aktuelle Seite: ARTIKEL   

Die Polarität von Krieg und Frieden von Wolf Sugata Schneider


art93506
©KHBlack - Fotolia.com

Vergrößern hier klicken.
Bellizisten wollen den Krieg, Pazifisten den Frieden. Alles klar? Bei näherer Betrachtung ist die Lage jedoch nicht mehr so einfach. Mag sein, dass Befürworter von Kriegen eher Kämpfernaturen sind und unter den Pazifisten die Quote der Weicheier etwas höher ist; im Grunde aber sind auch Bellizisten verletzlich und wünschen sich Frieden, und auch die Freunde des Friedens können starke Persönlichkeiten sein und unbeugsame Kämpfernaturen. Gemäß C.G. Jungs Theorie von Animus und Anima haben wir sogar immer beide Pole in uns. Demnach wären die Männer nur äußerlich männlich, innen hätten sie eine empfängliche, weibliche Seele; umgekehrt bei den Frauen.

Zwecks Frieden für den Krieg rüsten
Das lateinische Sprichwort "Si vis pacem para bellum" - Wenn du Frieden willst, dann rüste zum Krieg - kommt der Polarität von Krieg und Frieden schon etwas näher. Aber ist das nicht die Standardrechtfertigung all der Kriegstreiber und militärisch-industriellen Komplexe für ihre Waffengeschäfte und - bei Individuen - für die Lust am Drohen mit Gewalt? Auch wenn das Argument als Ausrede für niedere Motive verwendet wird, es ist nicht leicht von der Hand zu weisen.
Politiker sind gemäß populärem Urteil eher für Kriegsargumentationen zu haben. Aber was ist mit dem Philosophen und Mystiker Heraklit? Von ihm stammen die Aussagen "Alles fließt" und "Du kannst nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen"; das ist Mystik pur, das ist nobel; derselbe hat aber auch gesagt: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge."

Schluss mit den Grenzen!
In meiner persönlichen Geschichte begann die Reise zum Verständnis solcher Paradoxien mit dem jugendlichen Unwillen, Grenzen zu akzeptieren. Wozu gibt es überhaupt Grenzen? Warum dürfen wir nicht überall hin und uns mit allem identifizieren? Die Sehnsucht nach Grenzüberschreitung ließ mich ein abenteuerliches, zuweilen riskantes Leben führen. Das Bekenntnis zum Pazifismus hatte mich jedweden Militärdienst verweigern lassen, aber auch die Devise "Nichts Menschliches ist mir fremd" war für mich ein Lebensmotto. Sie führte mich zu der Überzeugung, dass ich immer ebenso Kämpfer wie Friedensstifter bin, ebenso böse wie gut, auch wenn ich mich sehr wohl für das eine und gegen das andere entscheiden kann - so wie in der Cherokeegeschichte von den beiden Wölfen, die in jedem Menschen leben, dem guten weißen und dem bösen schwarzen Wolf, wo der weise alte Häuptling sagt: "Es kommt drauf an, welchen von beiden du fütterst."

Mikrokosmos, Makrokosmos
Erstaunlicherweise gilt diese Weisheit im Kleinen wie im Großen. Der gewaltfreie (ahimsa), in nobelster Weise dem Frieden verpflichtete Widerstand Gandhis gegen die britische Herrschaft in Indien führte 1947 zur Teilung des Subkontinents und dem ersten Krieg zwischen Indien und Pakistan, mit einer Million Toten und 20 Millionen Vertriebenen. Gut 60 Jahre später erhielt US-Präsident Obama zu Beginn seiner Amtszeit den Friedensnobelpreis und konnte doch die von Amerika ausgehenden, unterstützten oder geduldeten Kriege nicht einmal reduzieren - und erzeugte einen bellizistischen Rüpel als Nachfolger.
Beides ist in uns, und doch braucht es eine Entscheidung für den Frieden und die Bereitschaft, dem Vertrauen gegenüber dem Misstrauen den Vorzug zu geben. Dazu ist es nötig, dabei die kämpferischen Anteile in sich selbst zu kennen - und sogar das, meine späte Einsicht, es gut ist, sie in sich nicht verkümmern zu lassen.

Die ostasiatischen Martial Arts
Wenn du auf die eine Wange geschlagen wirst, halte dem Angreifer auch die andere hin, dieses Jesuswort habe ich tatsächlich eine Zeit lang zu beherzigen versucht. Ich muss gestehen: mit suboptimalem Ergebnis. Frieden jedenfalls hatte das nicht zur Folge. Inzwischen meine ich, dass die Methode der Martial Arts zielführender ist: kampfbereit sein ohne zu kämpfen. Dabei muss sich Kampfbereitschaft aber Prinzipien unterwerfen, wie etwa "Diplomatie geht vor", und auch Nötigung und schon gar Vergewaltigung sind tabu. Auch das sehr friedliche Taiji hat sich aus den ostasiatischen Martial Arts entwickelt.
Ich meine, dass die ethischen Fragen in den zwischenmenschlichen Mikrokosmen nicht viel anders sind als in der großen Politik - und ebenso die Antworten. "Halte die andere Wange hin" ist kein guter Rat für faire Beziehungen, Vergeltung ebensowenig. Die Fähigkeit, Grenzen zu setzen und einzuhalten sollte der Fähigkeit, vorhandene Grenzen zu überschreiten, mindestens ebenbürtig sein.

Täter und Opfer
Heikel ist der Bereich eines tatkräftigen Vorgehens, heute in der Wirtschaft gerne "disruptiv" genannt, das beansprucht, Verschlafene aus ihren Komfortzonen aufzuwecken. In der Balz des nun ausgehenden Patriarchats war solches Lob der Tatkraft die Regel, es adelte die Männer und wurde von ihnen erwartet. Heute wird es in aufgeklärten Gesellschaften beiden Geschlechtern zugestanden - und ebnet dort zuweilen die Geschlechtsunterschiede so sehr ein, dass die erotische Spannung schwindet.
Auch die Zweiteilung in Opfer und Täter wird heutzutage eher in ihrer Komplexität gesehen. Gut so. Dabei ist ein Aggressor aber immer noch ein Aggressor, und ein Nein ein Nein. Auch die Weisheit, dass letztlich niemand an irgendetwas Schuld ist, weil alles seine Gründe hat, befreit uns ja nicht von dem, dass wir "an der Oberfläche" als Handelnde durchaus Ursache sein können und insofern zur Rechenschaft zu ziehen.

Tatkräftige Liebe
All dies bedenkend, meine ich, dass wir in der Welt eine neue Friedensbewegung brauchen, einen neuen Pazifismus, aber das muss nun ein aufgeklärter Pazifismus sein. Zunächst sollten wir unsere eigene Aggression kennen, die eigene Fähigkeit und Bereitschaft zur Ausübung von Gewalt. Dann sollten wir imstande sein, diese Bereitschaft nicht in Wutausbrüchen oder Gewalttaten zu vergeuden, sondern sie tatkräftig einsetzen für gute Ziele. Aufgeklärte Aggression ist Tatkraft, ohne die wären Mitgefühl und Liebe blass und wirkungslos. Die Buddhistin und Tiefenökologin Joanna Macy kritisiert das weltbeherrschende Wirtschaftssystem schonungslos scharf, sie fokussiert dabei aber auf die Chancen, die uns in diesem System verbleiben. In einem Interview im vergangenen Februar sagte sie: "Heute ist es schwer, alleine aufzuwachen. Schon das Hinsehen, was heute der Fall ist, macht Angst. Ich glaube aber, dass es keine Grenzen dessen gibt, was wir mit der Liebe und Unterstützung anderer tun können."

Akzeptanz der dunklen Seite
Welchem mystischen Weg auch immer man sich zuneigt: Wer sein eigenes Leiden nicht leugnet und sich vor dem Leiden anderer nicht verschließt, wird das Überwinden von Aggression und Gewalt und die tatkräftige Hinwendung zum Frieden für wesentlich erachten, im Privaten ebenso wie in der Politik. Nur: wie kommen wir da hin? Ich meine, dass wir durch die Akzeptanz auch der dunklen Seiten der eigenen Persönlichkeit dort hinkommen, nicht dadurch, dass wir uns, positiv denkend, nur auf die helle Seite schlagen. Und durch Mitgefühl kommen wir dorthin. Joanna Macys Bekenntnis zum gemeinsamen Aufwachen aus allen realitätsverleugnenden Trancen weist über die Dualität zwischen dir und mir, Mensch und Natur hinaus, ebenso über die zwischen Diesseits und Jenseits.

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection.
Blog: www.connection.de


Wolf Schneider tritt auf dem Erleuchtungskongress in Berlin-Schöneberg am 8. bis 10. September als Referent und Kabarettist auf. Am WE 7./8. Oktober gibt er im Biohotel Essentis einen Humorworkshop, für Frühbucher bis 15. 9. für nur 149 €. Weitere Workshopinfos: www.wolf-sugata-schneider.de
web: http://www.wolf-sugata-schneider.de