamanentum." (Uccusic).

Krafterfahrungen
Schamanische Arbeit wird dann wirksam, wenn sie beim Klienten bzw. der Gemeinschaft ankommt, wenn schamanische Kraft im alltäglichen Leben spürbar und verfügbar wird. Die Wege, um dies zu bewerkstelligen, sind vielfältig. Sei es über die Übermittlung von Informationen in Folge einer schamanischen Reise, sei es über das Herbeirufen verbündeter Geister, sei es durch das Singen von heiligen Liedern und das Tanzen von heiligen Tänzen, sei es mittels Ritualen, Zeremonien oder mittels klassischer schamanischer Heilarbeit. Schamanen und Schamaninnen wissen darüber hinaus, dass die Natur beseelt und voller Kraft ist. Entsprechend genießen heilige Plätze und Orte eine herausragende Bedeutung. Heilig sind in diesem Sinne jene Orte, an denen eine spezifische, heilsame Kraft anzutreffen ist. SchamanInnen sind ExpertInnen in der Arbeit mit Kraft.

All diese Erkenntnisse sind in schamanischen Kulturen Allgemeingut. Doch können auch wir Menschen in Europa, die wir unsere schamanischen Wurzeln verloren haben, die Verbindung zu den Geistern wieder aufnehmen, können Zugang zu zeitlosem Wissen und unendlicher Kraft wieder erlangen. Der Core-Schamanismus, basierend auf den universalen Prinzipien des Schamanismus, bietet eine effektive und sichere Methodik, die uns in die Lage versetzt, den schamanischen Erfahrungsraum selbst zu entdecken und für uns zu erschließen, mit der Kraft der Geister in Kontakt zu kommen - und unseren Erkenntnishorizont dramatisch zu erweitern.
Aus schamanischer Perspektive bilden alltägliche und nicht-alltägliche Wirklichkeit zwei Seiten dergleichen Medaille, sind zwei Aspekte des gleichen Universums. Die unmittelbare Erfahrung lässt uns realisieren, dass die Geister nicht abgekoppelt von uns sind, sondern die nicht-alltägliche Wirklichkeit in unser alltägliches Leben hineinwirkt und die alltägliche Wirklichkeit von schamanischer Kraft durchwoben ist.

Mag. Roland Urban ist Geschäftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europe. Umfangreiche Seminar- und Forschungstätigkeit sowie schamanische Praxis.
Zudem ist er als Gesundheits-, Klinischer und Notfallpsychologe im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte betreffen u.a. "Schamanismus in Europa", "Schamanismus und Wissenschaft", "Unheilbare Krankheiten" sowie "Gesundheitsförderung".
Weitere Infos unter www.shamanicstudies.net


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