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Schamanischer Alltag. Von Petra Hinze


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In diesem Sommer war ich erneut bei meinem Schamanenlehrer Bair in Sibirien. Eine neue Einweihung erwartete mich. Drei Tage und drei Nächte schamanisieren. Kein Zuckerschlecken, alle Bequemlichkeiten zurücklassen, um tiefer in diese Welt eintauchen zu können. Es ist eine Welt, die so anders ist: die Schamanengewänder, die Ritualgegenstände, der Götterhimmel….Doch wie gelingt ein Spagat zwischen der hiesigen Tradition und der von Sibirien? Wie kann ich das erfahrene Wissen in den Alltag integrieren?

Es gibt eine Vielzahl solcher Fragen, die auch mich bewegten. Vorweg: Einige Rituale führe ich genauso aus, wie ich es dort gelernt habe, andere hingegen sind meine eigenen. Dadurch, dass ich vor Ort die Menschen seit vielen Jahren persönlich kenne, sehe ich auch alles ohne Schminke. Ein Schamane dort nimmt viele Unannehmlichkeiten in Kauf. Die sibirische Berufung zum Schamanen liegt meist in einer Erblinie verankert. Persönliche Probleme gesundheitlicher, familiärer oder beruflicher Natur können solche Hinweise ein. Mehrmals wird geprüft, ob diese Probleme ein Zeichen auf eine notwendige schamanische Initiation sind. Die meisten Menschen, die ich kenne, wären nicht freiwillig Schamane geworden, aber sie haben diese große Verantwortung angenommen und einen Eid geschworen. Ähnlich wie der ärztliche Eid - Menschen zu unterstützen, die Hilfe brauchen, egal welchen Status und welcher Weltanschauung sie haben. Immer alles mit bestem Wissen und Gewissen tun. Die Menschen, die ich dort erlebe, sind ganz normal wie jeder andere auch und haben das Leben zu meistern. Sie beziehen ihr Schamanentum im Alltag ein.

Wie kann es bei uns aussehen? Jeden Morgen mit einem Gebet für den Tag beginnen. Ein Gebet? Ja!
Denn woher sollte das Universum wissen, was Du benötigst, wenn Du es selber nicht weißt? Die Schamanen kochen ihren Milchtee, gießen ihn in die Schale, setzen sich eine Kopfbedeckung auf und gehen, wenn möglich, ins Freie, stellen sich in die Himmelsrichtung der aufgehenden Sonne und begrüßen sie. Halten Zwiesprache und beten die Kräfte an, die des weißen Heilers und eine Vielzahl von ihren Spirits. Sie teilen ihnen mit, worin sie Unterstützung benötigen. Der Milchtee wird der Himmelsrichtung geopfert, sich dreimal verneigt und nach rechts gedreht, um den Tag zu beginnen. Dieses Gebet ist die erste Tageshandlung und kommt vor allen anderen alltäglichen Dingen. Nach rechts bedeutet in die Zukunft zu schreiten und ist die aufbauende Energie.

Jeder kann mit seinem Gebet in den Alltag starten.
Dazu braucht man kein Schamane zu sein. In vielen Kulturen ist es ganz gegenwärtig. Es ist gelebte Spiritualität. Eine Ausrichtung, einen Fokus setzen, das Unterbewusste zu programmieren und natürlich den Kontakt mit der geistigen Welt zu pflegen und zu ehren. Einen Altar errichten - brauchst Du einen? Und wenn ja, wie sollte dieser aussehen? Welche Utensilien sollten sich auf diesen befinden? Kraftgegenstände, Blumen, Symbole. Möchtest Du räuchern? Es gibt Altäre für den "häuslichen Gebrauch", Altäre für Heilsitzungen, für Naturrituale... Ein Altar bündelt die Energie, mit jedem Mal lädt er sich auf, wird die Kraft stärker. Er ist also wie eine Aufladestation. Rufst Du die Kräfte - sind sie da. Diese sind Vermittler zwischen Himmel, Erde und Dir.

Allgegenwärtig ist die Kraft der Spirits und der Ahnen. Bevor selbst getrunken wird, gibt es ein paar Tropfen für sie. Der rechte Ringfinger wird in das Getränk eingetaucht und dieses verspritzt. Unauffällig, fast beiläufig, der Dank für die Nahrung und an die Kräfte, ohne die wir nicht wären. Was und wie würdest Du es tun, laut oder leise, sichtbar oder unauffällig? Gaben geben ist auch in unserer Kultur verankert. In der Erntezeit war es Brauch, der Kornmutter das letzte Bündel auf dem Feld zu lassen. Als Dank für die Ernte, für unsere Nahrung. Kein Nehmen, ohne zu geben. Sammelst Du beispielsweise Kräuter, so sei achtsam und wähle die Pflanzen bewusst aus. Wieviel brauchst Du wirklich, wieviel verträgt die Pflanze? Richte Dich vorher aus. Teile den Pflanzen mit, wer Du bist, was Du vorhast. Unsere Vorfahren sangen unter anderem auch das Kräuterlied der Pflanze, die sie ernten wollten, um in Kontakt mit dem Pflanzengeist kommen. In meiner Kindheit ist mir selbst ein Pilzlied gekommen. Ich singe es noch heute, wenn ich Pilze suchen gehe. Und was kann ich geben als Dank, fragst Du? Unsere Vorfahren gaben Bier, Wein, Schnaps, Körner, Früchte, Münzen.... oder ein Gebet. Was passt zu Dir? Sprichst Du auch mit Deinen Pflanzen zu Hause? Die Naturwesen, glaubst Du an sie? Warum stellten die Alten eine Schale Essen auf den Hof? Es ist nicht nur für die Katzen. Es ist auch für die Spirits.

Die Natur gibt Kraft, nährt uns - bedingungslos. Alles ist beseelt. Was Du dem beimisst wirkt und wird dadurch wirksam. Realität. Nun schau, auch Du kannst mit den Kräften sprechen. Ich stelle mich unter die Dusche und spreche mit dem Wasser, dass es mich reinigen möge. Was soll das, fragst Du vielleicht. Ja, physisch macht es das Wasser von allein, ich gehe da tiefer als nur an die Oberfläche. Wenn ich koche - es ist ein alchemistischer Prozess - spreche ich Gebete oder Wünsche. Ich danke dem Tag, wie auch immer er war, er lehrt mich. Ich danke für die Menschen, die in meinem Leben sind und wünsche ihnen das Beste - sie sind ein Teil meiner Familie. Ich finde eh, dankbar kann ich nie genug sein. Deshalb ist nie alles Friede, Freude, Eierkuchen. Bewusstsein, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit in den großen wie in den kleinen Dingen. Was an einem Tag groß ist, kann am anderen Tag klein sein. Mein Bewusstsein schulen, meiner Wahrnehmung vertrauen, Gedankenhygiene betreiben. Gefühle/Emotionen erkennen - sind sie von mir oder woher stammen sie? Wenn es für mich nicht allein erkennbar ist, bitte ich um Unterstützung, bevor mein Körper psychosomatisch darauf aufmerksam macht.

Reinigung - körperlich und seelisch. Wie nähre ich mich, was nährt mich und baut mich auf? Schamanisch? Für mich ist das Praktische wichtig. Mit beiden Beinen auf der Erde stehen. Eine Vielzahl kleiner Rituale ist für mich alltäglich geworden. Aber auch ich habe irgendwann damit begonnen.

Petra Hinze ist Heilpraktikerin für Psychotherapie & Ritualleiterin.
Weitere Infos: www.petra-hinze.de.


Tel. 0173 956 20 41

Kommende Veranstaltungen:
20.10. Offener Abend über schamanische Heilpflanzen mit Dr. Ramirez aus Kolumbien, anschließender Workshop am 21./22.10.
12.11. Räucherkunde;
17.-19.11. Weisheit der Ahninnen

web: http://www.petra-hinze.de