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Nur entspannen oder wirklich loslassen - wie weit willst du gehen? Von Thilo Engel


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Viele Menschen verspüren Sehnsucht nach mehr Lebendigkeit in ihrem Leben und nach einem intensiveren, bewussten Wahrnehmen ihrer Gefühle. Als Barriere zwischen sich und ihren Emotionen empfinden sie Ihren Körper und wünschen sich daher "Entspannung". Doch der Weg zu mehr Lebendigkeit und wahrem Entspannt-Sein führt über die Gefühle. Deshalb kommt entscheidend darauf an, was du willst. Willst du dich einfach nur für einen Augenblick wohlfühlen - oder willst du entspannt, gelöst und lebendig dein Leben leben, bei dir selbst ankommen?
Wenn du dich für den Augenblick entspannen willst, brauchst du nur zwei, drei Mal mit einem Seufzer so auszuatmen, als würdest du einen schweren Koffer abstellen, den du gerade getragen hast: schon löst sich oberflächliche Anspannung, und ein Wohlgefühl stellt sich ein. Das ist schön und daran ist auch nichts verkehrt, doch es ist nur der erste Schritt zu wahrer Entspannung, dauerhaftem Loslassen.
Anspannung entsteht durch bewusste und unbewusste Gedanken oder durch Gefühle, die gefühlt werden wollen, aber meist nicht wahrgenommen werden, weil das Weghalten durch ein Dagegen-Anspannen schon so zur Gewohnheit geworden ist. Die Ursachen dafür können vielfältig sein: Vielleicht gab es unangenehme Situationen in deinem Leben, denen du hilflos ausgeliefert warst? Situationen, in denen deine Gefühle so bedrohlich erschienen, dass du bewusst oder unbewusst die Entscheidung getroffen hast, dich lieber anzuspannen, um sie aushalten zu können - und damit das, was dir gerade zugemutet wurde?
Das Anspannen in bedrohlichen oder unangenehmen Situationen ist ein ganz natürlicher und wichtiger Überlebensreflex. Da die bedrohlichen Momente aber meistens nur kurz sind, könnte der Mensch sich danach wieder entspannen - so wie sich zum Beispiel Rehe auszittern, wenn sie der Gefahr entkommen sind. Doch der Mensch hat diesen Reflex, gespeicherte Energie wieder loszulassen, im Laufe seines Lebens verloren. Er ist so auf das Überleben getrimmt, dass er lieber schnell Strategien entwickelt, um nicht erneut in unangenehme oder bedrohliche Situationen zu kommen, um nicht wieder Angst oder Schmerz fühlen zu müssen.

Leider kostet uns dieses Weghalten von Gefühlen und Vermeiden von unangenehmen Situationen sehr, sehr viel Kraft, denn die Anspannung im Körper wird aufrechterhalten oder sogar noch verstärkt. Diese Anstrengung nimmt uns einen großen Teil unserer Lebendigkeit. Wir fühlen uns wie betäubt, können das Leben nicht wirklich genießen, weil wir uns selbst und unsere Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen - im schlimmsten Fall bis zur totalen Erschöpfung, zum Burnout.
Was wir brauchen, ist mehr Mut. Mut zum Hinschauen und Mut zum Fühlen der alten, in der Anspannung gespeicherten, aber auch der neu hinzugekommenen Gefühle, um sie nicht länger mit uns herumzuschleppen als nötig. Du wirst sehen: Durch das Zulassen der Gefühle entspannt sich der Körper immer mehr, weil die Notwendigkeit des Festhaltens nicht mehr besteht.
In einer Therapiestunde sagte ein Klient zu mir, er würde da gern "drüberstehen", seine Emotionen "im Griff haben", um das Gesicht und die Gelassenheit zu wahren. Um cool zu bleiben. Und trotzdem entspannt.
Doch das funktioniert eben nicht. Denn der Körper spannt sich dadurch nur noch mehr an, und unter der dünnen Maske der gespielten Gelassenheit toben die Gefühle. Und du kannst dir sicher sein: Gerade dann, wenn wir sie nicht haben wollen, tauchen sie unangemessen heftig auf, weil sie sich durch das lange Weghalten aufgestaut haben. So entsteht bei vielen Menschen die Frage: "Was kann ich tun, damit ich beim nächsten Mal in einer ähnlichen Situation angemessener reagieren kann?"

Ein paar Grundregeln: Damit du dich wirklich entspannen kannst, ist es wichtig,
- dass du lernst, den ganzen Körper wahrzunehmen, ohne etwas zu tun; dass du alles spürst und alles zulässt, was gerade da ist.
- dass du deinen Atem frei werden lässt, z.B. durch Atemarbeit.
- dass du deinen Körper durch Körperarbeit (z.B. Schmelzatemarbeit) löst, um von der Gewohnheit des Anspannens zur Gewohnheit des Hinein-Entspannens und Fühlens zu kommen.
- dass du deine bewussten und unbewussten Gedanken erforschst: Welchen Grundüberzeugungen folgst du, die dich eng machen? Welche Gedanken helfen dir, dich zu öffnen?
- dass du lernst, deine Wunden und Verletzungen anzunehmen und zu würdigen.
- dass du dich für all deine Gefühle öffnest, die damit verbunden sind. Es geht darum, sie zu fühlen, ohne sich dagegen anzuspannen und ohne darin zu baden. So kann tieferes Loslassen geschehen und mehr Lebendigkeit, Freude und Frieden erfahren werden.

Wenn du diese Regeln verinnerlichst, wird dein Körper wirklich tiefer loslassen. Er kann weich und gelöst bleiben, weil du im Loslassen die wunderbare Erfahrung gemacht hast, dass Gefühle gefühlt werden können, selbst wenn sie übermächtig erscheinen. So kommst du Schritt für Schritt mehr bei dir selbst an und kannst offener und lebendiger im Leben stehen.

Thilo Engel ist Heilpraktiker für Psychotherapie, Mentor und Therapeut am Berliner Institut für tiefenpsychologische und existentielle Psychotherapie und verfügt über langjährige Erfahrungen in Psychotherapie, Integraler Körperarbeit und leitet seit 2010 das Projekt "Innere Freiheit finden" in der JVA Brandenburg.

Nächster Kurs in Körperarbeit zum Loslassen ab Do 07.09.17
Bewusstheitsgruppe "ein Kurs im Loslassen" in Berlin Grünau ab Mi 06.09.17
Weitere Infos: www.thiloengel.de