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Ausgabe September 2017
Friede aus weiblicher Sicht von Leila Dregger


Im vergangenen Jahr war ich als Flüchtlingshelferin auf Lesbos. Ich begegnete da jeden Tag hunderten, ja tausenden von Menschen, die durch den Krieg alles verloren hatten - die Heimat, den Beruf, geliebte Menschen, Gesundheit und manchmal auch den Glauben an die Spezies Mensch. Ich verstand zwei Dinge. Erstens: Diese Menschen unterschieden sich nicht von mir. Es war nur Zufall, dass ich in den Flieger steigen und nach Hause konnte und sie nicht.
Und zweitens: Auch wenn ich 24 Stunden am Tag rackern würde, um ihnen zu helfen, es ändert letztlich nichts. Wahre Hilfe bestünde darin, den Krieg zu beenden. So kam ich existenziell berührt zurück mit der Frage: Wie beenden wir Krieg? Nicht nur eine vorübergehende Waffenruhe, unter der die Gewalt weiterschwelt, bis sie irgendwann wieder ausbricht. Sondern wirklich tiefen und weltweiten Frieden, der auch die Gesellschaften umfasst, in denen keine Bomben fallen, aber die Kriege vorbereitet werden.
Krieg ist heute eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Volkswirtschaften brauchen Waffenhandel und die Rohstoffe, um die weltweit gekämpft wird. Und mit dem, was wir einkaufen, wie wir kommunizieren, lernen, forschen, arbeiten, sind wir unfreiwillig Teil einer Kriegsgesellschaft. Was ist mit uns Menschen los, dass wir das Leid so vieler Wesen in Kauf nehmen? Sind unsere Herzen so taub geworden, dass wir es nicht mehr spüren?

Eine kleine Beobachtung am Rande: Gestern unterhielt ich mich mit einer Besucherin, da näherte sich die fünfjährige Tochter der Nachbarin. Ihr Gesicht leuchtete. Sie hatte sich offenbar spontan in die Frau verliebt, einfach in deren Gesicht, in deren Schönheit. Schüchtern, aber deutlich offenbarte sie ihre Liebe, strahlte, schaute weg, strahlte, rückhaltlos... und war schließlich überglücklich, als sie für einige Momente auf deren Schoss sitzen durfte. Das war´s. So geht Liebe!

Und wir Erwachsenen? Was sind wir berechnend geworden. Was für ein Versteckspiel spielen wir, damit wir auch ja nicht verletzt werden! Interessiert er sich für mich? Dann zeige ich auch ein Stückchen von mir. Hat er eine Andere angeschaut? Dann zeig ich ihm die kalte Schulter!
Für mich ist unsere erwachsene Unfähigkeit, frei und ohne Kalkulation, die Liebe zu offenbaren und zu zelebrieren, einer der Gründe, warum wir weltweit Krieg zulassen. Wir leiden unter Liebeskummer, weltweit! Es wird auf der Welt erst Frieden geben, wenn in der Liebe kein Krieg mehr ist. "Solange es Lüge, Betrug, Angst und Gewalt in der Liebe gibt, gibt es auch Militär, Rüstungsindustrie und Waffenhandel in der Gesellschaft." (Dieter Duhm)

Mich interessiert vor allem, was wir Frauen tun können, um das zu ändern. Wofür schlägt das Herz der Frauen? Was sagt die Göttin - als Manifestation der Weiblichkeit, als weibliches Kraftfeld der Erde? Als die weibliche Stimme, die in jeder Frau wohnt und auch in jedem Mann, der lernt, auf sie zu hören. Die Göttin, die sich schützend vor die Kinder der Schöpfung stellt, die die Lust liebt und die Freude am Diesseits.

Die Göttin schweigt.

Zum Schweigen gebracht in fünftausend Jahren Patriarchat. Ausgerottet, verbrannt, lächerlich gemacht. Die weibliche Stimme als schöpferische, regulierende Kraft fehlt seit zu langer Zeit. Übrig blieb nicht einfach die Welt des Mannes. Wer eine Rakete für ein phallisches Symbol hält, hat vergessen, wie weich, zärtlich und üppig die sinnliche Liebe ist. Auch Kathedrale oder Hochhaus sind keine Abbilder einer lustvollen Erektion, sondern ein Denk-Mal männlicher Einsamkeit. "Gott hat die Göttin an seiner Seite verloren. Es muss ganz schön einsam sein im Himmel", schreibt Sabine Lichtenfels.

Und er sucht sie. In jedem Atomkern, den er spaltet, auf jedem Gipfel, den er besteigt, in jeder Kathedrale, die er aufbaut, in jeder intellektuellen, technischen oder sportlichen Meisterleistung - der Mann sucht die Frau. Die Macht der Frau, die dies weiß, ist immens. Der Mann würde nichts lieber tun, als sich ihr zur Seite zu stellen, wenn sie sich endlich zeigt. Wenn Frauen mit allen Fasern ihres Seins auf der Seite des Friedens stehen, wenn sie den Kriegen ihre Unterstützung entziehen und ihre emotionale, erotische und intellektuelle Intelligenz für friedliche Lebensweisen einsetzen, wenn sie all dies gemeinsam und miteinander tun - dann wird der Krieg enden.

Doch die Frau im Patriarchat ist heimatlos: Unsere sinnlichen und spirituellen Quellen, die Verbindung zur Natur, das authentisch freundschaftliche Band unter Frauen, die kreative Freiheit und unser kosmischer Anker gingen verloren. Wir suchen, was wir so vermissen, in dem (oder der) Einen. Heimat, Inspiration, Sicherheit, Leidenschaft - alles muss er abdecken. Wenn wir einen finden, der wirkt, als könnte er es uns geben, dann soll er uns gehören. Da werden andere Frauen zu Konkurrentinnen. Da wird gerade das, was uns so angezogen hat, seine Freiheit, Kraft, Unbeschwertheit zur Bedrohung, denn wir ahnen, dass das, was wir lieben, auch von anderen geliebt wird. Und schon sind wir im Kampf.
Es hat allerdings auch keinen Sinn, unsere Lust zu negieren. Frau kann sich schämen, vermännlichen, es ignorieren, soviel sie will: Sie will das Ein und Einzige mindestens ebenso wie der Mann. Doch investiert sich meistens all ihre weibliche Intelligenz, diese Tatsache zu verdrängen. Denn den Mann, der ihr den Wunsch von den Lippen abliest und ihn einlöst, fand sie nicht. Die Stärke, mit der der Mann neue Galaxien entdeckt und Weltrekorde aufstellt, die hat er in der Liebe nicht. Noch nicht. Es wird erst dann die weichen, starken, kreativen und potenten Männer geben, die wir Frauen brauchen und wünschen, wenn wir sie darin unterstützen.

Frieden ohne Befriedigung ist Friedhofsruhe. Das kollektive Weibliche wird insgeheim oder offen eher Krieg und Chaos säen, als sich an Nicht-Erfüllung zu gewöhnen. Sie wird als Hausdrachen dem Gatten die Hölle auf Erden bereiten und sich zur gleichen Zeit als Opfer fühlen. Frieden wird von Frauen ausgehen, die lernen, ein Leben zu führen, das unserer Sehnsucht entspricht. Die für ihr nicht-gelebtes Leben Verantwortung übernehmen. Damit die Kette von Angst und Gewalt ein Ende hat. Damit die Kriege im Inneren aufhören - und damit auch im Äußeren. Damit wir die sinnliche Alternative kennen. Das ist die Grundlage eines weiblichen Friedensschlusses mit dem Mann und mit unserer inneren Natur.
Es gibt unzählige Frauen, deren Name nie in den Geschichtsbüchern auftaucht, die ganz täglich die Voraussetzungen für Frieden schaffen: Sie pflanzen Bäume, nehmen Kinder von politischen Gegnern auf, versorgen Flüchtlinge, sorgen in Widerstandscamps für Gemeinschaftsgeist, mobilisieren Demonstranten. Wenn ihre Kraft sich mit strategischem, konzeptionellem und erotischem Denken verbindet, sind sie das Herz einer umfassenden, globalen Friedenskultur.

Leila Dregger wurde Agraringenieurin, weil sie für Lebensmittelgerechtigkeit eintrat und Landkommunen gründen wollte, sie wurde Journalistin, um über weltweite Alternativen zu berichten, sie schrieb Theaterstücke, um mit Kunst und Poesie die Welt zu verändern, gab eine Frauenzeitschrift heraus, um der weiblichen Stimme mehr Wirkung zu geben. Sie lebt und arbeitet vor allem im Heilungsbiotop 1 Tamera in Portugal. Weitere Infos: www.tamera.org

Buchtipp:
Leila Dregger, Frau-Sein allein genügt nicht - mein Weg als Aktivistin für Frieden und Liebe, edition Zeitpunkt, 2017. 196 Seiten, 17,- €
ISBN: 978-3-9523955-6-1


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