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Ausgabe Juli 2017
Beitragsreihe 2017 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Tuberculinum - der Wind der Freiheit


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H. Schäfer: Was ist das Thema unseres heutigen Tages?
Andreas Krüger: Heute geht es um das homöopathische Mittel tuberculinum und diesem Mittel möchte ich den Satz voranstellen "Der Wind weht, wie er will!". Tuberculinum wird aus dem Sputum eines Tuberkulosekranken hergestellt und das kann ein Mensch oder ein Tier sein. Wir kennen es auch als Schwindsucht oder metaphorisch als Windsucht. Tuberculinum steht für die Idee des Windes in seiner gesündesten, freiheitlichsten und dynamischsten Form. Ganz praktisch werden bei tuberculinum alle Beschwerden besser bei Wind oder im Wind wie Fahrrad fahren, Cabrio fahren, Reiten im Wind, Windsurfen, Kitesurfen, Fallschirmspringen - also überall, wo sich ein System mit Wind konfrontiert, geht es dem Tuberculiniker besser. Ich habe gelesen, dass als Todesursache auf unserem Planeten nach Malaria und vor Aids und Krebs immer noch Tuberkulose steht. Die Tuberkulose verbreitet sich durch Armut, durch Flucht, durch schlechte sanitäre Einrichtungen, durch Krieg und Verfolgung - all das sind Faktoren, die die Ausbreitung von Tuberkulose begünstigen. Man könnte sagen, dass überall da, wo das Prinzip des Windes und damit das Prinzip der Freiheit eingeschränkt wird, Tuberkulose entsteht. Ich komme aus einer Familie, wo Tuberkulose ein Thema war und das ist übrigens auch ein wichtiges Symptom für tuberculinum: Menschen, die aus Familien kommen, wo es vermehrt Tuberkulose gab. Berliner kennen vielleicht die Bilder von Zille: Berliner Milieu, 7. Hinterhof, wo man nicht erkennen konnte, wie das Wetter war, es gab kein Licht, aber schlechte Ernährung und vor allem gab es eins nicht: frische Luft. Aus dieser Zeit wird berichtet, dass Ärzte, die sich ein bisschen mit Naturheilkunde wie Herr Kneipp auskannten, bei armen Menschen als erstes Durchzug machten und den Kranken kalt abwuschen. Überall da, wo Durchzug und frische Luft ist, wo der Wind der Freiheit weht, überall da gibt es keine Tuberkulose. Und überall da, wo Einengung, Unfreiheit, Luft- und Windmangel entsteht, wächst Tuberkulose entweder im klassisch-medizinischen oder energetischen Sinne.

Man könnte also sagen, dass tuberculinum ein Mittel für alle Krankheiten ist, die durch eine Unterdrückung von Freiheit bedingt sind.
Eine Bestätigung ist die Tatsache, dass tuberculinum ein wichtiges Mittel für Menschen ist, die im Urlaub immer gesund sind und krank werden, wenn sie sesshaft sind. Ich habe viele Kinder in der Praxis, die den ganzen Winter über husten. Früher war es ja so, dass man in die Ferien durch den Grenzkontrollpunkt fuhr. Es gab viele Eltern, die mir sagten, dass der Husten besser wurde, sobald sie am Berliner Bären vorbeigefahren waren und wenn sie nach drei Wochen wieder zurückkamen, hustete das Gör, sobald sie die Berliner Stadtgrenze überquert hatten. Natürlich ist die Luft in der Innenstadt schlecht und natürlich belastet das unsere Lungen. Aber es ist eben auch so, dass das Sesshaftsein und jeden Tag das Gleiche zu machen und in Wohnungen zu sitzen, wo Stangenschlösser vor der bösen Welt schützen, eine Atmosphäre macht, in der der Wind der Freiheit nicht wehen kann.

Das erinnert mich an den Satz, den Nelson Mandela in die Welt gebracht hat…
"Unsere größte Angst ist nicht die, versklavt, gefoltert und vergiftet zu werden, sondern unsere größte Angst ist, unser Licht leuchten zu lassen." Unter dem Tuberculinumaspekt möchte ich ergänzen: Unsere größte Angst ist nicht, eingesperrt zu sein, sondern unsere größte Angst ist, frei zu sein. Wir haben mehr Angst vor Freiheit als vor unseren kleinen weißen Zwei-Raum-Wohnung-Gefängnissen, wo wir mit Partnern, die wir nicht mehr anfassen, darauf warten, wer zuerst stirbt. Das scheint uns mehr Sicherheit zu geben als ein Aufbruch in eine neue unbekannte Welt, in der zwar der Wind der Freiheit weht, aber alles unsicher ist. Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen Therapie machen oder homöopathische Mittel nehmen und dann inneren Kräften begegnen, die sie ihr Leben lang unterdrückt haben. Diese neu entdeckte Lebendigkeit in unserer Gesellschaft zu leben, ist aber nicht einfach, denn es gibt gesellschaftliche und familiäre Widerstände. Wenn ein Mensch anfängt, mit dieser Freiheit zu experimentieren, kommt oft die restliche Welt, hebt den Zeigefinger und sagt: Das darfst du nicht machen, denn dann bist du eine schlechte Mutter oder wirst dein Geld verlieren. Wie oft habe ich gesehen, dass Menschen diesen Freiheitsimpuls, dieses Licht und diesen Wind wieder unterdrückt haben, nur um sich nicht der Gefahr auszusetzen, vielleicht alles zu verlieren. Die Folge ist, dass eine Lebendigkeit, die einmal gezündet wurde, viel mehr Kraft braucht, um sie wieder zu unterdrücken als vorher, als sie noch nicht gezündet wurde. Ich glaube, dass unsere KGS-Artikel wie Arzneimittel auf die Menschen wirken. Letztens hat eine Patientin zu mir gesagt: "Nachdem ich den Vanille-Artikel gelesen habe, ist mein Leben nicht mehr wie es war." Mit den Artikeln erinnern wir die Menschen, was ihnen die Familie, Kirche oder Gesellschaft verboten haben, und sie erinnern sich, wie lebendig sie sind.

Wie Sie wissen, mag ich Praxisbeispiele. Gibt es eines für tuberculinum?
Ich behandele gerade eine Patientin, die sich nach 15 Jahren unglücklicher Ehe verliebt hat. Es geht gar nicht um Sex, sondern einfach nur um das Gefühl, verliebt zu sein. Seitdem hat sie viel mehr Kraft als vorher, ist kreativ und inspiriert und irgendwann wollte sie das mit ihrem Partner teilen. Aber es gab eine Riesenkatastrophe zwischen Rosenkrieg und depressiven Zusammenbruch. Aber sie sagte, dass sie das leben musste, weil sie sich noch nie so lebendig gefühlt hat. Sie wollte ihren Partner nicht verlassen, aber sie wollte diese Blume der Freiheit auch nicht wieder abschneiden. Ich habe sie begleitet und heute ging es ihr ganz schlecht mit einem chronischen Husten, der einfach nicht weggehen wollte - als wenn sich die Lunge auflöst. Sie traf die Entscheidung, den neuen Mann aufzugeben und nicht mehr zu treffen. Ich sage nie etwas Wertendes in meiner Arbeit, aber ihr habe ich gesagt, dass es kein Zurück in die Ausgangsstellung gibt. Ich habe noch nie erlebt, dass nach so einem Einbruch von Freiheit die Beziehung weiterging. Denn das, was befreit wurde, muss mit so viel Energie unterdrückt werden, damit man es nicht mehr merkt. Und diese Unterdrückung macht tuberculosekrank - zumindest im geistigen Sinne. Ich konnte dieser Frau nur raten, entweder in einen intensiven therapeutischen Prozess zu gehen, um zu sehen, ob es da etwas Neues gibt, ob dieser Impuls und der Wind von Freiheit auch in der alten Beziehung zu empfangen ist, was der Partner aber ablehnte. Ich habe erlebt, dass so etwas funktioniert - nicht oft, aber ich habe es erlebt.

Die Frau hat sicher Kinder…
Ja und ich habe ihr gesagt, dass hier hunderte von unglücklichen jungen Menschen zwischen Mitte Zwanzig oder Dreißig sitzen und wenn ich eine biografische Anamnese gemacht habe, dann sind es oft Kinder von unglücklichen Eltern. Wenn wir diesen Freiheitsimpuls leben - auch, wenn scheinbar unser kleines weißes Glück darunter leidet - dann tun wir das nicht aus reinem Egoismus. Wir befreien uns immer auch für die, die nach uns kommen. Meine Erfahrung nach 35 Jahren Familientherapie ist, dass unsere Kinder nur so glücklich werden wie wir selber sind. Wenn wir die Unterdrückung und den Verzicht auf unsere Drachen verfolgen - tuberculinische Kinder lieben Lenkdrachen am Himmel - wenn wir das in uns unterdrücken, werden unsere Kinder uns in diese Unterdrückung folgen. Das ist eine Gesetzmäßigkeit: Wir sind als Eltern Matrix. Ich kenne so viele Kinder, die sehr unglücklich geworden sind, weil die Eltern ihre Freiheit weggesteckt haben, um die scheinbar heile Familie zu retten.

Und ihr haben Sie tuberculinum gegeben?
Ja und ich habe ihr gesagt, dass ich immer auf der Seite der Freiheit stehe. Tuberculinum gebe ich gerne als Riechflasche, weil es den duftenden Charakter der Freiheit hat. Tuberculinum ist das wichtigste Mittel für alle Erkrankungen, die in Folge von Unterdrückung von Freiheit auftreten. Es wird besser durch Reisen, besser durch frische Luft, besser durch offene Fenster und alle Erkrankungen verschwinden durch Verliebtsein. Wilhelm Reich hat es sehr schön beschrieben: "Der, der sich befreit, wird nicht von den Diktatoren gekreuzigt, sondern von den Unbefreiten." Der Unbefreite neidet dem Befreiten so sehr seine Freiheit, dass er ihn tötet, um nicht vom Befreiten ständig an sein eigenes Unfreisein erinnert zu werden.

Also merken wir uns, dass es tuberculinum besser geht durch Wind und Freiheit und schlechter durch geschlossene Fenster, geschlossene Herzen und durch Angst vor Freiheit. Geben wir unseren Patienten tuberculinum, um ihnen Mut zur Freiheit zu machen. Einer der schönsten Sätze von Rudolf Steiner ist: "Freiheit bitte!"

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Mehr über ihn unter: www.andreaskruegerberlin.de

Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag


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