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Entspannung als Lebenskunst. Ein Gespräch mit der Berliner Stress-Expertin Doris Kirch


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KGS Berlin: Nach dem fundierten "Handbuch Stressbewältigung" haben Sie die "Anti-Stress-Box" mit praktischen Anleitungen und Übungen für jede Lebenslage herausgegeben. Doch jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse und reagiert je nach Stimmung und Situation unterschiedlich. Welche Zielsetzung und Methodik verfolgen die vorgestellten Entspannungstechniken?
Kirch: Auch wenn Bedürfnisse, Stimmungen und Situationen unterschiedlich sind - das menschliche Gehirn beziehungsweise der gesamte Organismus funktioniert bei jedem Menschen gleich. Diese Tatsache macht man sich bei den Entspannungstechniken zunutze. Sie zielen auf einen Konditionierungseffekt ab, der es den Praktizierenden erlaubt, sich mit fort-schreitender Übung immer schneller und immer tiefer zu entspannen.

Sie beschäftigen sich ausführlich mit dem Autogenen Training. Was ist das Besondere dieser Methode und welche Missverständnisse gilt es zu vermeiden?
Beim Autogenen Training handelt es sich um eine Entspannungsmethode, die ebenso simpel wie effektiv ist. Sie ist leicht erlernbar, fast überall anwendbar, und wenn sie durch regelmäßiges Üben erst einmal im Bewusstsein verankert ist, verlernt man sie auch nicht mehr. Das ist wie beim Radfahren oder Schwimmen. Eines der größten Missverständnisse ist, dass viele Leute glauben, es würde ausreichen, sporadisch nach Lust und Laune zu trainieren. Der gewünschte Konditionierungseffekt kann nur durch systematisches Üben über einen bestimmten Zeitraum erreicht werden.

Was hat man genau unter "Geführten Meditationen" zu verstehen? Ist es nicht gerade das Eigentümliche an "Phantasiereisen", den Gedanken freien Lauf zu lassen?
Hinter dem Begriff "Phantasiereisen" verbergen sich verschiedene Ansätze, Vorgehensweisen und Ziele. Allen gemeinsam ist, dass sie mit inneren Bildern, also Inhalten des Unterbewusstseins arbeiten. Man unterscheidet dabei hauptsächlich das Visualisieren (man stellt sich im Geiste etwas vor, das man schon einmal gesehen hat, zum Beispiel den letzten Urlaubsort) und das Imaginieren (hier gibt man der Fantasie freien Raum und lässt Bilder aus dem Unterbewusstsein aufsteigen, zum Beispiel bei der Gestaltung eines geheimen Kraftortes). Für Ungeübte eignen sich Anleitungen mit vorgegebenen Bildern - wie in der CD der Anti-Stress-Box - besser.

Auf der vierten CD bieten Sie die Sequenzen "Motivation für den Arbeitstag" und "Entspannt nach Hause kommen" an. Wie hat man sich das vorzustellen?
Der Beginn einer Sache ist immer ausschlaggebend für ihren Verlauf und auch für ihren Erfolg. Deshalb ist es wichtig, auf das, was auf uns zukommt, gesammelt zuzugehen. Diese CD hilft zum einen, sich innerlich zu kräftigen und sich positiv auf den Arbeitstag einzustimmen - und damit unnötigen Stress zu vermeiden; zum anderen vermittelt die CD Anregungen und Übungen, um den Arbeitstag hinter sich zu lassen, zu verarbeiten und sich unbelastet auf die Freizeit vorzubereiten.

Die musikalische Tiefenentspannung stellt das Thema des Wassers in den Mittelpunkt. Welche Bedeutung hat das Wasser für Philosophie und Praxis der Meditation?
Psychologisch-symbolisch gedeutet steht Wasser für unsere Emotionen, also für das, was uns in den Tiefen unseres Unterbewusstseins bewegt. Um den Stress des Alltags zu verarbeiten, muss man nicht gleich eine Psychotherapie machen. Es reicht bereits aus, sich in sich selbst zu versenken und dort eine Zeitlang absichtslos zu verweilen. Mit der Musik dieser CD taucht der Hörer metaphorisch ausgedrückt in seine eigene Tiefsee ein und er wird anschließend sanft wieder ins Tagesbewusstsein zurückgeführt. Das Verweilen in dieser Stille ist überaus angenehm und es hat eine starke regenerierende und beruhigende Wirkung.

Neben dem Autogenen Training gilt die Progressive Muskelentspannung als Klassiker unter den Entspannungsmethoden. Für welche Menschen sind die Verfahren jeweils geeignet und worin bestehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede?
Das Besondere an diesen "Klassikern" ist, dass sie von jedermann erlernt werden können. Es gibt sogar Kurse für Kinder. Beide Methoden sind leicht erlernbar, können fast überall angewendet werden, und sie können nicht mehr verlernt werden, wenn der Konditionierungseffekt erst einmal erreicht wurde. Die Auswirkungen auf Körper und Geist sind nahezu identisch. Das Autogene Training ist eine sehr ruhige Methode, bei der man sich spezielle Entspannungsformeln im Stillen selbst vorsagt. Die Progressive Muskelentspannung hingegen ist ein aktives Entspannungsverfahren, das mit Muskelkraft arbeitet. Es wird von Personen bevorzugt, die sich nicht hinlegen und von hundert auf null entspannen können, sondern lieber über die Aktivität in die Ruhe kommen.

Sie sprechen immer wieder vom "Konditionierungseffekt". Was bedeutet er und wie wird dieser am besten erreicht?
Wir sprechen im Zusammenhang mit dem Erlernen bestimmter Entspannungstechniken von Konditionierung. Das beschreibt die Fähigkeit unseres Körper-Geist-Systems, bestimmte Dinge zu erlernen und sich zu merken. Wenn Sie das erste Mal üben, ist das so, als würden Sie eine Bresche durch einen Dschungel schlagen. Je öfter Sie diesen Trampelpfad dann entlanggehen, umso mehr wird er zu einem sicheren, festen Weg, der nicht mehr zuwächst. Beim Autogenen Training und der Progressiven Muskelentspannung bedeutet das tägliches, mindestens 20-minütiges Üben über einen Zeitraum von acht bis zehn Wochen.

Viele Menschen sehnen sich nach Ausgeglichenheit und innerer Ruhe, finden aber aufgrund beruflicher oder privater Belastungen keinen Zugang zur passenden Methode. Was raten Sie diesen Betroffenen als Spezialistin für Stress?
Wenn jemand sagt: "Ich habe keine Zeit, eine passende Entspannungsmethode zu finden", bedeutet das nichts anderes als: "Etwas anderes ist mir wichtiger." Vor den Erfolg haben die Götter auch hier den Schweiß gesetzt. Ich rede gerne davon, dass manchmal ein Gegenfeuer angezündet werden muss, um einen Waldbrand zu löschen. Betroffene sollten sich bewusst machen, dass Stressbewältigung nicht auf das isolierte Praktizieren verschiedener Methoden und Techniken begrenzt sein darf, wenn sie erfolgreich sein soll. Sie sollte als neuer Lebensstil, als Lebenskunst praktiziert werden, in welchen über die Zeit immer mehr Elemente integriert werden, die das Leben lebenswerter machen. Ein umfassender Leitfaden für solch ein Leben ist übrigens mein Handbuch Stressbewältigung, das ich Betroffenen für den ersten Schritt und als treuen Begleiter auf ihrem Weg ans Herz legen möchte.


CD-Tipp:
Doris Kirch, Anti-Stress-Box
Entspannen und meditieren, Anleitungen und Übungen für jede Lebenslage, Mankau Verlag, 1. Aufl. März 2010; 29,95 Euro (D) / 30,20 Euro (A)
5 CDs, Gesamtlaufzeit: ca. 277 min
ISBN 978-3-938396-40-7