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Der Schamane aus Grönland über den Frieden. Ein Gespräch mit Angaangaq Angakkorsuaq


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Angaangaq ist Ältester, traditioneller Heiler und Schamane aus einer Familie dieser Tradition in Kalaallit Nunaat (Grönland). Er trägt den Ehrentitel "Angakkorsuaq" - großer Schamane. Seine Heimat Grönland, ist der einzige bewohnte Teil der Welt, in dem niemals Krieg herrschte - also das Land, das nur Frieden kennt. Er ist auch Hauptredner auf internationalen Konferenzen, war Vertreter der Ältesten der Indigenen bei der UN und wird oft als Gastredner zu verschiedenen Anlässen eingeladen. Seine Arbeit brachte ihn in fast 70 Länder dieser Welt. Er traf u.a. mit Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, Gorbatschow, dem Dalai Lama und Papst Johannes Paul II. zusammen.
Das Eis in den Herzen der Menschen zu schmelzen, ist der Auftrag, den Angaangaq von seiner Mutter bekommen hat, als er seine Arbeit bei der UN gekündigt hatte, aus Unmut darüber, dass dort letztlich immer nur geredet und nichts verändert wurde. Er wuchs in der uralten Kultur der Eskimo-Kalaallit in Grönland auf, in einer Familie traditioneller Heiler und wurde seit seiner Kindheit von seiner Familie, insbesondere seiner Großmutter Aanakasaa, auf die Aufgabe als Schamane vorbereitet. Er sieht als Schamane seine Aufgabe darin, die Zeremonien zurückzubringen, wozu er weltweit auf Reisen ist, im Herbst auch in Deutschland - in Lübeck und in der Nähe von Oldenburg. Vasumaya Ch. Wurm unterhielt sich mit ihm zum Thema Frieden.

Was ist Deine Perspektive, wie Frieden in einem selbst und um einen herum, in der Welt, erreicht werden kann?
Es gab noch nie so viele Kriege wie heute auf der Welt. Es ist wirklich faszinierend: Je gebildeter und fortschrittlicher wir werden, desto tiefer sinken wir in der Welt, in der wir leben, einfach durch die Umstände, die wir selber geschaffen haben. Die Energie des Krieges konnte uns nie verlassen. Der moderne Mensch, wie die Nordamerikaner, waren während ihrer gesamten Existenz als Nation in Kriege verwickelt. Das ist alles, was sie als Nation kennen: Kriege zu kreieren, erobern zu wollen - und Europa ist nicht anders. So ist es wirklich interessant: Je fortschrittlicher und gebildeter wir werden, desto mehr Kriege haben wir. Diese Mentalität hat uns nicht verlassen, die Zeiten haben sich geändert, aber die Mentalität ist nicht gestorben. Also versuchen wir Frieden auf der Welt durch Kriege zu schaffen - aber das können wir nicht, niemand von uns kann das. Der Frieden selbst muss in jedem einzelnen von uns geboren werden. Wie die Alten sagen würden: "Wenn ich Frieden in mir habe, dann habe ich Frieden in meiner Familie. Und wenn ich Frieden in meiner Familie habe, dann werde ich Frieden in meiner Gemeinde haben. Wenn meine Gemeinde in Frieden lebt, dann kann meine Stadt Frieden haben, und wenn Frieden in meiner Stadt ist, dann wird natürlich Frieden in meinem Staat sein. Und wenn Frieden im Staat ist, dann werde ich Frieden in der Welt haben." So hängt alles von jeder einzelnen Person ab. In diesem Sinne wird jeder Einzelne die Hoffnung für Frieden. Nicht irgendwer, sondern jede einzelne Person wird zur Hoffnung. Das heißt, dass Du und ich lernen müssen, die Hoffnung für den Frieden zu werden, weil er nicht von irgendwo anders herkommen wird, er kann nicht von irgendwo anders herkommen. Er muss von Dir und mir kommen, das heißt von jedem von uns. Der Staat wird keinen Frieden schaffen. Der Staat oder die Nation kann keinen Frieden haben, wenn kein Frieden in den Menschen ist, die in dieser Nation leben.

Was ist Deine Botschaft für die Menschen, die in Städten wie Berlin leben, die vor 70 Jahren zerbombt wurden und traumatisiert sind durch diese verheerende Erfahrung?
Meine Großmutter Aanakasaa sagt uns, das Leben selbst ist eine Zeremonie, wert, mit einer Zeremonie gefeiert zu werden. Die Zeremonie sollte wieder geboren werden, besonders in diesem Teil der Welt, weil der Einfluss des Zweiten Weltkrieges für viele weitere Generationen fortbestehen wird. Nun sind 70 Jahre vergangen und die Erinnerung lebt immer noch weiter, als wenn es gestern gewesen wäre - diese Energie ist nicht verschwunden. Der einzige Weg, damit sie weggehen kann, ist etwas mit ihr zu unternehmen. Wir müssen wieder eine Art von Zeremonien erschaffen, um das Leben zu feiern, das wir jetzt haben. Deswegen mag ich meine Großmutter und wie sie darüber spricht, so sehr. Das Leben als Zeremonie zu feiern bedeutet buchstäblich, dass Du und ich unser Leben jeden Tag zelebrieren sollten. Und wenn das u.a. in Berlin geschehen kann, dann wird der generationsübergreifende Einfluss, den der Krieg hat, abzunehmen beginnen. Niemand kann, niemand sollte in dieser Energie für über 70 Jahre bleiben. Sie war so lange da, die Erinnerung dauert an, die Energie besteht fort - sie sollte gehen. Wir müssen voranschreiten, und der einzige Weg, weiterzugehen, ist diese Zeremonie zu kreieren, das Leben zu feiern. Ebenso müssen wir natürlich lernen unseren Ahnen zu vergeben. Aber wir können ihnen nicht vergeben, wenn wir uns nicht selbst zuerst vergeben. Das heißt, ich muss mir selber zuerst vergeben, bevor ich denen vergeben kann, die mir Unrecht getan haben. Das brauchen wir überall, nicht nur in Berlin, nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa, wo dieser große Krieg vor 70 Jahren so viel beeinflusst hat. Wir müssen mit uns selbst anfangen. Wenn ich mir selber vergebe, dann werde ich die Stärke und die Fähigkeit haben denen zu vergeben, die mir Unrecht getan haben. Und wenn ich das mache, dann verändert sich die Energie und die Zeremonie wird geboren, das Leben selbst zu zelebrieren.

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Fotografie: Sven Nieder | Herausgeber: Dr. Christoph Quarch
Kösel-Verlag, München, 2010
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