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Bei sich selbst ankommen heißt erwachen. Von Amoura Schneider-Ahmed


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Wir teilen im Grunde alle den einen Wunsch: Endlich zu sein, wer wir wirklich sind. Bei uns selbst ankommen, frei sein von äußeren Zwängen, in Harmonie mit der Welt, den Menschen und diesem Leben. So muss der Himmel auf Erden sein.
In der Regel verschieben wir unsere Hoffnung auf den nächsten Urlaub, das nächste Retreat oder sogar auf unser nächstes Leben. Manchmal aber haben wir das Glück uns schon hier und heute mit diesem Wunsch beschäftigen zu dürfen. Und manchmal werden wir durch unglückliche Umstände wie Krankheit, Verlust und Leiden vom Leben dazu gedrängt. Irgendwann aber - früher oder später - müssen wir uns die Frage stellen, was dies denn nun tatsächlich bedeutet: bei sich selbst ankommen. Intuitiv spüren und wissen wir, wie es sich anfühlen wird, wenn dieser Wunsch in Erfüllung gegangen sein wird. Nur wissen wir nicht, wie wir dies erreichen können.
Nehmen wir diesen Wunsch wörtlich, fällt auf, wie paradox er eigentlich ist. Bei uns selbst ankommen können wir doch nur, wenn wir zuvor von uns weggegangen sind! Da es jedoch auf keinen Fall tatsächlich möglich ist, von uns selbst wegzugehen, muss es sich auf einen inneren, nicht-körperlichen Vorgang beziehen. Wir müssen uns also auf eine innere Suche begeben, einen inneren Weg gehen.
Jetzt eröffnet sich ein großes Angebot an Wegweisern, und die meisten dieser Wegbeschreibungen gehen ebenfalls davon aus, dass ein solcher innerer Weg tatsächlich existiert. Und so werden wir auch dort mit der Idee konfrontiert, dass es eine Menge zu tun gibt, um unser Ziel zu erreichen. Und im Laufe der Zeit wird immer deutlicher, dass es auf all den angebotenen Wegen kein Ankommen gibt: Es gibt immer mehr zu verbessern und mehr zu tun. Es gibt immer höhere Stufen, mehr Disziplin, mehr Liebe oder Demut zu entwickeln. Aber auch wenn all diese Schlagworte nirgendwo hinführen und auf den ersten Blick ein Gefühl vermitteln, etwas tun zu müssen, haben diese tatsächlich auch einen Sinn: Sie weisen auf etwas hin. Allerdings weisen sie nicht auf etwas hin, was wir brauchen, sondern weisen auf das hin was wir in Wirklichkeit sind. Das ist ein großer Unterschied.
Zum Glück ist es wie bereits erkannt: wir sind immer schon bei uns selbst (Wo sollten wir denn sonst sein?) und deshalb existiert auch nicht wirklich ein Weg im eigentlichen Sinn. Der "Weg" besteht vielmehr darin, zu erkennen, was uns den Blick auf diese Tatsache verstellt. Wir befinden uns in einer Art Trance, einer Illusion von Ideen und Überzeugungen, die uns vorgaukeln, von uns entfernt zu sein. Und genau diese Illusion erzeugt unser Gefühl des Unerfüllt- und Unglücklich-Seins. Diese Illusion gilt es zu enthüllen und zu durchschauen.
Sind sie erst einmal durchschaut, verlieren Illusionen augenblicklich ihre Macht und ihren Reiz. Wenn wir also schon bei uns sind und uns lediglich eine Trance, eine Illusion davon abhält dies zu erkennen, kann es um nichts anderes gehen, als diese Illusion zu enttarnen und die Trance zu beenden. Genau genommen gibt es gar nichts zu tun, vielmehr geht es darum, aufzuhören etwas zu tun.
Was genau suchen wir, wenn wir uns danach sehnen bei uns selbst anzukommen? Entspannung, das Gefühl von Glück, Frieden, Zufriedenheit - vielleicht Freiheit? Und wie gelangen wir dorthin? Indem wir bemerken und erkennen, dass wir schon immer dort waren, uns also niemals wirklich davon entfernt haben, geschweige denn entfernen können. Wir beschreiten den weglosen Weg. Wir erwachen aus der Trance und erkennen unser wahres Selbst. Dieses wahre Selbst ist das, was wir immer gesucht haben - nur eben an der falschen Stelle, mit den falschen Mitteln und vielleicht etwas irreführenden Wegbeschreibungen.
Zu uns selbst zu kommen bedeutet, alle (falschen) Vorstellungen von uns fallen zu lassen, zu sein was wir wirklich sind: vollkommen frei und anstrengungslos. Bei sich selbst ankommen heißt erwachen.

Amoura Schneider-Ahmed
www.blei-zu-gold.de