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Back to the Roots von Wolf Sugata Schneider

Wir Zivilisierten und unsere Wurzeln

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Wir Zivilisierten sind Zuvielisierte. Das ist das eine, was für die Naturvölker spricht, die noch existierenden und die unserer Vorfahren: Sie hatten eine einfachere Lebensweise. Das andere ist, dass die Lebensweise unserer Urururahnen, damals in den Wäldern und auf den Savannen, ihre Nachhaltigkeit schon bewiesen hat, unsere Zivilisation hingegen noch nicht. Die Naturvölker haben Jahrtausende überlebt, ohne ihre Lebensgrundlage zu zerstören. Irgendwas müssen sie richtig gemacht haben. Können wir das von ihnen lernen? Ich meine: ja.
Ich möchte das jetzt jedoch nicht als Empfehlung missverstanden wissen, mit Pfeil und Bogen auf die Jagd zu gehen, sondern meine damit den spirituellen Naturbezug dieser Völker. Den Bezug zur Natur als einer Mutter - Pachamama, Mutter Erde, nennen die Andenvölker der Quechua und Aymara sie. Denn so wie der Fötus und dann das kleine Kind von der Mutter abhängen, so hängen wir alle von der Natur ab. Was wir essen und trinken, die Luft, die wir atmen, und die Erde, über die wir gehen - an den Stellen, wo sie noch nicht zubetoniert ist -, das ist unsere Lebensgrundlage.

Naturmystik
Der Wunsch nach einer Verbesserung unseres Bezugs zur Natur ist der Grund für den weltweiten Trend zum Schamanismus. Manchen genügt es, ab und zu hinauszugehen in den Wald oder an einen See. Andere brauchen längere Wanderungen in menschenleerer Gegend. Erfahrungen des Einsseins und der Geborgenheit im Schoß der Natur sind neben der Verschmelzung in der Liebe die häufigsten mystischen Erfahrungen - häufiger als in Kontexten der traditionellen Religionen wie Gebet, Kontemplation oder Meditation. Es sind jedoch auch Atheisten und Aussteiger aus den traditionellen Religionen religiöse Wesen. Wir alle sehnen uns in der einen oder anderen Art nach Transzendenz, dem Überschreiten unseres bisherigen Bewusstseinshorizontes, der bisherigen Erfahrung unserer selbst. Dazu verwenden Menschen seit je auch Rauschmittel und Rituale. Die Schamanen der Naturvölker haben einiges davon anzubieten.

Urreligiosität
Immer weniger Menschen besuchen hierzulande die Kirchen, immer mehr treten aus. Hat die christliche Religion den Sehnsüchtigen denn nichts mehr anzubieten? Für die Intellektuellen und die Kreativen ist der Buddhismus inzwischen attraktiver als die abrahamitischen Religionen, denn er verlangt keinen Glauben, sondern sagt nur Ehipassika - komm und sieh selbst!
Warum ist dann die schamanischste unter den buddhistischen Richtungen - die tibetische - die attraktivste? Weil wir auch den Zauber von Ritualen wollen: Gebetsmühlen zum Drehen, Fähnchen mit Mantren im Wind, Klänge und Düfte und Zauberformeln zum Rezitieren. Das meiste davon hat der tibetische Buddhismus aus dem Bön, der tibetischen Urreligion. Alle Hochreligionen haben von den ihnen vorausgehenden Naturreligionen Mythen, Rituale und Praktiken übernommen. Bei uns sind das zum Beispiel Weihnachtsbaum und Osterhase, aber auch die christliche Messe hat vorchristliche und vorjüdische Wurzeln. In der Mongolei und Sibirien, bei den Indianern Nord- und Südamerikas, in Schwarzafrika und bei den Ureinwohnern Indiens, Neuguineas und Australiens sind schamanische Praktiken weit verbreitet. "Den" Schamanismus gibt es nicht, sondern eine Vielfalt religiöser Formen und Heilkünste der indigenen Kulturen der Welt, welche die Herrschaft des Kolonialismus und der Hochreligionen überlebt haben.

Der Teil und das Ganze
Von diesen Urreligionen wollen wir heutigen Zivilisierten lernen, weil wir merken, dass wir mit unserer Zivilisation uns selbst ruinieren. Ein "Weiter-so" wäre Suizid. Der Suizid unserer heutigen Zivilisation, vielleicht des Homo sapiens, mit allem, was ein solcher Ökozid an Artentod noch so mitreißt - vielleicht werden nur die Ratten überleben, die sind sehr widerstandsfähig, oder die Küchenschaben.
Die schamanische Sicht der Natur ist eine ganz andere. Da gilt der Mensch nicht als Herrscher der Natur, sondern als Teil davon. Wenn der Teil gegen das wütet, was ihn enthält, zerstört er mit seiner Umgebung auch sich selbst. Moderne spirituelle Richtungen wie etwa die Tiefenökologie und jede Art der Mystik sehen den Menschen als Teil der Natur und richten den Entwicklungsweg des Einzelnen auf Egotranszendenz und Erkenntnis der Verbundenheit aus. Das passt zum Schamanismus, auch wenn die traditionellen schamanischen Praktiken ein Sammelsurium von Hokuspokus enthalten, das ein modern gebildeter Mensch kaum mehr zu glauben geneigt ist.

Religiöser Kitsch
Und wie in allen kulturellen und religiösen Formen gibt es auch im Schamanismus Kitsch. Schamanische Bilder, Gesänge und Gebete sind nicht immer reife Formen von Religiosität. Vieles davon würde man eher präpersonal und prärational als transpersonal und transrational nennen - ein Retrobezug, eine Regression in frühe Formen der Zivilisation, die dazu neigt, Frühzeiten der menschlichen Zivilisation als "gute alte Zeit" zu beschönigen. Ebenso wie das Jesuswort "Werdet wie die Kinder" nicht als "Werdet kindisch", unreif, naiv oder trotzig verstanden werden sollte, so sollte auch die Weisheit der Schamanen nicht mit dem Glauben an den Osterhasen verwechselt werden - so süß und fruchtbar Hasen auch sein mögen, was sie zu einem Symbol für die Fruchtbarkeit der Natur und das Aufleben und Aufblühen im Frühling gemacht hat.

Wir sind alle ein bisschen retro
Die Weisheit des Zen ist vielen Menschen zu nüchtern. Am Beispiel des tibetischen Buddhismus sieht man, dass die pompöseren Formen einer Religion für die Massen attraktiver sind als die schlichteren (im Falle des Buddhismus gehört zu den schlichteren auch der Theravada). Das gilt auch für andere Religionen. Gott lässt sich nicht abbilden, Mystik nicht beschreiben und das Tao, über das man sprechen kann, ist nicht das wahre Tao. Wir aber wollen doch sprechen, singen, jubeln und feiern! Wir wollen so gern an das Gute glauben, an die Überlegenheit der Weißmagie über die Schwarzmagie, an den Zauber der Liebe, der stärker ist als alles andere und an die Kraft der Gebete! Deshalb sind wir alle ein bisschen retro. Und wie man in der Individual-Psychotherapie sagt, es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben, gilt das wohl auch für die Kulturen.

Es lebe die Abwärtskompatibilität!
Ich benenne das heute gern mit dem aus der Computersprache entnommenen Begriff der Abwärtskompatibilität. Lasst uns die früheren Stadien unserer Entwicklung, der persönlichen wie der kulturellen, als einen Schatz in uns tragen und nicht als etwas Abgelegtes, Abzulehnendes. Kindlich sein, jugendlich sein, den Geist des Anfängers in sich tragen, das sind auch im mittleren und späten Lebensalter positive Eigenschaften, jedenfalls dann, wenn man darin nicht gefangen ist, sondern das zelebrieren kann.
In diesem Sinne sage ich: Es lebe der Schamanismus! Vor allem unter uns Städtern und Zuvielisierten. Back to the roots ist eine gute Devise - es sei denn, man bleibt dann bei den Wurzeln stecken und schneidet den Baum oberhalb davon ab, weil man die Zivilisation für eine Verunreinigung der schönen reinen Natur hält. Besser ist es, die eigene individuelle und kollektive Herkunft so zu verstehen: Bäume können nur dann hoch wachsen, wenn ihre Wurzeln stark und tief sind.

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52., Autor, Redakteur, Kabarettist. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Blog: www.connection.de.
Weitere Infos: www.wolf-sugata-schneider.de


Kontakt: schneider@connection.de
Am 7./8. Oktober gibt er im Biohotel Essentis einen Humorworkshop.

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