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Ausgabe Oktober 2017
T-Rex versus Easy Peasy von Katja Neumann


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In der sogenannten spirituellen Szene meint man doch, es herrsche Friede, Freude, Eierkuchen - oder so. Dass dem nicht so ist, darf ja auch mal erzählt werden. Es ist ein hart umkämpftes Pflaster und allein das spricht ja schon Bände. Das Spektrum zwischen archaischer Beißwütigkeit und alles sanft in Grund und Boden lächeln wird mit voller Inbrunst und in vielen Facetten ausgelebt. Katja Neumann fasst ein heißes Eisen an und verbrennt sich gern mal die Finger.

Schamanismus und andere Eitelkeiten
Wir haben allein in Berlin, wenn man "Schamanismus in Berlin" eingibt, 352.000 Ergebnisse in der allseits bekannten Suchmaschine. Grundsätzlich doch ein beruhigendes Gefühl, denn es bedeutet, die Auswahl ist groß und für jeden etwas dabei. Wir sind ja auch ca. 3.47 Millionen Einwohner und selbst wenn mitnichten jeder einen Schamanen sucht, immer noch genug Menschen, die suchen könnten. Hat ja auch was mit Sympathie und Vertrauen zu tun, nicht wahr? Alle diejenigen aber, die sich zu eben jenen zählen, möchten natürlich auch davon leben, etwas verdienen und manche eben leider ohne viel Aufwand bzw. am besten ohne kosten- oder zeitaufwendige Ausbildung. Das ist ungefähr so hip wie z.B. Yoga (naja fast: Yoga in Berlin hat ca.16 Millionen Aufrufe…). Da gibt es die, die jahrelange Ausbildungen und Reisen auf sich nehmen, die das 24 Stunden am Tag leben und ihr eigener strenger Richter sind, vielleicht nie so ins Scheinwerferlicht kommen, da sie bescheiden und demütig sind, selbstkritisch und sich selbst nie gut genug, nie fertig genug finden. Und es gibt die, da schreit einen schon die Webseite an: Nimm mich! Ich bin der/die Beste! Schamane/Schamanin! Wenn man dann genauer forscht, hat er/sie vielleicht irgendwo zwei/drei/vier Wochenendseminare besucht und war bis letzten April noch Buchhalter. Oder so. Und dann gibt´s natürlich noch ganz viel dazwischen.

Das war schon immer so
Aber glauben Sie mal nicht, dass die Schamanen in Peru (oder anderswo) sich besser benehmen. Im Gegenteil, seit der Schamanismus bei uns Westlern wieder so boomt und jeder mal Ayahuasca getrunken haben muss, der in der "Szene" was auf sich hält, wird gezockt, was das Zeug hält. Wir sind aber auch naiv unterwegs manchmal! Nur weil ein Mensch per se irgendwie peruanisch aussieht, also für uns indigen und geheimnisvoll und natürlich authentisch, heißt das ja noch lange nicht, dass er das Ayahuasca, dass er vielleicht irgendwo gekauft hat, auch bedienen kann und die Spirits im Griff hat, die das auf den Plan ruft. Leider gibt es auch immer wieder Geschichten von Missbrauch auf verschiedenen Ebenen und emotionaler und/oder finanzieller Ausbeute. Auch untereinander schenken sich die Schamanen dort wie anderswo oft nichts. Bei uns ist das nicht anders, nur subtiler. Schon rein Betäubungsmittelgesetz-abhängig stehen uns andere Mittel bzw. Werkzeuge zur Verfügung. Sie sind vielleicht nicht so gefährlich, physisch wie psychisch, können aber auch eine Menge Schaden anrichten.

Hundehaufen oder das Thema mit der Verantwortung
Ich muss diesen Vergleich jetzt einfach mal ziehen, denn ich bin auch Hundebesitzer - oder Dosenöffner, wie man demokratisch so nett sagt. Wir haben statistisch gesehen (beides hat hohe Dunkelziffern) unwesentlich weniger Hunde als Schamanen in dieser Stadt, was ja erst mal ganz schön ist. Ich mag Menschen, die Tiere mögen, was sowohl bei Hundehaltern als auch Schamanen weitverbreitet zum Glück zutrifft. Leider entziehen sich viele dieser demokratischen Dosenöffner der Verantwortung, das, was nach dem Öffnen der Futterdose hinten rauskommt, auch zu entsorgen. Das gibt der Stadt den Ruf, eine der dreckigsten zu sein. Und alle die, die immer die Kacktüten mit sich rumtragen, hängen mit drin. Automatisch. Ich bin das leid. Ich bin nicht perfekt, ich übersehe. Auch Hundehaufen. Ich weiß, je mehr ich lerne, umso mehr, wie wenig ich weiß, aber ich übernehme, so gut ich kann, die Verantwortung dafür. So habe ich weder diesen Hund noch meinen Job, weil es mein Ego aufbügelt oder weil es gerade hip ist.
In der schamanischen Arbeit - jeder Heilarbeit - ist es doch so: Wir sind für das, was dabei rauskommt, mitverantwortlich und es ist keinen Tag selbstverständlich, das tun zu dürfen. Wir tragen die Geschichten, die menschliche Dramen mit. Und natürlich gelingt es nicht immer, auch nach 15 Jahren nicht. Sowas macht man nicht, weil es schick ist. Und manchmal kommt auch einfach nur Dünnschiss. Beim Hund wie bei der Heilarbeit. Wenn meine Hündin mal wieder allen Müll des Mauerparks gefressen hat, genauso wie bei Klienten, wenn alle Selbstsabotageprogramme greifen. Wenn sie nicht kooperieren, sind wir Pseudo-Werkzeuge und können maximal aufwischen und Händchen halten.

Leben und leben lassen
T-Rex nenne ich das Urwesen (übernommen von einem Lieblingsmenschen/Lehrer), das in uns allen steckt, diesen Dinosaurier, der einfach überleben will, auch wenn es dreckig wird. Moralisch dreckig in diesem Fall. Man ist sich selbst am nächsten, man will vorne sein und auf gar keinen Fall zu kurz kommen. Die anderen werden zur Bedrohung, weil sie einem etwas wegnehmen könnten (…tun sie das wirklich?). In Zeiten der Online-Bewertungen - ein sehr schönes und eindrückliches Beispiel - kann das ganz schnell gehen, dass da auch mal ganz wütend oder ganz berechnend Minuspunkte vergeben werden, Verrisse geschrieben. Aber wer sind wir, in diese Unart, Menschen zu bewerten, miteinzusteigen? Wissen nicht gerade wir, dass alles, was uns begegnet, mit uns zu tun hat? Auch ein vermeintlich schlechter Heiler, Lehrer, Klient…? Man kann vielleicht Hotels bewerten oder Fahradschlösser - aber Menschen? Wir? Ernsthaft? Wollten nicht gerade wir supererleuchteten spiri-schamanischen Bessermenschen aus dem Be-werten und Ver-urteilen aussteigen? Wollten wir das nicht? Alles andere ist Energieverschwendung. Wenn wir doch so sehr in der Anbindung, Weisheit und im Vertrauen sind, wissen wir ja auch:
- Niemand, der mit sich im Reinen ist, führt Kriege, weder im Kleinen noch im großen Weltgeschehen.
- Es gilt das Prinzip der Resonanz. Jeder findet seinen Meister/Schüler/Klienten.
- Alles fällt auf uns zurück, also besser nett sein…und ehrlich.
- Wer weiß, was er kann, muss nichts und niemandem etwas beweisen.
- Klarheit zieht Klarheit an.
- Wir können alle noch viel mehr sein als wir jetzt gerade sind. Immer.

Gestehen wir uns also ein, welchen Hundehaufen wir gewachsen sind, was jeder wirklich kann und wieviel "Wir haben uns alle lieb und sind so erleuchtet" ( easy peasy - Übersetzung der Autorin) in unseren Worten und Taten steckt. Es nützt niemandem, wenn wir uns aufbauschen und es nützt niemandem, wenn wir uns klein machen. Eine Feder im Haar macht noch lange keinen Schamanen, aber jemand ohne Feder ist noch lang automatisch keiner! Ich kämpfe nicht mehr und niemand ist an irgendetwas schuld. Es ist einfach egaler - nicht egal, aber nicht so persönlich, denn meist hat es gar nicht mit mir zu tun…und die Leute reden eh. Immer. Nicht meine Affen, nicht mein Zirkus. Frieden sei mit uns (ganz ernsthaft, wir können ihn brauchen).

Katja Neumann ist Heilpraktikerin und arbeitet seit vielen Jahren mit uralten schamanischen Heilweisen in ihrer Naturheilpraxis im Prenzlauer Berg. Sie gibt regelmäßige schamanische Reisegruppen. Infos: www.katja-neumann.de


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